Die Holzmafia

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Wladiwostok heißt übersetzt „beherrsche den Osten“. Zu Sowjetzeiten verstand man das nur militärisch. Wladiwostok war eine geschlossene, für Ausländer verbotener Marinestützpunkt, Heimathafen der pazifischen Kriegsflotte. Mit ihrem Militärsschrott war sie Umweltsünder Nr. eins hier. Die Bedeutung der Flotte sank, Wladiwostok öffnete sich und mit der Öffnung kamen neue Umweltsünder. Die bekämpft Anatoly Lebedew mit seiner kleinen Gruppe von Umweltschützern. Sein Engagement gilt den bedrohten Wäldern. Seit die nahe Grenze zu China nicht mehr hermetisch abgeriegelt ist, so sagt er, betreiben nämlich illegale Arbeitstrupps brutalen Raubbau in den Wäldern.

„Die Stadt Dalnjeretschensk ist der Umschlagsplatz für den Holzexport. Hier werden die Baumstämme auf die Züge nach China verladen. Die fahren dann nach Süden über die Grenze. Aber das ganze russische Holz kommt von hier.“

Videokameras gegen Holzräuber. So dokumentiert Anatolys Umweltinitiative den illegalen Holzeinschlag. Von weitem sieht es nach dichtem Bergwald aus. Doch von nahem entdecken wir nur dünne Bäumchen. Anatoly hat einen Tipp bekommen, wo Chinesen räubern. Roman ist der Kameramann von Anatolys Umweltgruppe. Sie haben die Unterkunft der Holzräuber entdeckt. Ein heruntergekommenes Gebäude, früher gehörte es vielleicht einmal zu einer Kolchose. Nun bietet es anderen Bewohnern Unterschlupf. Die leere Holzpritsche – Schlafstelle für zwölf Arbeiter oder sogar mehr. Chinesische Arbeitskräfte gelten als sehr genügsam, das heißt: sie lassen sich leicht ausbeuten.

„Wie viele seid ihr,“ fragt Roman?
Ich ganz allein, zeigt er mit dem Finger. Man versteht nicht des anderen Sprache, aber man versteht, worums geht. Nein sonst ist hier niemand, beteuert der Chinese und lacht. Nur ich. Von wegen. Denn plötzlich tauchen noch die zwei auf. Keine Arbeiter, eher Aufseher. Der Holzfällertrupp kann so klein nicht sein. Das sieht Anatoly sofort. Wahrscheinlich haben sich die anderen erst mal über die Grenze nach China zurückgezogen, vermutet er. Die russische Fremdenpolizei macht zur Zeit verstärkt Razzien. Und deshalb soll wohl er erst mal allein hier die Stellung halten, der „ einsame „ Chinese. Und dieses provisorische Sägewerk des Arbeitstrupps bewachen. Roman nimmt es mit seiner Kamera auf. Die Bilder kommen in sein Archiv des wilden Holzeinschlags.

„Natürlich wissen russische Behörden davon. Aber die werden bestochen. Ohne korrupte Beamte könnte doch kein Chinese einfach ein kleines Sägewerk in den Wald bauen.“
Gelassen fahren die chinesischen Aufseher davon. Strafverfolgung scheinen sie tatsächlich nicht zu fürchten. Aber Holz ist auch ein heißes, gefährliches Geschäft. Der Besitzer dieses russischen Sägewerks wurde vor zwei Jahren umgebracht. Von der Mafia im Auftrag der Konkurrenz, heißt es.

Auch hier Chinesen. Billig, fleißig und deshalb begehrt. Illegal ? Auch egal in einem Geschäft, wo Ehrbarkeit nicht viel zählt. Anatoly will von Tatjana Koslowa, der Witwe des ermordeten Sägewerkbesitzers erfahren, unter welchen Bedingungen ihr Betrieb arbeitet.

„Wissen Sie, wer hier regiert,“ fragt die Sägewerkbesitzerin Tatjana den Umweltschützer. „Die Chinesen,“ gibt sie selbst die Antwort. „Die diktieren alles, weil sie die einzigen Kunden sind, und sie verlangen nur nach Rohhölzern. Die Verarbeitung machen sie selbst, in China.“

Eine chinesische Wirtschaftswunderstadt, direkt neben dem russischen Grenzort. Die Bevölkerung wuchs von rund 1o ooo vor zwanzig Jahren auf jetzt 100.030.Der Motor des Wachstums ist das russische Holz. Der russische Umweltschützer Roman weiß das und staunt doch immer wieder über die Kunst der Chinesen, russische Wälder in heimischen Reichtum zu verwandeln. Den hemmungslosen Raubbau wollen Roman und seine Gruppe stoppen. Und sie wollen, dass mehr Holz im eigenen Land ökologisch kontrolliert verarbeitet wird. Deshalb dokumentiert Roman mit seiner Kamera das Ausmaß des Holzexports nach China. Vielleicht eine vergebliche Mühe.

Denn wilder Kapitalismus herrscht im Holzbusiness. Zwischen zwei Zügen stehen die Makler. Kaum ist die Ware aus Russland angekommen, kaufen sie vom Bahnsteig weg die Stämme waggonweise. Doch Russlands Wälder sind nicht unerschöpflich.

(Quelle: ws/r-nill.de/ard/werg)

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