Drill zur Ordnung...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Kinderköpfe mit HelmEs sind Ferien, es ist 5.45 Uhr und ein Tag beginnt, den diese Schüler nicht so schnell vergessen werden: Aufstehen, Waschen, Anziehen - die Kasernendurchsage. Kurz danach schnaufen sie in Tarnanzügen im Flur. Fünf Tage lange stehen sie unter der Knute der südkoreanischen Marines. "Wir versprechen, den Drill richtig zu machen", rufen sie im Chor. Die meisten sind zwischen zwölf und 18. Eine Armee der Unwilligen, gemeinsam ist ihn vor allem die Wut auf ihre Eltern.

"Ich bin sauer, die haben mich dazu verdammt, in dieses Camp zu kommen, weil ich mich mit meinen Geschwistern streite und zu lange schlafe", jammert ein Junge.

Uniformierte im SandBei der Mädchen- und Frauenbrigade ist die Motivation größer, die meisten von ihnen sind freiwillig hier und hoffen auf eine besondere Erfahrung:

"Ich werde meinen Charakter stärken. Außerdem möchte ich etwas mehr Ordnung in mein Leben bringen", sagt ein Mädchen stellvertretend für die anderen.

Ganze Familien melden sich an. Die meisten jedoch sind normale Schüler, keineswegs Problemfälle. Aber ihre Eltern meinen, sie seien Wohlstandkinder, denen der richtige Biss fürs Leben fehle. Statt Handy und Computerspielen – Marschbefehl zum Strand. Dort sind bereits die echten Marines, Elitesoldaten, deren Ausbildung wegen ihrer Härte berüchtigt ist. Im ganzen Land genießen sie höchste Anerkennung. Sie stehen für Disziplin, Durchhaltevermögen, Selbstbewusstsein und Teamwork. Das alles sollen die Ausbilder nun auch in die bei drückender Hitze keuchenden Kurzzeitrekruten impfen.

Kein Abenteuerurlaub

Kinder in KantineDie Nachfrage nach Camps ist enorm, 26.000 Zivilisten waren bereits bei der ersten Marinedivision in der Industriestadt Pohang, private Anbieter gibt es mittlerweile auch. Kein Abenteuerurlaub – bei den Ausbildern treffen die Teilnehmer auf wenig Mitgefühl. "Schon nach ein zwei Tagen stellen wir fest", sagt Mayor Lee, „dass die heutigen Schüler körperlich und geistig verweichlicht sind. Man merkt sofort, dass sie von ihren Eltern zu sehr behütet werden, und dass ihr Leben bislang einfach zu unbeschwert war".

Die ersten schleppen sich schon bald auf die Lazarettbank. Und im Sanitätswagen sind immer wieder neue Krankengeschichten zu hören: "Also vielleicht halte ich durch, aber mir ist schon seit gestern schwindelig und übel, außerdem habe ich Kopfschmerzen." Nur ein oder zwei brechen pro Camp tatsächlich ab. Zurück ins Glied nach kurzer militärischer Aufmunterung.

"Die meisten, die sagen, dass ihnen etwas weh tut, sind Simulanten. Die sind diese Anstrengungen nicht gewohnt. Ihnen geht es schon bei der Ankunft plötzlich schlecht, und wenn es etwas härter wird, brechen sie sofort zusammen", so die Sichtweise des Unteroffiziers Lee Hyeong.

Drill von morgens bis spätabends. Auch Unternehmen schicken ihre Manager hier hin, um sie besser auf den harten südkoreanischen Wettbewerb vorzubereiten. Das Rudern in 120 Kilo-Schlauchbooten ist nicht nur anstrengend, es ist auch gefährlicher als es aussieht, denn viele Südkoreaner können nicht schwimmen.

Selbstmord unter Schülern – zweithäufigste Todesursache

Uniformierte im SandSüdkoreanische Jugendliche haben auch ohne Marines ein hartes Leben. Viele gehen noch auf private Nachmittagschulen, damit sie es auf eine Elite-Uni schaffen. Lernen von 8 bis 22 Uhr ist normal. Der enorme Leistungsdruck führt aber auch dazu, dass Selbstmord unter Schülern die zweithäufigste Todesursache ist nach Verkehrsunfällen.

"In unserer Gesellschaft müssen sich junge Menschen vielen Herausforderungen stellen, zum Beispiel den ganzen Prüfungen in der Schule und der Universität. Dafür ist es wichtig, dass sie Selbstbewusstsein haben. Sie müssen wissen, dass sie es schaffen können. Für diese Herausforderungen und auch später für den Beruf sind die Erfahrungen in so einem Camp sehr wichtig", meint ein Vater.

Es herrscht immer noch Kalter Krieg

In Amphibienfahrzeugen geht es aufs Meer. In Südkorea herrscht immer noch Kalter Krieg wegen der Bedrohung durch Nordkorea. Die Jungen müssen später zum Wehrdienst. Die pubertierenden Campteilnehmer halten das für früh genug:

"Meinen Freunden werde ich sagen, sie sollen sich das bloß nicht antun. Ich bin total müde, es ist echt hart. Aber andererseits lernt man auch, sich zusammenzureißen", sagt ein Junge.

Die Teilnahme kostet gut 25 Euro, Werbung für die Marines soll das ganze auch ja sein. Noch einmal über den Strand hecheln – dann Marsch zurück in die Kaserne. In der Kantine lernen sie dann vor dem Schlafengehen das Lied der Marines: "Wir sind die furchtlosen Recken." Dabei graut es den meisten schon vor dem nächsten Tag. Denn nach dem Aufstehen steht das Robben mit Plastikgewehr im Schlamm auf dem Programm.

(Quelle: br/ard/werg)

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