Komasaufen auf der Urlaubsinsel

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Insel PagOb Lloret de Mar in Spanien oder die kroatische Insel Pag: Jugendliche aus ganz Europa suchen im Urlaub das Massenvergnügen. Abifahrten zur Stranddisco, Clubpartys mit 3000 Besuchern, Komasaufen mit mehrtägigem Ausnüchterungs-Chill – diese Sparte der Reisebranche boomt immer mehr. Die Anwohner vor Ort sind nicht ganz so beglückt. Diese Art von Tourismus wollten sie eigentlich doch nicht haben.
Wie lange sie das schon durchhalten, weiß kein Mensch, vielleicht erst seit einer Stunde, vielleicht auch schon seit gestern – oder seit vorgestern. Novalja, Kroatien, Europas neuester Hotspot. Ibiza an der Adria. Es ist der Höhepunkt der Partysaison, drei Tage und Nächte geht es durch, Novalja nonstop. Novalja, das sind vor allem die drei Clubs in der Bucht von Zerće, zu Fuß zu erreichen vom Ort. Drei Clubs, zusätzlich etliche kleinere Strand-Discos, Lautsprecherboxen groß wie Kleiderschränke, Preise wie in Europa. Die Umsätze werden als Betriebsgeheimnis gehütet, kein Mensch weiß, was hier getrunken wird.

Jugendliche im Papaya-ClubIm Papaya-Club steht an diesem Abend DJ Tiësto aus Italien am Pult, ein Weltstar an den Turntables. Der Musikkanal MTV und diverse Alkohol-Produzenten zahlen mit. Aus halb Europa sind sie gekommen, auffallend sind die Cliquen der ganz Jungen, manche haben ihre Abiturfeier nach Novalja verlegt. Gegen sieben Uhr morgens wird es sich erst leeren, dann ist irgendeine Art von Ruhe angesagt, zum späten Frühstück im Ort wird es schon wieder in ihren Ohren wummern, dann geht es von vorne los.Die Party, die Beats, die Unabhängigkeit, das ist die eine Seite von Novalja.

Bewohner von NovaljDas ist die andere. Novalja ist eine gute Recycling-Quelle geworden. Ein Wirtschaftsfaktor sogar, und einer, der Wachstumsraten vorgibt, wie sie sonst selten geworden sind. Alles hat jetzt irgendwie mit Wein, Weib und Gesang zu tun. Viertausend Einwohner hat Novalja, im Sommer sind es zehnmal soviel. 40.000, mindestens die Hälfte davon junge Party-People. Angesichts der Wachstumsraten des Party-Tourismus ist die laute Kritik daran verstummt. Wir suchen das normale Leben von Novalja, aber was heißt hier noch normal? Normal ist: nichts ist mehr normal in Novalja. Zdenko Zeneral kann die Musik nicht mehr hören, nicht das Wachstumsgerede, das er für pure Lügen hält. Sie sind wie Aussätzige auf der eigenen Insel. „Kroatien, das war einmal, Novalja verkommt. Es soll schon Tote gegeben haben, es wird gesoffen bis zum Umfallen, Drogen soll es da geben. Solche Leute bestimmen heute das Bild von Kroatien!“

StrandpartyDen Ton geben Leute wie er an: Ivan Dabo, der Bürgermeister, er hat die Finger in allen Projekten, Gegner sagen, er arbeitet auf eigene Rechnung. Er hat den Tourismus modernisiert. „Wenn solche Massen hierher kommen, dann gibt es natürlich immer welche, die sich schlecht benehmen. Aber nach jeder Party mit Tausenden von Leuten wird jeden Morgen alles sauber gemacht. Und schon um acht Uhr beginnt das Tagesprogramm, das geht bis zum Abend und dann kommt das Nachtprogramm.“

Müllberge After-Beach-Party, für viele ist es Party anstatt Beach, eine Mütze voll Schlaf liegt dazwischen. Dee-Jay Morales, eine andere Größe der elektronischen Musik, gibt sich und seinen Bodyguards die Ehre. 32 Grad, vielleicht 120 Dezibel oder mehr, dreitausend Leute oder mehr - allein in diesem einen Club, Getränke bis zum Abwinken. Zwanzig, fünfundzwanzig Tausend junge Leute sollen an diesem Tag am ganzen Strand sein. Auf dem großen Campingplatz von Novalja. Hier hausen viele der Jungen, hier hat man ihnen ein abgelegenes Areal zugewiesen, zuviel Ärger mit den anderen. Gleich bei der Anmeldung werden sie gefragt, ob sie auch zu den Party-Leuten gehören. Dann kommen sie in ihre eigene Ecke. Der Manager hält den Trend zum Party-Tourismus für falsch. Zuviel, zu laut, zu billig, zu mafiös. “Ich muss es leider sagen: Die Stadt Novalja ist kein richtiger Urlaubsort mehr“, meint Campingmanager Zvonimir Tudorović. „Wir haben 25 bis 30 Tausend Leute hier, die Party feiern, wir haben aber nur 50 Polizisten, das ist doch völlig lächerlich!“

Jugendliche im Papaya-Club Polizei, Drogenfahnder, Alkoholkontrollen auf der Straße bekommen wir nicht zu Gesicht. Man habe alles im Griff, heißt es bei der Gemeinde. Die Polizei darf uns nichts sagen. Die Sicherheit vor Ort hat man den privaten Party-Veranstaltern überlassen. Zwanzig Prozent Minus soll der kroatische Tourismus jetzt in der Krise erwarten, Novalja hat fast zehn Prozent plus! Wer will da irgendetwas in Frage stellen.

(Quelle: kroatien-net/swr/werg)

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