Land für Landlose

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Erst vor kurzem sind in Brasilien wieder 5 „Landlose“ ermordet worden. Die ungleiche Landverteilung führt seit Jahrzehnten zu Konflikten zwischen armen Landarbeitern und reichen Großgrundbesitzern, insgesamt liegt die Zahl der Todesopfer inzwischen bei über 1.500. Einen Ansatz zur Lösung hat jetzt die brasilianische Regierung präsentiert mit dem Programm „Terra Legal“, das den illegalen Landbesetzern nun tatsächlich eigenen Grund und Boden zuspricht. Doch vermutlich werden viele Landlose trotzdem wieder leer ausgehen, weil das Gesetz nicht alle berücksichtigt.

Dorf auf besetzem LandSeine Leute nennen den Dorfchef Indio, weil er wie ein Indianer aussieht. Wenn Indio zur Dorfversammlung ruft, dann beschwört er die Familien der Gemeinschaft zum Durchhalten. Denn obwohl sie in Armut leben und sich, schon weil sie hier sind, tagtäglich in Lebensgefahr begeben, haben sie ein Ziel. Eigenes Ackerland! Sie alle sind Landlose. Eigentlich Bauern, aber ohne Land um etwas anzubauen. Denn die erschlossenen Gebiete Amazoniens haben längst Großfarmer illegal und ohne Besitzurkunden unter sich aufgeteilt.

Valdilene Souza Cordeiro und ihr Mann Rosivaldo Almeida haben mit 60 anderen Landlosen-Familien diese Farm eines Großfarmers besetzt und sich klapprige Schilfhütten zum Leben gebaut. Das Land, das sie gerne beackern würden, liegt direkt vor ihnen. Doch sie trauen sich nicht, es mit teurem Saatgut zu bepflanzen, weil vielleicht der Farmer wiederkommt und sie vertreibt. „Uns erschien es als einzige Chance, Land von denen zu besetzen, die es selbst dem Staat gestohlen haben“, erklärt Indio.“ Wir hatten gehofft es behalten zu dürfen und so bald den Traum vom eigenem Land zu erfüllen.“ Stattdessen pflanzen sie Bohnen auf winzigen Parzellen direkt hinter der besetzten Farm. Zum verkaufen reicht ihre Ernte nicht, nur eben so zum überleben.

Valdilene Souza Cordeiro"Viele Leute hier leiden wirklich Not und das Land wird so verschwendet. Ich kämpfe nicht nur für mich, sondern für die Zukunft meiner 6 Kinder",.sagt die 33-jährige Valdilene Souza Cordeiro - und auf die Frage, warum sie Entbehrung und Gefahren auf sich nimmt: „Ich will nicht, dass meine Kinder so leiden, wie ich gelitten habe als ich klein war, denn das war wirklich sehr schlimm." Rosivaldo führt uns zu der Stelle, an der ein Freund von einem Killerkommando erschossen wurde. Für ihn ist klar, dass der Farmer die Mörder geschickt hat. Die Landlosen wollten hier ihre Hütten bauen als ein LKW voll mit Bewaffneten kam. Ein Dutzend Männer schoss einfach drauflos. Frauen, Kinder, Männer - sechs Verletzte, Antonio, der Freund war tot. "Alle die dabei waren können die schlimmen Bilder nicht aus dem Kopf kriegen. Ich war dabei, ich habe alles gesehen, auch wie er sterbend vor mir am Boden lag."

AmazonasgebietIm riesigen Amazonasgebiet hat die Polizei es schwer, die Korruption dagegen blüht. Antonios Mörder jedenfalls wurden nie bestraft. Der Landkonflikt hat viele Opfer wie ihn gefordert. Menschenrechtsorganisationen sprechen von 1500 Toten, seit sich die Großfarmen in den Regenwald fressen und immer mehr Dschungel brennt, damit Felder entstehen können. Decio Nunes schwört, nie einen Baum gefällt zu haben. Er hat Land von Holzfällern gekauft, nachdem die es gerodet hatten. Doch auch dieser Handel war illegal, offiziell gehören die Weiden immer noch der Regierung. Dennoch züchtet Nunes auf gut 400 Hektar Rinder. 400 Hektar, das ist für Amazonien eine mittelgroße Farm. Genau die Größe, die die Regierung mit einem neuen Gesetz im Auge hat. Mit dem "Terra legal" zu Deutsch: Legales-Land-Programm werden Farmen in der Größe wie die von Decio Nunes legalisiert. Die Farmer lassen sich jetzt registrieren und bekommen das Land geschenkt, das sie sich irgendwann einfach genommen hatten. Sie dürfen künftig nur noch kleine Gebiete abholzen. Werden aber mit der Unterschrift im Handumdrehen aus illegalen zu legalen Farmern. "Ich finde das Programm wunderbar“, meint der Farmer Decio Nunes, „wir müssen uns bei denen bedanken, die die Idee hatten, das Land zu legalisieren. Es arbeitet sich auf legalem Land viel besser und sicherer."

Großfarmer Percio Barros An den Kragen will Terra legal den Großfarmern mit 2 -, 5 -, oder sogar 10.000 Hektar. Percio Barros ist so ein Großfarmer. Bei der Fahrt durch das verbliebene Stück Regenwald auf seinem 4000 Hektar großen Land, beklagt er sich: Als er vor 37 Jahren aus dem Süden kam, hätte jeder so große Parzellen besetzt. Und der Staat schrieb ihnen vor, mindestens die Hälfte des Waldes abzuholzen, damit die Fläche produktiv wird. An dem Tropenholz das hier mal wuchs, hat er gut verdient. Heute lebt auch er von der Rinderzucht. Jetzt will der Staat 3/4 seines Land enteignen und auf dem was ihm bleiben soll, muss er den Wald wieder aufforsten. „Ich glaube nicht, dass sie mein Land kriegen werden. Diese Typen aus der Hauptstadt haben doch keine Ahnung, die kennen unsere Probleme nicht. Sie wollen mir mein Land wegnehmen, weil ich zu groß bin? Nein, ich bin nicht groß, meine Fläche hat nur 1500 Hektar!“ Bei seiner Rechnung nutzt er ein Hintertürchen, das das neue Gesetz ihm lässt. Und dazu braucht er seine Familie. Statt sich enteignen zu lassen, und das ist die Hauptkritik von Jane Silva, Direktorin der zuständigen Landpastorale, profitieren auch die Großfarmer von Terra legal, werden für mögliche Gesetzesbrüche in der Vergangenheit sogar belohnt, wenn sie ihr Land behalten dürfen. "Sie teilen ihre Farm einfach unter Verwandten und sogar unter ihren Arbeitern auf. Wenn die Farmer sich das Land mit Gewalt aus öffentlichem Besitz aneignen konnten, dann kannst Du mir glauben, wenn es jetzt auch noch ein Gesetz gibt, dass die Legalisierung ermöglicht, und dazu haben die Großen auch noch gute Anwälte, dann werden auch sie das ganze Land am Ende behalten können."

Ein friedliches Nebeneinander von Farmern und Landlosen wird Terra-Legal nicht bringen. Die Landlosen haben kein Land, das sie sich registrieren lassen könnten. Valdilene, Rosivaldo und all den Leuten von Dorfchef Indio würde nur eine große Landreform helfen. Das Gesetz hierzu liegt seit dreißig Jahren in irgendeiner Regierungsschublade und wird nicht umgesetzt. Also warten sie weiter, essen ihre Bohnen und hoffen, dass die bewaffneten Killer ihrer Feinde nicht wiederkommen.

(Quelle: ard/ws/werg)

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