Megawerbung in Manila

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Strippenzieher der großen Bilder

Arbeiter in einem GerüstSie sind die Strippenzieher in der Welt der großen Bilder. Jeden Tag verändern diese Männer das Gesicht der philippinischen Hauptstadt Manila. In den hohen Stahlgerüsten sind sie kaum zu erkennen. Louie Nangorog balanciert auf schmalem, manchmal rostigem Grad ohne Sicherheitsleine, dabei geht es steil nach unten.

Louie Nangorog, Installateur für Werbeplanen:
"Wenn ich mich anseilen würde, könnte ich mich nicht mehr so schnell bewegen. Deshalb verzichte ich lieber. Angst habe ich nicht, solange die Gerüste nicht umfallen, ist alles okay."

Manila - Metropole der Reklame

Die Skyline von ManilaDann ein Regenschauer, die Stahlstangen werden glitschig, doch Louie und Kollegen installieren davon unbeeindruckt weiter die Werbung für die Modemarke. Der Auftraggeber drängelt, und sie müssen heute noch andere Gerüste erklimmen.

Nach zwei Stunden blickt der kleine Riese in die Ferne auf die noch größere Konkurrenz. An jeder Hauptstraße stehen sie. Bis zu 50 Meter hoch - allein in Manila gibt es mehr als 2.000 überdimensionale Werbeplanen. Sie prägen die Metropole wie die Jeepneys auf der Straße und die Slums.

Oben Werbung - unten Armut

Eine Familie im SlumOben die heile Werbewelt, darunter Alltagselend. Über diesem Armenviertel ragen gleich mehrere Gerüste in den Himmel, und ein Hochspannungsmast. Die Familien haben zwar Angst, einer der Stahlkolosse könnte irgendwann auf sie fallen, denn bei Stürmen kommt das immer wieder vor. Aber sie wissen nicht, wo sie sonst leben sollen. Sie wohnen dichtgedrängt, viele ohne Fenster, aber dank des Werbegerüsts sind die Behausungen aus Blech und Brettern sehr stabil.

Auch vor Menchis Zimmer bilden die Streben den Eingang. In diesem Raum wohnt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern. Bei Regen fließt das Wasser vom Gerüst zu ihr rein, bei starker Sonne wird es durch den aufgeheizten Stahl noch wärmer. Trotzdem haben sie sich den Ort ausgesucht.

Menchi Torres:
"Durch die Stahlkonstruktion haben wir einen vorgegebenen Rahmen für das Haus. An den Stangen konnten wir das Holz befestigen. Wir haben dadurch Geld und Material gespart."

Ein gut bezahlter Job: Sieben Euro am Tag

Ein Monteur klettert im GerüstLouie steigt Menchi aufs Blechdach. Der nächste Auftrag: Ein kleines Plakat für einen Politiker. Louie macht die Arbeit seit 12 Jahren, noch nie sei etwas passiert, nur einmal beinahe, da kamen sie gerade noch rechtzeitig von einem Gerüst, bevor es aus der Verankerung riss. Wir wagen uns angeseilt bis zur Hälfte hoch und staunen über seine Schuhe.

Louie Nangorog:
"Ich kann mich darin gut bewegen, sie sind nicht rutschig. Sicherheitsschuhe trage ich nur, wenn wir die Gerüste aufbauen. Sonst sind sie mir einfach zu heiß. Gefährlich wird es hier oben, wenn bei starkem Wind die Seile durch die Gegend fliegen und sich die Planen lösen. Auch ein Erdbeben habe ich mal erlebt, aber das Gerüst war zum Glück stabil."

Als Kind ist er gerne auf Kokosnusspalmen geklettert. Und auch mit 44 kommt er noch mühelos nach oben für rund sieben Euro am Tag. Louie ist dankbar für die Arbeit, einen besser bezahlten Job würde er nicht so schnell finden. Und es gibt immer viel zu tun, denn die Werbebranche liebt die Riesenanzeigen. Im Dauerstau ziehen sie Tag und Nacht Blicke auf sich, gelegentlich auch den Unmut der Behörden, die sie abnehmen lassen, wenn zu viel nackte Haut zu sehen ist.

Die Werbeplanen sind ein großes Geschäft, auch für kleine Leute. Shirley Mabon holt sich ausgemusterte Exemplare vom Müll und näht daraus bunte Taschen. Die verkauft sie für knapp einen Euro, für größere nimmt sie etwas mehr. Shirleys Familie kann so mittlerweile am Monatsende sogar Geld zur Seite legen.

Taschen aus Plakaten

Eine Frau mit bunten TaschenShirley Mabon:
"Sie sind wasserdicht und daher sehr praktisch. Diese Sporttasche habe ich entworfen und schon häufig verkauft. Diese hier ist fürs Büro und die Schule, da knicken Mappen und Papier nicht. Hier ist eine für Computer. Studenten haben eine Arbeit über mich geschrieben - und danach kam wollte die ganze Klasse welche haben."

Nur einen Tag in der Woche kann Louie nach der Arbeit zu seiner Familie. Sie lebt in einem Dorf am Rande von Manila: bis zu drei Stunden die Fahrt dorthin. Normalerweise schläft er daher im Laden seines Arbeitgebers. Die Familie wohnt in einer kleinen Hütte. Er wollte gerne einen Sohn, bekommen hat er acht Töchter. Sie leben von der Hand in der Mund. Außer Hamburger und Cola sind die Produkte auf den Webeplanen für die Familie unerreichbar.

Louie Nangorog:
"Wenn ich mal in der Lotterie gewinnen sollte, würde ich mir einen Traum erfüllen und ein Moped kaufen, für das der Boxer Paquiao Werbung macht. Dann könnte ich auf dem Expressway fahren. Da ist nicht so viel Verkehr und ich wäre schnell zu Hause."

Kein Platz für Angst

Werbeplakate bei NachtEhefrau Marina hat ständig Angst um ihn, am meisten, wenn die Planen bei Taifunen schnell abgenommen werden müssen, damit der Sturm sie nicht samt Gerüst zu Boden reißt.

Marina Nangorog:
"Ein paar Mal habe ich ihn da oben gesehen. Das macht mich noch nervöser. Ich bete jeden Tag, dass Gott auf ihn aufpasst. Ich brauche meinen Mann noch, wir haben schließlich viele Kinder zu ernähren."

Louie selbst guckt sich die Werbung auch gerne an, nur zu sexy dürfe sie nicht sein. Dann sagt er seinen jungen Kollegen, sie sollen besser weggucken, sonst greifen sie beim Klettern noch daneben.

(Quelle: daserste/werg)

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