Die Macht des Patriarchats

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Nahkampftraining im Namen des Herrn. Die Kinder der Kirchenschule lernen im Klosterkeller von Sergiew Possad sich selbst zu verteidigen und anzugreifen. Vater Dimitrij hat Gäste der russischen Armee eingeladen, um mit seinen Schülern Übungen zu machen, mit denen sie später einmal ihre Heimat verteidigen können, falls sie Soldaten werden möchten. Und das wollen viele hier. Auch das russische Maschinengewehr, die Kalaschnikow, gehört zum Training.

Welche von unseren Schülern sind denn hier die schnellsten im Zusammenbauen des Gewehrs,
erkundigt sich Vater Dimitrij.

Diese Zusammenarbeit von Kirche und Armee, die gibt es hier schon seit zehn Jahren.

Armee und Kirche haben viel gemeinsam. Sie leben nach strengen Regeln der Disziplin. In der Armee heißt es Befehl, in der Kirche: Segen. Beide sind sehr patriotisch und bleiben ihrer Heimat, dem Staat und dem Glauben verpflichtet.

Disziplin und Gehorsam, das lernen hier auch schon die Jüngsten vor den Klostermauern. Der Name der Kirchenschule „Peresvet“ erinnert an Mönche, die halfen ihre Heimat gegen Tataren zu verteidigen. Dem achtjährigen Maxim gefällt der Drill.

„Das Marschieren macht mir viel Spaß, aber besonders mag ich es, wenn wir dann auch noch in die Kirche gehen.“

Auch das steht auf dem Programm für die Kirchenschüler Gottes: Glaubenspraxis. Das Dreifaltigkeitskloster in Sergiew Possad ist eines der wichtigsten, religiösen Zentren des wiedererstarkenden Glaubens in Russland. Der Zar hatte hier Wohnräume, in Sergiew Possad wurde die Sinfonie, die Vereinigung von Staat und Kirche im Dienste Russlands gelebt.
Selbstbewußt greift die russisch-orthodoxe Kirche das steigende Interesse am Glauben auf. Jetzt pilgern wieder mehr Menschen zu den religiösen Stätten, zum Beispiel zu den Gebeinen des Klostergründers Sergios von Radonesch. Anstehen bei -10 Grad für einen Heiligen. Der Mönch verbreitete den russisch-orthodoxen Glauben in Russland.Die Gläubigen wollen ihm nahe sein und bitten um Segen. Kirche ist wieder ein Machtfaktor, der zig Millionen Menschen erreicht: Wahlvolk.

Eine andere Welt orthodoxen Lebens in Moskau. Mitten im Stadtzentrum. Priester Yakov Krotov versammelt seine Gemeinde im Wohnzimmer. Seit zwei Jahren treffen sich die Gläubigen bei ihm zu Haus, weil dem Priester Versammlungsräume mehrfach gekündigt wurden. Krotov empfindet das Verhältnis zwischen der offiziellen Kirche und dem Staat als zu eng, deshalb hat er sich von ihr abgewandt. Viele wie ihn gibt es nicht.

„Die Führung des Moskauer Patriarchats wird jede Initiative der politischen Führung unterstützen, besonders wenn es kategorisch verlangt wird. Das betrifft vor allem auch die Nähe zur Armee. Und das ist sehr militaristisch und gefährlich.“

Einige kritische Priester, so meint Yakov Krotov, seien in orthodoxe Gemeinden im Ausland gegangen. Weggehen oder Entlassung sei die Alternative gewesen. Doch er will bleiben. Einmal in der Woche ist Priester Krotov bei der staatskritischen Radiostation Svoboda, das heißt Freiheit, zu Gast. Dort spricht er mit Zuhörern über religiöse Themen, aber auch über die aktuelle politische Entwicklung.

„Viele Menschen fragen, ob es sich lohnt, wählen zu gehen. Sie fragen nicht, für wen man stimmen sollte. Die Hörer verstehen, dass es nur eine Imitation von Demokratie ist. Wenn Putin zur Wahl aufruft, werde ich nicht gehen, das sagen viele hier.“

Der Priester will seine Arbeit für mehr Demokratie in Russland fortsetzen. Er meint, bis es soweit sei, könne es noch viele Jahre dauern.

Vor den Toren des Klosters in Sergiew Possad wird unterdessen weiter trainiert. Für den Glauben an das Vaterland.

(Quelle: ws/br/werg)

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