Schweinegrippe durch Farmen?

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

„Diese Recherche verläuft wie ein Krimi“

SchweinefarmAusgangspunkt: der Ort La Gloria in Mexiko – Ground Zero der Schweinegrippe: hier tauchten im März die ersten Schweinegrippe-Fälle auf, hier gab es die ersten Toten, hier liegt aber auch eine riesige Schweinefarm der amerikanischen Firma Smithfield. Bewohner, die einen Zusammenhang vermuten, werden eingeschüchtert, erhalten sogar anonyme Morddrohungen. Wissenschaftler, die das Phänomen untersuchen wollen, werden daran gehindert. Das gleiche Bild auch in North Carolina, am Stammsitz der US-Firma. Auch hier Einschüchterungsversuche gegen Wissenschaftler und Umweltaktivisten. Bereits 1998 war hier die Schweinegrippe bei den Tieren ausgebrochen, die Nachricht sollte vertuscht werden. Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Massentierhaltung und Viruserkrankung bei Menschen können die Wissenschaftler nicht nachweisen, aber eine Studie zeigt: Arbeiter in Schweinefarmen haben 50mal mehr Antikörper gegen das Virus im Blut als Durchschnittsbürger.

La GloriaMalerisch liegt das Dorf La Gloria im Tal – doch mit der Idylle ist es vorbei. Im März erkrankten tausend Einwohner an Symptomen, wie sie später bei der Schweinegrippe auftraten. Seitdem gilt La Gloria in Mexiko als Ausgangspunkt der Pandemie, Ärzteteams aus aller Welt untersuchen bis heute die Dorfbewohner. Guadelupe Serrano hat eine andere Mission – er kämpft gegen riesige Schweinefarmen in der Umgebung, und glaubt, dass sie für den Ausbruch der Schweinegrippe in seinem Dorf verantwortlich sind.Er will mit Betroffenen reden, doch stößt fast überall auf Ablehnung. Der 66-jährige Händler möchte die Schweinefabriken der Firma Caroll wieder loswerden. Mit anderen Dorfbewohnern hat er eine Zugangsstraße blockiert, ihm droht eine Gefängnisstrafe. Anonyme Morddrohungen habe er schon mehrfach erhalten, erzählt er. Wer dahinter steckt, das weiß er nicht genau. „Ich habe Angst, dass mir oder meiner Familie etwas passieren könnte, sagt Guadelupe. Wenn mir etwas zustoßen sollte, dann mache ich den Gouverneur, den Bürgermeister und diese Firma verantwortlich.“

SchweinefarmZusammen mit Guadelupe und anderen Einwohnern steigen wir einen kleinen Hügel hoch und schauen ins Tal hinunter. Dort unten liegen sie, die Schweinefabriken von Caroll, die zum US-Schweinezüchter Smithfield gehören. Eine Million Tiere werden hier jährlich industriell gemästet, auch mit Antibiotika. Der Abfall der Fabriken würde das Grundwasser verschmutzen, glauben diese Männer, unter ihnen der Reporter Miguel Diaz. Er hat in einem Dokumentarfilm festgehalten, wie es auf diesen Farmen zugeht, etwa bei der Entsorgung von Tierkadavern – sein Film hatte Folgen für ihn. „Ich habe meinen Job bei einem Lokalsender verloren, erzählt er. Sie haben mir verboten, diesen Film öffentlich zu machen, weil er das Image unseres Senders beschädigen würde.“

Schweine produzieren mindestens drei Mal so viel Fäkalien wie ein Mensch – diese riesige Menge Kot wird in Auffangbecken entsorgt, aber darin sind auch Antibiotika und Chemikalien enthalten, ein potentieller Brutherd für Krankheitserreger. Neben den Becken liegen leere Spritzen. Im Firmenvideo wird die industrielle Tierzucht als saubere Sache dargestellt – und ein Vertreter der Firma hält die Vorwürfe der Anwohner für völlig abwegig. „Nicht nur in Mexiko, sondern weltweit ist doch bewiesen worden, dass der neue Virus nichts mit der Produktion von Schweinen zu tun hat, und das gilt auch für Kontakte zu Schweinen oder den Verzehr von Schweinefleisch“, erklärt Victor Ochoa von Granjas Caroll Mexiko

Bei derärztlichen UntersuchungIn La Gloria haben mittlerweile fast alle der dreitausend Einwohner eine Blutprobe abgegeben. Diese werden auf Antikörper der Schweinegrippe untersucht – das wäre ein Indiz für eine Infizierung. An der Universität von Mexiko hätte man gerne auch Blutproben der Schweine auf den Farmen genommen, doch man habe keinen Zugang bekommen. Einen Zusammenhang zwischen dem Virus und industrieller Tierhaltung wollen die Wissenschaftler zumindest nicht ausschließen. „Intensive Tierzucht begünstigt die Entstehung von Krankheitserregern“, sagt der Bio-Mediziner Carlos Arias Ortiz.“ Das ist ein Risiko. Die Firma Smithfield betreibt diese Farmen in Mexiko und in North Carolina. Und dort befinden sich zum Beispiel auch große Geflügelfarmen neben den Schweinefarmen.“

Die Transporte von Schweinen zwischen den USA und Mexiko seien ebenfalls ein Risiko, meint der Wissenschaftler. Die Spurensuche führt uns deshalb nach North Carolina in den USA. Dort sind wir mit Larry Baldwin und Rick Dove verabredet, zwei Umweltschützer im Kampf gegen die Massentierhaltung und damit auch die Firma Smithfield. „Sie werden sich wundern“, meint Larry Baldwin, Flusswächter in North Carolina, „wie viele Schweinefarmen wir jetzt überfliegen.“ Aus der Luft erkennt man die riesigen Anlagen, Zuchttiere von hier werden auch nach Mexiko exportiert. Die Auffangbecken schimmern pink, möglicherweise ein Hinweis auf einen giftigen Cocktail, wie die Umweltaktivisten meinen.

Filmmaterial der Umweltschützer – sie haben festgehalten, wie nach einem Hurrikan Tausende Schweine verendeten. Aber auch, wie Tierkadaver entsorgt werden. Deshalb nimmt eine Gruppe von Umweltschützern in regelmäßigen Abständen Wasserproben im Einzugsbereich der Schweinefarmen – aus ihrer Sicht führt die Entsorgung von riesigen Mengen Schweinekot zu einer Verschmutzung des Fluss-Systems. Vor einigen Jahren verendeten Millionen Fische im Neuse-Fluss, und auf dem Wasser hatte sich ein riesiger Algenteppich gebildet. „Unbehandelter Schweinekot, wie er hier aus den Anlagen abgeleitet wird, weist hohe Anteile von Bakterien, Giften und Viren auf“, meint Rick. „Das zeigen viele Studien. “Und er erzählt uns auch, dass es 1998 auf den Zuchtfarmen eine Seuche bei den Schweinen gegeben habe.

Von den US-Behörden wurde diese Schweineseuche kaum bekannt gemacht. Melva Okun hat ihre Dissertation über die Massentierhaltung von Schweinen geschrieben. Als sie den Gesundheitsbehörden 1998 ihre Hilfe anbot, stieß sie auf heftige Ablehnung. „Mir schlug eine große Feindseligkeit entgegen. Wie ich überhaupt davon gehört habe, wurde ich gefragt, und ich solle auf keinen Fall darüber reden. Und dann legten sie auf. Es war, als hätte ich eine Geheimzelle des CIA angerufen, als ginge es um eine strenge Geheimsache.“ Ein Jahr später verlor die Wissenschaftlerin ihren Job an der Universität. Sie führt das auf ihre kritische Haltung zur Tierzucht zurück.

PipettenDas Institut für öffentliche Gesundheit in Chapel Hill. Für Professor Steve Wing steht außer Frage, dass Massentierhaltung schwerwiegende Folgen für Natur und Mensch hat. Er hält generell eine Übertragung zwischen Mensch und Tier in Schweinefarmen für durchaus möglich. „Studien zeigen, dass die Verbreitung von Antikörpern zur Schweinegrippe bei Arbeitern in Schweinefarmen 50 mal so hoch ist wie bei Menschen, die keinen Kontakt haben.“ „Keiner unserer Beschäftigten hat sich mit dem neuen Virus infiziert, erklärt dagegen der Manager der Farmen in Mexiko. 600 Arbeiter haben direkten Kontakt zu den Schweinen, und kein einziger von ihnen ist an diesem Virus erkrankt.“

Edgar HernándezWir sind wieder zurück in La Gloria – Guadelupe Serrano nimmt uns noch mit zu einer Welt-Berühmtheit – Besuch bei dem 6jährigen Edgar Hernández. Er wurde im April als erster Mensch mit dem neuen Virus positiv getestet. Die Krankheit verlief bei ihm mild und er ist inzwischen wieder völlig gesund – so viel Glück hatten nicht alle in La Gloria, meint Guadelupe Serrano. „Es gab viele Kranke hier, sagt er, und es hat auch Tote in den letzten Monaten gegeben.“ Und dann führt uns Guadelupe zum Marktplatz. Dort hat der Gouverneur eine Statue für den „Patienten Null“, also den kleinen Edgar, aufstellen lassen. Noch ist sie verhüllt, sie soll offiziell eingeweiht werden. Guadelupe hält das ganze für geschmacklos. „Die machen sich damit über alle Mexikaner lustig. Das ist nicht gerecht, was soll diese Statue.“ Irgendwie ist das verhüllte Denkmal ein Symbol – für die offenen Fragen und die Geheimniskrämerei, denen wir in La Gloria und anderswo begegnet sind...

(Quelle:rp/swr/ard/ap/werg)

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