Rio`s "Mafiasoldaten"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Armutsviertel in Rio de JaneiroSie sind gerade einmal zehn oder elf Jahre alt und schon feste Mitglieder der Mafia-Banden von Rio. Drogen, Prostitution, Raub, Menschenhandel und Mord - den Kindern ist nichts fremd, was zur organisierten Kriminalität gehört. Südamerika- Korrespondent Thomas Aders und seinem Team gelang es, ganz nah an die Kinder heranzukommen. Aders durfte sich unter den Augen der Mafia-Bosse frei in den Elendsvierteln, die sie kontrollieren, bewegen. Einzige Bedingung: Er und sein Team sollten schwarze T-Shirts tragen, als Zeichen ihrer Neutralität. Denn wer in den Favelas die falsche Farbe trägt, wird oft zur Zielscheibe von Auftragskillern.

Jedes zweite Opfer ist zwischen 15 und 25

Helio Ezequiel wurde hingerichtet: mehrere Schüsse aus kurzer Distanz. Trauer um ein weiteres Opfer des Drogenkriegs in Rio de Janeiro. Seit Januar das eintausendzweihundertste.
"Vor einem Monat hab' ich meine kleine Tochter beerdigt, und heute ist es mein Bruder", sagt Edna Ezequiel, seine Schwester. Tränenreicher Abschied von einem Jugendlichen auf dem Friedhof São-Francisco, Reihe 20.

Jedes zweite Opfer ist zwischen 15 und 25, und auch die Täter werden immer jünger. Es herrscht Kinderkrieg in Rio, und wir wollen an die Front.

Schichtwechsel in Vila Aliança, im äußersten Norden der Traumstadt. Carlos übernimmt den Posten am Rande der Favela. Er ist ein Olheiro, ein Aufpasser. Ungewöhnlich für einen 14-jährigen, aber Carlos ist bereits seit drei Jahren im Geschäft und ein Profi. Sein Walkie-Talkie darf er nicht aus der Hand geben, und die 9-mm-Taurus schon gar nicht. Darauf steht die Mafia-interne Todesstrafe.

"Mit der Waffe fühl ich mich cool", erklärt "Aufpasser" Carlos Pereira. "Wenn ich die bei mir habe, kommt die Polizei nicht so einfach in meine Nähe. Und wenn sie doch kommt, dann werden wir schon sehen, wer am Ende überlebt. Eine feine Schießerei, mit feinen Kugeln."

"So ein verflixtes Leben"

Mutter Maria hat Medikamente für ihren Jüngsten gekauft. Carlos hat ein schwaches Herz. "Er lebt so ein verflixtes Leben, da hat er keine Zeit, sich vernünftig zu ernähren. Wenn er mal hier ist, nutze ich immer die Gelegenheit, ihn ein wenig zu pflegen, zu füttern und ihm gute Medikamente zu geben", sagt Maria Pereira, Hausfrau.

Bruder Fernando ist Bodyguard des Drogenbosses und wird gerade erst wach, es ist Nachmittag. Bei den Pereiras herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, und dass alle zehn Familienmitglieder zur gleichen Zeit da sind, kommt nie vor. Vielleicht auch besser so, bei nur 16 Quadratmeter Wohnfläche.

Wie die 51-jährige Maria und ihr Mann die Familie durchbringen, ist uns ein Rätsel. Sie arbeitet nicht, und er verdient 80 Reaís, umgerechnet 35 Euro. Nicht am Tag, sondern im Monat! Da bereitet jeder Gang zum Supermarkt Kopfzerbrechen, und wahrscheinlich stecken Carlos und sein großer Bruder Fernando der Mutter manchmal ein paar Scheine zu. Beide verdienen als Mafiamitglieder in der Woche mehr als der Vater im Monat.

Die Vila Aliança gehört zu den ärmsten Gegenden von Rio, und sie ist zu hundert Prozent in den Händen des Terçero Comando, des Dritten Kommandos. Die Kindersoldaten der zweitgrößten Drogenbande Rios bewachen die strategischen Plätze, und sie gehören selbst zu den größten Rauschgiftkonsumenten. Eigentlich sind sie immer zugedröhnt.

"Wenn ich älter bin, kann ich mir schon vorstellen, wieder in die Schule zu gehen, und ein normales Leben zu haben", träumt der 17-jährige Edmar vor sich hin. "Schule wäre schon cool, oder mal ein Job! - Wenn ich bis dahin überlebe. Wie viele von uns sind hier schon abgekratzt, und sie waren noch jünger als wir? Eine Menge, Mann!"

Carlos, 14: "Ich will nur Drogen verkaufen, und sonst nichts. Du denkst nicht mal daran, hier raus zu kommen?" - fragen wir Carlos. "Nein! Ich denke an gar nichts!"

Während Carlos mit seinen Kumpels noch weiter Haschisch raucht, bereitet die Mutter das Abendessen vor: Rinderleber, 80 Eurocent das Kilo. Ihre Armut ist aber nicht das, was Maria wirklich Sorgen macht: "Wenn Carlos auf die Straße gegangen ist zum Arbeiten, bin ich immer unruhig. Oft suche ich ihn, und schaue, ob es ihm gut geht. Und wenn die Polizei kommt, werde ich fast verrückt. - Ich bin sehr traurig, wegen der ganzen Sache. Dafür hat mir Gott meinen Sohn nicht gegeben."

Zweimal die Woche besucht Maria die Gottesdienste der evangelikalen Gemeinde "Licht fürs Volk", und manchmal begleitet sie ihr Jüngster. Vielleicht aus schlechtem Gewissen.
Doch aller Liebe zur Mutter und aller herzzerreißenden Emotionen zum Trotz - zwei Stunden Singen und Beten sind dann doch zu viel für den Kleinen, der schon ziemlich viel Marihuana intus und seine Nachtschicht noch vor sich hat.

Mit 33 schon im biblischen Alter

Das ist Bigode, übersetzt Schnurrbart. Für die Drogenwelt von Rio ist er mit 33 Jahren schon im biblischen Alter. Bigode koordiniert die Aktivitäten aller seiner weit über 100 Mitarbeiter: Verkäufer, Boten, Bodyguards, Buchhalter und Aufpasser, wie Carlos. Der Motorroller ist das Dienstfahrzeug des 14-jährigen. So einen bekommen nur die wenigsten, aber der Drogen-Chef hat einfach einen Narren an dem Kleinen gefressen...

"Bigode”, Lokalchef "Drittes Kommando": "Carlos ist unser Maskottchen. Er ist sehr schlau, total clever. Der ist bei der Arbeit noch nie eingeschlafen. Er ist jetzt schon drei, vier Jahre bei uns, und er hat uns noch nie im Stich gelassen. Er ist einer der besten, die wir haben."
"Ich hab hier schon eine Menge Leute sterben sehen. So viele, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann", sagt Carlos Pereira.

Der Bürgersteig an der Malerstraße in Aliança: der zentrale Verkaufsplatz des Dritten Kommandos. Es geht zu wie in einem Supermarkt: Kundschaft, fast im Minutentakt. Mit Drogen werden in Rio am Tag Millionenumsätze gemacht, und dieser Markt ist demzufolge heftig umkämpft: Zwischen dem Dritten Kommando und ihren Todfeinden vom Roten Kommando. Jeden Tag und jede Nacht kostet dieser Krieg, in den auch die Polizei eingreift, im Schnitt zwölf Menschenleben, und fast immer sind die Opfer Handlanger wie Kindersoldat Carlos.

Alles vor den Augen der nächsten Generation

Marihuana, Haschisch, Exstasy, Schnüffelpaste und vor allem Kokain: 5 Reaís die kleine, und 10 Reaís die große Tüte, knapp drei Euro. Und das alles vor den Augen der nächsten Generation. Die Kinder spielen selbst schon mit Tütchen, wie um sich vorzubereiten.

"Die Kinder sehen unsere neuen Wagen, unsere Goldketten. Das beeindruckt sie. Sie versuchen, immer früher bei uns einzusteigen. Das ist echt so: unsere Soldaten werden immer jünger, und viele von ihnen werden nicht mal 18", erzählt "Bigode", Lokalchef des "Dritten Kommandos".

Bewegungen und Texte kreisen um Sex, Gewalt und Drogen. Baile-Funk: die in aggressive Rhythmen gegossene Weltanschauung einer Favela-Jugend ohne Job oder Zukunft. Vier Uhr morgens, Carlos schaut mit seiner Schwester Indaiá auf einen Sprung vorbei, er hat gerade Pause. Tanzen ist nun wirklich nicht sein Ding.

Neun Uhr am nächsten Morgen. Mutter Maria hat gerade Kaffee gekocht, aber Carlos, seine Schwester Indaiá und die anderen müssen erst noch geweckt werden. Das übernimmt der Vater, der in einer halben Stunde losmuss zu seinem Bus. Anderthalb Stunden an die Copacabana, wo er die Autos der Reichen bewacht. Ein weiteres Mitglied des Dritten Kommandos: Bruder Fernando, immer gut drauf. Doch man darf sich keinen Illusionen hingeben: Er hat bereits fünf Menschen auf dem Gewissen. Vielleicht ist Fernando aber auch sensibler, als man denkt: Schon ein paar mal hat er versucht, aus dem Drogenkrieg auszusteigen; vergeblich.

Keine Alternative zur Kriminalität

"Ich war letztens wieder beim Guanabara-Supermarkt, und wollte einen Job haben. Aber wenn sie sehen, wo wir herkommen, schmeißen sie uns sofort raus. Sie schauen sich nicht mal unsere Papiere an. Für uns gibt es keine Alternative zur Kriminalität", sagt "Bodyguard” Fernando Pereira resigniert.

Die Straße am großen Abwasserkanal, hier verbringt Carlos ab und zu ein paar Stunden, zwischen seinen Schichten. Eigentlich ist Drachensteigenlassen sein einziges Hobby und sein Bruder Fernando sein einziger Freund in dieser brutalen Welt.
"Wir haben unsere Feinde hier auf dieser Straße eingekreist, alle wurden hingerichtet. Unser Lied heißt: auf der Ingenieursstraße sind fünf gestorben, dazu acht auf dem Brasil-Boulevard, und noch mehr an der Ecke Parada de Lukas. So geht unser Lied vom Krieg", so Carlos Pereira. Und Fernando Pereira fügt hinzu: "Fast 200 Leute arbeiten hier in der Mafia, vom großen Fisch bis zu uns kleinen Sardinen. Und alle sagen: Ich bin dein Freund. Aber in Wirklichkeit hast du maximal zwei Freunde. Wenn der Chef es befiehlt, würden alle anderen dich auf der Stelle umbringen."

Rund um Vila Aliança: Straßensperren, um die Polizei und das Rote Kommando aufzuhalten. Aber gleichzeitig sind die Baumstämme Gefängnismauern: Draußen lauern die Todeskommandos der anderen, und Fernando und Carlos werden ihr Viertel nie mehr verlassen können.

Das Geschäft an der Malerstrasse brummt rund um die Uhr, und Carlos beginnt seine Nachtschicht bis zum Morgengrauen. Schnurrbart, sein Chef, sorgt für den richtigen Sitz der Ausrüstung, und dann geht es los: Mit seiner Honda C 100 kontrolliert Carlos die Gegend, und muss bei Gefahr sofort die anderen warnen. Dann geht es um Sekunden. Aber Carlos ist fit, und hat Nerven wie Drahtseile, trotz seiner Herzprobleme: "Als meine besten Freunde gestorben sind, da hab ich gefühlt: Es gibt jetzt keinen Ausweg mehr für mich aus dem Verbrechen. Das ist jetzt mein Leben." Wie lange, fragen wir. "Bis ich sterbe."

Am kommenden Wochenende wird Carlos 15. Der Kindersoldat des Dritten Kommandos hat danach - statistisch gesehen - noch drei Jahre zu leben.

(Quelle: daylife.com/lka/

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