Der Herr der Ringe

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Als der Jude Hans Stern 1939 mit 17 Jahren vor Hitler nach Rio de Janeiro geflüchtet war, arbeitete er zunächst in einer Briefmarkenfirma, und dann bei einem Edelstein-Unternehmen. Als er zum ersten mal ein Juwel in der Hand hatte, war es Liebe auf den ersten Blick. Stern verkaufte schweren Herzens sein geliebtes Akkordeon für 200 Dollar: Startkapital für sein eigenes Juweliergeschäft, heute einer der größten Schmuck-Firmen der Welt. Noch heute besiegelt er auch die größten Geschäfte mit Handschlag, und noch heute reist der 84-jährige kreuz und quer durch Brasilien, die Heimat der Edelsteine.

Immer tiefer abwärts – in die Innereien der gesegneten brasilianischen Erde. Hier unten warten die edelsten der edlen Steine seit Urzeiten auf denjenigen, der sie aus Feldspat und Granit befreit. Einen wie Roque Almeida. Umgerechnet 20 Euro im Monat Grundgehalt verdient der Familienvater, wenn er gar nichts findet. Wenn das Glück ihm hold ist, winken pro Stein bis zu 100 Euro Prämie. Aber das ist extrem selten. Heute ist ein guter Tag für den 51-jährigen. "Was ist das?", fragen wir. "Das ist ein Aquamarin-Kristall. Ziemlich gute Qualität, glaub ich. Man muss ihn noch säubern, um es genau zu sehen".

Brasiliens beste Steine landen seit 60 Jahren bei Hans Stern, einem der größten Juweliere der Welt. 84 ist er gerade geworden, und noch immer besucht der Edelsteingigant regelmäßig die Minen, vor allem im Bundesstaat Minas Gerais. Persönliche Kontakte zu seinen Partnern waren ihm stets heilig, der zerbrechlich wirkende aber in Wahrheit energiegeladene Pionier wird von ihnen geradezu verehrt. Nichts ist ihm fremd in der Welt der Juwelen, und das hat ihn zu einem Realisten gemacht...

Mittagspause für die sechs Garimpeiros, die Edelsteingräber der Aquamarin-Mine Santa Maria. Ein halbes Jahr haben sie geschuftet für den Inhalt dieses Papiertütchens. Wie das tropische Meer im Sonnenschein, die Verkörperung von Frieden und Glück: Aquamarin, einer der schönsten Rohstoffe für das Juwelen-Imperium von Hans Stern. Unauffälliger Dienstwagen, nichts läge dem gebürtigen Essener ferner als Protzen. Einziges Zugeständnis an sein Alter: seit einigen Jahren kommt er statt um acht erst um 8:30 Uhr in seine Firmenzentrale in Ipanema, Rio de Janeiro. Unbeeindruckt von Dutzenden Operationen, unter anderem wegen Hautkrebs, dirigiert er seine 3500 Mitarbeiter weltweit mit denkbar knappen Telephonaten. So schreibt Stern seine e-mails: auf einer uralten Reiseschreibmaschine, die Sekretärinnen tippen sie ab und versenden sie. Das Firmenjahrbuch 1997: Ringe und Colliers im Ethno-Style; eine Innovation, die der alte Herr nur widerwillig akzeptiert hat.

Sohn Roberto ist als Chefdesigner für das umstrittene Jahrbuch verantwortlich. Family-Business mit Mutter Ruth, Vater Hans und ihren insgesamt vier Söhnen. Eine der letzten Weltfirmen, die noch immer nicht an die Börse gegangen ist und alle Fäden in Familienhand behält. Jahresumsätze im mittleren dreistelligen Millionen-Dollar-Bereich, 160 Filialen weltweit, derzeit expandiert das Imperium in Europa, im Mittleren Osten und vor allem in Russland. Stern-Colliers für eine halbe Million Dollar kann man auf Oscar-Verleihungen bewundern, am Hals von Catherine Zeta-Jones und Angelina Jolie; aber 90 Prozent des Umsatzes macht Stern mit Pretiosen im Wert von 300 bis 3000 Dollar.

Die meisten der monatlich 20.000 Schmuckstücke entstehen am Firmensitz in Rio unter permanenter Aufsicht des ruhelosen Hans Stern. Der Herr der Ringe verlangt höchste Qualität von seinen Angestellten, zahlt aber auch überdurchschnittlich. Um sein Schönheits-Fließband am laufen zu halten, besucht Hans Stern - wie vor 60 Jahren als 23-jähriger Glücksritter zu Pferde - noch heute die Fundstellen in Minas Gerais. Seine jüdische Familie war in letzter Sekunde vor Hitler nach Brasilien geflüchtet, 1945 gründete er seine Edelstein-Firma. Andere Juweliere haben kaum Zugriff auf die besten Steine, weil Stern die Minenbesitzer seit 30, 40 oder 50 Jahren kennt. In der einzigen nennenswerten Mine für Imperial-Topas weltweit müssen fünf Tonnen Erdreich müssen bewegt werden, um ein Karat des extrem seltenen Edelsteins zu finden, 25 Tonnen für ein Gramm. Diamanten sind dagegen fast Allerweltssteine. In diesem Geröll-Konzentrat verbirgt sich der honigfarbene Kaiser-Topaz, und selbst davon sind 90 Prozent Ausschuss. Nur die reinsten und größten Steine sind edel genug, um Juwelen daraus zu schleifen. 60 Prozent dieser Top-Qualität ist für Hans Stern reserviert.

"Er ist unser Hauptkunde, eigentlich ist er mehr als das: er ist unser Partner", erklärt der Minenbesitzer Wagner Corumbarolli. "Wir geben ihm unsere besten Steine. Wissen Sie, Hans Stern ist fast nicht mehr als Person zu bezeichnen, er ist ein Mythos". Brasilien hat ihn reich gemacht – steinreich. In den 40er Jahren sei er in dieser Gegend von Raubtieren angegriffen und von Giftschlangen gebissen worden, erzählt er uns beim Abschied, unserer letzten Sternstunde. Aber – und dabei zeigt er sein bleistiftfeines Lächeln – er lebe ja noch. Ein kristallklarer Realist auf ständiger Suche nach ewiger Schönheit.

(Quelle: mineralium.com/pi.gov.br/daserste/juwelier-roller)

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