Die Seele des Blues

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Der tiefe Süden. Hier wo nur Briefkästen am Wegesrand Hinweis geben auf vereinzelte Häuser weit ab. Hier auf den Feldern des Südens liegt die Geburtsstätte des Blues. Und hier lebt Willy King. Blues Musiker sein ganzes Leben lang. Nur einmal, mit 20, hat er kurz in Chicago gelebt. Aber die Stadt war ihm zu laut und zu schnell. Seit 40 Jahren hat er Alabama, seine Heimat, nicht mehr verlassen. Willy erzählt, wie er singt. Seine Worte klingen wie die Poesie seiner Lieder. Als er sieben war, hat sein Grossvater ihm die erste Gitarre geschenkt. "Mach, dass die Gitarre sagt, was Du sagst, gab er mir mit auf den Weg. Denn wisse: eine Frau gibt Dir Widerworte. Der Blues aber spricht mit dir. Er gibt Deiner Seele Frieden."

Kommt mit, sagt Willy. Ich zeige Euch, wo alles begann. Und er führt uns zu der alten Plantage. Früher lagen Baumwollfelder ringsum. Hier liegen die Wurzeln des Blues. Heute verfällt das alte Gebäude und mit ihm die Erinnerung daran, dass der Blues die Musik der Entrechteten, Versklavten, Unterdrückten war. Mit 10 hat Willy selbst begonnen auf den Feldern zu arbeiten. Die Sklaverei war da längst vorbei, aber Armut und Abhängigkeit geblieben. Oben vom Wachturm aus trieb der Vorarbeiter sie an. "Egal wie unfair Du behandelt wurdest. Du musstest schweigen. Aber wer davon singt, wie schlecht es ihm mit seiner Frau geht, der meint den Vorarbeiter und seine brutalen Methoden. Eine geheime Botschaft war das. Meine Grossmutter hat das erzählt".

Kommt mit, sagt Willy. Ich zeige Euch, wie wir leben. 30 Kilomter entfernt, eine kleine Imbissstube. Die einzige weit und breit. Das ist der Süden, sagt Willy. Süße Kartoffeln. Fisch und Hühnchen, deep fried. In Fett frittiert, weil es satt machen muss. Das war früher so, das ist so geblieben. Und geblieben ist auch der Rassismus. Weisse kommen nur selten hier her. "Wir leben hier immer noch getrennt. Die Schwarzen hier die Weissen dort. Für die Afro Amerikaner hier geht kaum etwas voran. Und viele Schwarze besinnen sich nicht mehr auf ihre Kultur und ihr Erbe."

Kommt mit, sagt Willy. Ich zeige Euch die Weiten Alabamas. Hier leben die Menschen abgeschieden und wer kann, den zieht es fort von hier. "Es ist trostlos hier, kaum Arbeit. Viele Jugendliche flüchten sich in Drogen. Sie wollen haben was sie im Fernsehen sehen und können es nicht erreichen. Sie leben nur die Kopie eines Lebens. Sie imitieren ein Leben, das nicht das ihre ist."

Kommt mit mir, sagt Willy. Ich zeige Euch meine Antwort darauf. Das Alabama Blues Projekt. Mit Blues Musikern tingelt er durch Schulen. Hohe Arbeitslosigkeit, Armut, häusliche Gewalt. Viele dieser Kinder leben in Pflegefamilien. Private Schulen sind weiss. Öffentliche, wie diese, schwarz. Mittel für Musikunterricht gibt es keine. Der Blues sagt Willy, ist Teil unserer Kultur und keiner unterrichtet das. So gehen unsere Wurzeln verloren.

"Wann hast Du Deine erste Gitarre bekommen?" fragt ein Junge verschämt. "Mein Grossvater hat sie mir gebaut", antwortet Willy. "Es war ein Heuballen mit Drähten umwickelt. Arbeite daran, hat mein Grossvater gesagt." Dann spielen sie los. Der Blues ist einfach und unkompliziert. Sein Rhythmus leicht zu erfassen. Seine Melodie liegt begraben in unseren Seelen, sagt Willy. Wir müssen ihn nur wecken, damit er uns Trost spenden kann.

Kommt mit, sagt Willy. Ich zeige Euch wo wir den Blues noch leben. Und er führt uns zu einer einfachen Bar in ein verschlafenes Nest. Juke Joint. Zwangloses Treffen, Musik hoeren, chill out, den Alltag vergessen. Willy kennen sie alle hier, den Blues Man nennen sie ihn. "Willy liebt den Blues, er singt ihn, tanzt ihn, fühlt ihn, er ist eins mit ihm. Willys Kind ist der Blues." Früher gab es solche Clubs überall. Während der Prohibition haben sie hier heimlich Schnaps gebrannt. In den Hochzeiten der Bürgerrechtsbewegung über Martin Luther King geredet. Das alles ist lange vorbei nur die Musik ist geblieben. Langsam ist der Rhythmus des Lebens hier und so ist der Blues. Der Blues, sagt Willy, das ist die Seele des Südens.

(Quelle: travel.nationalgeographic/WillieKing/ard/werg)

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