Anti-Chauvi-Kurse für Rentner

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

 Aufstehen – tief Luft holen – für die Sätze, die ihr Leben verändern sollen. Einer spricht vor. Wir haben keine Angst, Entschuldigung zu sagen. Wir zögern nicht, uns zu bedanken. Schämt Euch nicht: "Ich liebe die Dich" zu sagen.

Zu Hause kommt das den meisten von ihnen nur schwer oder gar nicht über die Lippen. Die Männer betrachten sich selbst als Haustyrannen. Doch ihnen sitzt die Angst im Nacken. Ihre Frauen drohen mit Scheidung, deshalb wollen sie sich ändern. Shuuichi Amano hat die Selbsthilfebewegung gegründet, als seine Frau ihn vor die Tür setzen wollte. Auch sie konnte sein Machogehabe nicht mehr ertragen. Mittlerweile stehen japanische Männer Schlange, um in seinen Kursen einen respektvolleren Umgang mit ihren Ehefrauen zu lernen. "Mach das Essen, das Bad, und das Bett. Vielmehr sagt der klassische japanische Haustyrann nicht zu seiner Frau", erklärt Herr Amano noch aus eigener Erfahrung. "Ein Mann zeigt keine Gefühle, lacht nicht. Das fände er würdelos. Nach der Hochzeit glauben viele, daß sie sich nicht mehr um die Frau kümmern müssen, sie hat zu dienen".

Affären, Gefühlskälte, Wutausbrüche. Ihre ehelichen Sündenregister sind lang. Außer freundlichen Worten lernen die Männer hier in Rollenspielen Deeskalationsstrategien für den Ehealltag. Er spielt den Mann, und das ist seine Frau. Dicke Luft. Sie denkt, er habe eine Geliebte. Die Gesprächsposition ist schon falsch. Im Streitfall niemals gegenübersitzen, erfahren die Männer, denn so schaukeln sich die Emotionen zu schnell hoch. Der Ehemann fängt noch mal von vorne. Nebeneinander ist es besser, man kommt sich schneller wieder näher. Der nächste Fehler: Die Ehefrau verdächtigt ihn, nachts auf der Terrasse mit dem Handy Liebesbotschaften an eine andere Frau zu schicken. Er redet sich raus: Da ist gar nichts, ich lasse den Hund doch nachts immer noch mal vor die Tür. Die Kursteilnehmer lernen anschliessend, dass sie die eigene Frau nicht für dumm verkaufen sollen. Die Abende sind lustig – aber die Ehekrisen ernst.

Auch er gehört zur Gruppe: Früher hat sich Yoshimichi Itahashi nicht um die Familie gekümmert. Er dachte nur an sein eigenes Unternehmen. Er ging morgens und kam nach Mitternacht zurück. Er schmiss Teller auf den Boden, wenn etwas nicht nach seinem Willen lief. Auch er wollte die Scheidung, aber als dann konkret wurde, begann sein Umdenken. "Früher dachte ich wirklich, Männer sind schlauer als Frauen. Ich habe nur langsam verstanden, dass meine Frau eigentlich alles besser kann als ich. Sie weiss mehr, sie kann kochen, sie hat die Kinder großgezogen. Männer können sich nur draußen rumtreiben, sich amüsieren und schwere Sachen tragen." Nun er hört seiner Frau Hisano zu, wenn sie ihm was erzählt. Im Haushalt macht der 65jährige zwar immer noch nicht viel, aber er erledigt, was sie ihm aufträgt. Hisano Itahashi hat sich auch verändert. Sie arbeitet, um selbständiger zu sein. Wenn ihr Mann nach Hause kommt – wartet sie nicht mehr untertänig an der Tür. "Als junge Frau war ich unternehmungslustig, aber die Ehe und meine Kinder hatten mir irgendwann alle Energien geraubt. Was mache ich im Alter, habe ich mich gefragt? Die Kinder sind weg. Ihm bleibt seine Firma. Plötzlich hatte ich Angst vor der Zukunft. Ich fühlte mich einsam zu Hause." Sie haben sich zusammengerauft. Danke und Entschuldigung – für Yoshimichi Itahashi sind die Worte längst selbstverständlich. Und er liebt seine Frau, da ist er sich sicher. Er hat es ihr nämlich schon gesagt.

Die andere Seite: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen nun in Rente. Die drohende dauerhafte Heimkehr ihrer Ehemänner verursacht bei japanischen Frauen schon jetzt Panik, Herzbeschwerden, Depressionen. Eine Scheidungswelle unter Senioren rollt auf Japan zu. Unterstützt noch durch ein neues Gesetz, dass geschiedene Frauen ab April finanziell besser absichert. Ryoko Fukuda wollte nicht mehr solange warten. Sie hat den ehelichen Alptraum schon früher beendet. Auf japanischen Hochzeitsfotos wird immer ernst geguckt – aber ihre Ehe sah von Anfang nicht nach großer Liebe aus. 22 Jahre hat sie es mit ihm ausgehalten. "Ich durfte nur Fernsehen gucken, wenn er geschlafen hat: Es ging immer nur um ihn. Er hat zwei Stunden zu Abend gegessen. Ich durfte dann kein Wort sagen. Wenn ich weggehen wollte, brauchte ich seine Erlaubnis. So war der Alltag mit ihm." Ein Hundeleben. Jahrelang hat sie es aus Angst vor dem Alleinsein und den finanziellen Konsequenzen einer Scheidung ausgehalten. Heute gibt sie Klavierunterricht, hat sich zur Psychotherapeutin ausbilden lassen und kümmert sich um die Enkel. "Nach einer Woche waren alle Schmerzen und Ängste weg. Ich konnte gar nicht mehr verstehen, warum ich nicht viel früher gegangen bin. Ich fühlte mich plötzlich frei und konnte nur noch an mein neues Leben denken. Heute bin sehr glücklich."

Die Haustyrannen gehen nach der monatlichen Sitzung gemeinsam Essen. Die wichtigste Regel: Sie können sich nur ändern, wenn sie ehrliche Gefühle für ihre Frau haben. Aber daran zweifeln sie nicht. Im Restaurant an der Wand hängt neben den drei Grundsätzen auch ein Stufensystem. Wer ohne Scham seiner Frau "Ich liebe Dich" sagt erreicht die Höchststufe 10: Yoshimichi Itahashi hat sich so den Respekt seiner Kollegen verschafft. Entschuldigung und Danke sind okay, aber "Ich liebe Dich" ist wirklich schwierig, sagt Herr Tanaka. Ich habe es mal probiert, aber dann hat meine Frau gesagt: Was ist lost mit Dir? Geht es Dir nicht gut? Für jede Stufe eine Urkunde: Herr Satoh hat die 4 erreicht, weil er Frauen den Vortritt gelassen hat. Sein nächstes Ziel: Ein Spaziergang mit seiner Ehefrau Hand in Hand. Das wäre Stufe 5. Und wenn er ihr dabei auch noch zuhört – geht der Aufstieg weiter und aus dem Haustyrannen wird vielleicht irgendwann eine liebevoller Ehemann.

(Quelle: fr-online/tiefkultur.de/daserste/1.bp.blogspot.com/werg)

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post