Dubai in Krisenzeiten

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Höher, schicker, teurer, das war die Devise des Emirats Dubai noch bis vor kurzem. Ein Boomland der Superlative, das auch vielen Europäern Traumjobs bot. Die deutsche Finanzkauffrau Christine Murray war eine von ihnen, sie hat sich hier ein neues Leben aufgebaut – bis sie durch die Finanzkrise ihren Job verlor, und damit auch die Aufenthaltsgenehmigung. Aus der Traum heißt es auch für die vielen Inder und Pakistanis, die in Dubai einfache Jobs verrichtet haben und so ihre Familien zuhause über Wasser hielten. Zehntausende müssen den Golfstaat nun wieder verlassen und dürfen noch nicht mal darüber reden. Selbst Medien, die über Dubai in der Krise berichten wollen, werden von der Obrigkeit Geldstrafen angedroht.

Christiane Murray Christiane Murray fährt gegen die Zeit. Sie hat ihre Arbeit verloren und damit auch ihre Aufenthaltsgenehmigung. Vier Wochen bleiben ihr, einen neuen Job in ihrer Wahlheimat Dubai zu finden. Wenn nicht, dann ist Schluss für die erfolgreiche Finanzkauffrau. Dann muss sie das Land verlassen. Auch wenn sie schon seit 12 Jahren am Golf wohnt und arbeitet. „Wir befinden uns ein bisschen in einem „state of shock“ – wie man im Englischen sagen würde. Vielen waren die Konsequenzen der Rezession, die auch Dubai durchlebt, einfach nicht so klar. Es hat schon einiges erfordert, auch von mir, zu realisieren: mein Gott, es hat auch Dubai getroffen.“

Hotel Burj al ArabBoomstadt Dubai: Noch als die Finanzkrise weltweit bereits Staaten an den Rand des Bankrotts drückte, glaubte Dubai die eigene Erfolgsgeschichte unbeirrt weiter schreiben zu können. Die höchsten Bauten, die teuersten Hotels, der größte Flughafen. Immer im Superlativ. Plötzlich doch der Fall: Verschuldete Investoren: Bauruinen, Hochhausskelette, Kräne und Bagger, die sich seit Monaten nicht mehr bewegen. Tausende ausländische Fachkräfte wurden arbeitslos. So wie Christiane Murray. Sie sucht Hilfe in Arbeitsagenturen. Derzeit werden dort Leute eher massenhaft raus vermittelt und nur noch wenige rein. Arbeit ist in Dubai jetzt Mangelware. „Wir freuen uns auf die Tage, wenn es wieder etwas mehr wird“, meint Norman Sterz von der Arbeitsagentur Departer in Dubai.“ Da wir aber auch in der Lage sind, Personen nach Deutschland zurück zu vermitteln - was ja der zweite Schwerpunkt unserer Tätigkeit ist - sind wir sozusagen sehr flexibel aufgestellt.“

Ausländische ArbeiterSchätzungsweise mehr als 100.000 Ausländer haben bereits Dubai verlassen. Verlassen müssen. Die Baubranche ist eingebrochen. Am härtesten trifft die Krise die ganz unten: Bauarbeiter. Vorwiegend Inder und Pakistani wurden als Billigkräfte ins Land geholt und werden jetzt, wo sie nicht mehr gebraucht werden, regelrecht hinausgekarrt. Auch wenn sie bereits Jahre im Land leben. In den Massenunterkünften der modernen Arbeitsnomaden herrscht spürbare Angst Viele bangen um ihren ohnehin kargen Lohn von umgerechnet etwa 200 Euro im Monat. In den Camps zu filmen, ist verboten. Medien, die sich daran nicht halten, werden von der Regierung mit Rauswurf und hohen Geldstrafen bedroht. Wir drehen heimlich. Menschen werden in Kleinstwohnungen zusammengepfercht. Dusche und Toilette gibt es oft nur für ein Dutzend Arbeiter. Zwei junge Männer aus Indien wollen mit uns sprechen, aber nur anonym. Sie sind eingeschüchtert. „Die Firmen nutzen unsere Lage aus. Sie wissen, dass wir das Visum verlieren, wenn wir keinen Job haben. Drei Monate haben sie mir den Lohn vorenthalten. Dann wurde mir doch gekündigt. Nächsten Dienstag muss ich das Land verlassen.“ Der andere sagt: „Ich gehe in Schande zurück in mein Dorf, ohne Geld. Wir haben kaum Rechte. Wir können nicht streiken. Hier gibt es keine Demokratie. Der Herrscher von Dubai ist das Gesetz und wenn du etwas gegen ihn sagst, kannst du nie mehr nach Dubai zurück. Deswegen schweigen alle.“

Muhammad Al Maktum: Der Emir von Dubai. Ein Herrscher zwischen feudaler Tradition und Moderne. Er will den kleinen Golfstaat zum führenden Handelszentrum des Mittleren Ostens ausbauen. Hartnäckig schweigt er zur Krise. Dabei musste er sich erst kürzlich 20 Milliarden Dollar vom Nachbarn Abu Dhabi leihen, um fällige Schulden zahlen zu können. Dennoch, der Emir habe die richtige Vision, glaubt Christiane Murray, die sich mit einer pakistanischen Freundin trifft. Beide sind arbeitslos, vom Rauswurf bedroht und machen sich gegenseitig Mut. „Wir müssen auf dem Boden bleiben“, meint Minelle Gholami. „Immer noch leben wir hier besser als in unseren Heimatländern egal ob wir aus dem Westen oder Osten kommen. Wir brauchen allerdings mehr Realitätssinn. Nicht nur wir, die Arbeit suchen, müssen uns daran gewöhnen, dass der Lebensstandard in Dubai sinken wird, dass wir weniger verdienen werden und alles etwas langsamer geht. Aber das ist immer noch besser als in sein Heimatland zurück zu müssen. Und Christiane Murray ergänzt : „Manches wird hier sehr bürokratisch gehandhabt. Aber was so faszinierend ist, manche Dinge gehen so fantastisch schnell, dass man Veränderungen praktisch über Nacht erreichen kann. Man kann Firmen gründen. Wenn man eine Nische für sich entdeckt, um ein Geschäft aufzumachen, kann man es einfach tun. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich zu verwirklichen.“

Skyline Dubai„Alles geht“: Noch immer ist dieser Traum am Golf nicht ausgeträumt. Das kleine Emirat Dubai hat sich innerhalb zweier Jahrzehnte zu einem global aufgestellten Handelsstandort entwickelt. Wegen der aktuellen Krise mussten viele Prestigeobjekte gestoppt werden. Gezwungenermaßen konzentriert sich das Land jetzt auf das Notwendige. Die Infrastruktur wird ausgebaut. Wie ein neuer Großflughafen, die Erweiterung des Containerhafens oder die neue Metro. Zwar sei es in Dubai schwer an verlässliche Wirtschaftsdaten zu kommen, sagt die deutsch-emiratische Handelskammer. Aber: Das Land stehe nicht vor dem Ruin – im Gegenteil, es mache sich fit für die globalen Märkte. Auch wenn vor allem die Baubranche – „Real Estate“ genannt – schwer angeschlagen sei. „Es gibt einen Stillstand im Bereich „Real Estate“. Das ist sicher für das jeweils einzelne Projekt dramatisch“, erklärt Oliver Parche von der Deutsch-Emiratischen Handelskammer. „Aber Dubai hat auch die Kreativität, sich wieder nach vorne zu entwickeln. Sie sagen jetzt, o.k. wir konzentrieren uns nun auf die Projekte, die im Moment wichtig sind, wie die Infrastrukturprojekte. Aufgrund der rasanten Entwicklung in der Vergangenheit hat Dubai das lange vernachlässigt. Und wenn man sich darauf konzentriert, tut die Krise Dubai letztendlich gut.“

Wer als Ausländer keine Arbeit hat, muss Dubai verlassen. Christiane Murray will sich damit noch gar nicht befassen. Das wäre so als hätte sie schon aufgeben. Sie will aber bleiben – in einem Land, das die Zukunft noch vor sich habe .

(Quelle: swr/ws/werg)

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