Puppen für die Welt

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Die Stechuhr führt Protokoll

Arbeiterinnen Das Haus der Spielzeugfrauen erwacht. Es ist kurz nach sieben. Kaltes Wasser rinnt quer durch den Hof. Die Morgentoilette erledigen die Arbeiterinnen im Kollektiv. Fertig zur Frühschicht, in Reih und Glied, Abmarsch. Der Weg hinüber zum Fließband dauert zwei Minuten. Sie leben in der Spielzeugfabrik und die Stechuhr führt Protokoll.
Der junge Brigadechef ruft auf zu höheren Leistungen. In den Gesichtern der Arbeiter fehlt jede Regung. Sie kennen die täglichen Appelle auswendig.
Aus dem rosaroten Plastikbrett wird später ein Schminktisch für den amerikanischen Spielzeuggiganten Mattel. Lanzhen, die junge Frau, montiert sechs Schrauben in lila Bausteine. Sie ist 23, kommt vom Land und beklagt sich nicht: "Ich bin seit einem halben Jahr hier. Die Arbeit ist okay. Ich weiß noch nicht, wie lange ich bleibe. Jetzt will ich erst einmal Geld verdienen."

Hinter den Hochhäusern fließt der breite Perlfluß in Richtung Hongkong. In seinem Delta heult Chinas Wirtschaftsmotor am lautesten. Die Gegend ist eine Art Ruhrgebiet im Großformat. Wanderarbeiter aus ganz China suchen hier ihr Glück. Wei Le kennt sich aus mit Plastik-Spielzeug. Doch seinen Job hier bei "Li Da Toys" in Foshan hat er nicht mehr. Auch diese Firma produzierte 15 Jahre lang Puppen für Mattel, bis herauskam, dass in den Farben giftiges Blei steckte: "Wir wussten nicht, was los war. Zwei Tage haben wir gearbeitet, dann hatten wir wieder frei. Am letzten Tag zahlten sie uns morgens den Lohn aus. Nachmittags war der Chef tot. Er beging Selbstmord, als die Sache mit dem Blei aufflog."

Angst ums Geschäft

Puppe Dora Vom Bleifarben-Skandal hat Lanzhen, die junge Arbeiterin, noch nie gehört. "Ich mache mir keine Sorgen. Unser Spielzeug wird streng kontrolliert. Die Fabrik ist groß, da sollte es keine Probleme geben." Unzählige Dora-Puppen gehen vom Band, 300 Containerladungen jeden Monat für Mattel. Noch...

Bilder wie diese sollen die Kunden im Westen beruhigen: In einem staatlichen Labor wird gerade die Farbe auf Doras schönem Gesicht geprüft. Wäre Blei im Spiel, ginge die Puppe nicht in den Export, wird uns versichert. Auch Doras braune Haarpracht wird nach strengen amerikanischen Vorschriften getestet, ob und wie schnell sie in Flammen aufgeht. Bislang habe der Spielzeugriese Mattel seinen Subunternehmern blind vertraut und zu selten geprüft, sagen Branchenkenner. Ein fataler Fehler.

Die Werkbank der Welt

Fabrik Die Werkbank der Welt nennt man das Perlflußdelta. 80 Prozent der weltweit hergestellten Spielzeuge werden hier gefertigt. In hohen Stückzahlen und zu Tiefstpreisen.

"Das kannst du schneller machen!" Der Chefmanager der Wealthwise-Spielzeugfabrik, Mr. Pak, treibt an und lächelt dabei: "Der Preisdruck ist viel höher als noch vor zehn Jahren, wir müssen immer billiger produzieren. Der Mindestlohn der Arbeiter lag früher etwa bei 20 Euro im Monat. Heute müssen wir knapp 70 Euro zahlen. Das ist drei Mal mehr als früher!"

Beim Mittagessen diskutieren die Männer über den Mattelskandal. Wei Le erzählt, wie er wochenlang umhergeirrt ist, nachdem die Firma dicht machte: "Mattel übernimmt die Verantwortung und entschuldigt sich persönlich beim chinesischen Volk." Immer wieder zeigt das Staatsfernsehen den Kotau des amerikanischen Spielzeugkonzerns. Die Männer in der Mittagsrunde werden wütend: "Natürlich ärgert mich das sehr. Reicht es, wenn er nur einfach – sorry - sagt? Das waren ein paar Tausende Jobs, die wegfielen. Da reicht einmal – sorry - nicht. Wir haben hart und gut gearbeitet in der Fabrik. Erst haben die Amerikaner ihr Spielzeug zurückgerufen und dann ging unsere Firma pleite. Die wissen doch gar nicht, wie schwer es ist, hier eine vernünftige Arbeit zu finden."

Nicht ein Leben lang so leben

Wohnheim Feierabend in der Vorzeigefabrik. Lanzhen holt sich in der Werkskantine ihr Abendessen für 30 Cent. Manch einem hier ist selbst das zu teuer. Vom Geld für den Spielzeugjob lebt zu Hause eine ganze Familie. "Ich bin Mutter, aber für mein Kind könnte ich mir unser Spielzeug nicht leisten. Es ist viel zu teuer und wird ja ins Ausland verkauft", meint eine Arbeiterin.

Im Wohnheim gleich neben der Kantine leben die Frauen dicht beieinander. Behelfsvorhänge sorgen für etwas Privatsphäre. "Meine Freundin kommt auch aus der gleichen Provinz wie ich", erzählt Lanzhen und zeigt uns ihr Bett. Auch wenn es eng ist – sie klagt nicht.
Die Fabrik da unten ist jetzt sein neues Zuhause. Wei Le steht Tag für Tag an einer Maschine, die bunte Plastikbälle mit Kaugummis füllt: „Wir leben mit 20 Leuten im Zimmer. Jeden Tag arbeiten wir mindestens zwölf Stunden, manchmal sogar 15. Ich möchte wirklich nicht mein Leben lang so leben.“ Der Mattel-Skandal hat Wei Le wachgerüttelt. Und die Spielzeugbranche alarmiert: „Made in China“ wird zum Risiko.

(Quelle: ws/dpa/werg)

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