Der giftige Fluß

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Der Fluss lässt ihn nicht mehr los. Huo Dai Shan misst, dokumentiert und fotografiert ihn, seit sieben Jahren nun schon. Weil er uns umbringt, sagt er. Früher hat er darüber geschrieben, als Journalist, bis die Zensur ihn mundtot machte. Seitdem ist Huo Umweltaktivist in der Provinz Henan. Der Huaifluss und seine Nebenarme gehören zu den giftigsten in ganz China. Und von dieser gefährlichen Brühe müssen Dörfer leben. "Huangmenying hat gut zweitausend Einwohner und über 150 Krebsfälle", erklärt Huo Dai Shan. "Diese Strasse nennen wir die Krebsstrasse. In dieser Familie hat jemand Krebs, im Nachbarhaus auch, daneben auch und hier gegenüber auch".

Kong He Qin ist 30 Jahre alt und wird jung sterben müssen. Mit 24 diagnostizierten die Ärzte erstmals Krebs, seitdem führt die tapfere Frau einen aussichtslosen Kampf: "Ich bin schon dreimal operiert worden. Zuletzt hier am Hals, an der Schilddrüse. Davor wurde Darmkrebs entfernt, ich trage einen künstlichen Ausgang. Und hier hatte ich Unterleibskrebs". Kong He hat sich am Flusswasser vergiftet, sagt Huo. Warum sonst sterben hier so viele Leute so jung an Krebs, fragt er und zeigt uns Fotos. Schüler, die sich mit Atemschutzhauben gegen giftige Dämpfe schützen. Fotografen mit Schutzmasken, die tote Fische knipsen. Kleinkinder mit riesigen Operationsnarben, Krebskranke Dorfbewohner. Und Huo zeigt uns, wie der Fluss normalerweise aussieht. Von den Dämpfen, sagt er, seien hier schon Menschen erblindet.

"Es gibt ein Sprichwort hier", meint der Umweltaktivist Huo Dai Shan: "Wenn der Fluss sauber ist, kommt bestimmt ein Minister. So ist das immer. In der Stadt fand gerade eine Umwelt-Konferenz statt, deshalb wurden die Einleitungen gestoppt. Eine absurde Show, mit der lokale Funktionäre verhindern wollen, dass die Wahrheit bis nach Peking dringt".

Die Kehrseite des chinesischen Wirtschaftswunders: Chemiefabriken leiten giftige Abwässer in die Zuflüsse des Huai. Und weil das in China der Normalfall ist, droht das chronisch wasserarme Reich der Mitte in einer tödlichen Kloake zu ersticken. Peking weiß das und hat Hunderte Millionen Euro investiert. Doch das Geld ist versickert im Sumpf profitgieriger Lokalpolitiker und Unternehmer. "Die Zentralregierung in Peking nimmt das Problem durchaus ernst und hat vor 10 Jahren ein grosses Abwasserprogramm aufgelegt. Doch meine Recherchen haben ergeben, das zwei Drittel aller Massnahmen nur auf dem Papier existieren".

Die Opfer der Umweltkatastrophe: Millionen Dorfbewohner, die vom Flusswasser leben. Und die sich längst nicht mehr alles gefallen lassen. Es hat Aufstände gegeben, blutige Bauernrevolten gegen das Ökodesaster. Huo lehnt gewaltsame Proteste ab. Stattdessen sammelt er Haarproben fürs Labor und versucht, die Regierung in Peking für seine Sache zu gewinnen. Natürlich bestreiten Fabrikbesitzer und Lokalpolitiker, dass die Menschen vom Wasser krank werden. Doch warum, fragt Huo, kann ein Drittel aller Frauen plötzlich keine Kinder mehr kriegen? Warum gibt es jetzt so viele missgebildete Kinder? Und warum leiden so viele junge Menschen an Krebs, Hautkrankheiten und Durchfall? Die Fakten werden siegen, sagt er und meint Fälle wie diesen: Ein Kind, das, wie ihm der Vater erzählt, mit drei Jahren seine erste Tumoroperation erdulden musste.

Liu Yu Zhi ist 36 Jahre alt. Als sie 30 wurde, kam der Krebs. Das Wasser, von dem sie heute trinkt, erzählt sie, kommt aus einem Brunnen, 600m tief, den die Behörden vor einigen Monaten endlich gebohrt haben. Davor hat sie ihr Trinkwasser, wie alle Dorfbewohner, aus dem Fluss gepumpt. Auch Huang Wei Xia. Ihr Mann ist Wanderarbeiter in Shanghai. Warum, fragt sie, bekam er immer Durchfall und Fieber, wenn er sie besucht hat? Und warum war er gesund, sobald er das Dorf verliess? Ihr Vater liegt im Sterbebett. Krebs. Das kann auch andere Ursachen haben, natürlich, doch wer glaubt das schon hier im Dorf, wo fast alle krank sind. Familien wie diese hätten sich tief verschuldet, erzählt Huo, für Medikamente und Ärzte. Deshalb habe er Hilfe organisiert, für insgesamt 200 Krebspatienten: Eine Firma spendet Arzneimittel, junge Ärzte behandeln kostenlos.

Aktivisten wie Huo leben gefährlich in China, viele sitzen im Gefängnis. Doch einfach zusehen, wie seine Heimat ökologisch zugrunde geht, das kann er nicht: "Wenn sie das Wasser hier aus dem Stausee in den Fluss lassen, steigen giftige Dämpfe auf. Umliegende Fabriken müssen schliessen, weil die Arbeiter dann geschwollene Augen haben. Und Schüler müssen zur Schule gebracht werden, weil sie die Strasse nicht mehr erkennen können. Im Tierpark sind sogar zwölf Affen erblindet".

Es ist ein einsamer Kampf, den Umweltschützer wie Huo in einem Land führen, das so brachial auf Wachstum setzt wie China. Koste es, was es wolle.

(Quelle: br/ard/werg)

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