Warten auf eine ungewisse Zukunft

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Mutter mit Kindern in einem FlüchtlingslagerDrei Monate alt ist Marvellous. Wunderbar, fantastisch bedeutet sein Name, doch Marvellous Situation ist alles andere als das. Er lebt in einem Zeltdorf in den Wäldern vor der marokkanischen Stadt Oujda. Es gibt einige Dutzend davon in diesen Wäldern, in jedem leben 20 bis 30 Menschen aus Ghana, Nigeria, Mali, Guinea. Sie alle sind hier gestrandet, warten monate- oder sogar jahrelang auf Geld und Gelegenheit, um irgendwie nach Spanien zu kommen.

Auch Cynthia, die Mutter von Marvellous. Die 22-Jährige ist die einzige Frau im Lager. Der Vater des Kindes, sagt sie, sei in ihrem Heimatland, in Nigeria, geblieben. Für Frauen ist der Weg bis nach Marokko und das Leben im Lager besonders gefährlich: "Ich bin alleine gekommen, seit über einem Jahr bin ich schon hier. Ich komme nicht weiter, ich habe keine Hilfe, muss selber schauen wie ich vorwärtskomme. Schau was ich tue, ich wasche, ich gehe betteln. Jeden Tag wird es schwieriger hier."

Viele sterben auf der Flucht

Fred ist 32, er erzählt uns, dass er aus Ghana kommt. Es ist sein zweiter Versuch nach Europa zu gelangen. Vor fünf Jahren hat er es schon einmal bis nach Spanien geschafft, doch dann wurde er ausgewiesen und zurück in die Heimat geschickt. Fast fünf Monate hat er diesmal gebraucht, um von Ghana, über Niger durch die algerische Wüste bis hierher zu kommen: "Viele sind in der Wüste gestorben, ich weiß das, ich kannte sie. Sie waren vor uns. Ihr Jeep ist von der Piste abgekommen und hat sich verirrt. Meine Reise hat lange gedauert, aber ich bin sicher in Marokko angekommen zusammen mit meinen beiden Brüdern."

Wie viele auf dem Weg durch die Wüste jedes Jahr sterben weiß keiner. Hicham Baraka ist Marokkaner, ehrenamtlich arbeitet er für die Menschenrechtsorganisation ABCDS, die einzige, die sich hier im Nordosten von Marokko um die rund 2000 afrikanischen Flüchtlinge kümmert: "Marokko ist zum Wartesaal für Europa geworden. Das kommt durch die Abschottungspolitik der Europäischen Union, Marokko stoppt die Flüchtlinge. Der einzige, der dabei gewinnt ist die Schlepper-Mafia. Wenn die Flüchtlinge den Weg nicht mehr alleine schaffen, müssen sie sich in die Hände der Schlepperbanden begeben und das ist sehr gefährlich."

Hicham versucht zu helfen wo er kann, doch immer wieder werden die Lager von der Polizei geräumt, die Schwarzafrikaner verhaftet und häufig bei Nacht abgeschoben: "Marokko ist der Gendarm von Europa", meint Fred aus Ghana. "Die Polizisten fangen die Kameraden, bringen sie über die Grenze nach Algerien und die schicken sie dann wieder zurück. Die verschwenden ihre Zeit. Warum können sie uns Schwarze nicht einfach in Ruhe lassen?"

Ein besseres Leben, das erhoffen die Verzweifelten sich in Europa, doch es wird immer schwieriger dort hin zu kommen. Die Europäische Union überweist Marokko viele Millionen Euro, um das Elend von Europa fern zu halten.

Betteln fürs Überleben

Afrikanische FlüchtlingeCynthia hat weder das Geld, um die Schlepper zu bezahlen, noch um zurück in ihre Heimat zu kommen. Und dann zermürben die Schikanen der Polizei: Seit Jahren prangern Menschenrechtsorganisationen an, dass die marokkanischen Behörden die Flüchtlinge drangsalieren. Unsere Interviewanfrage wird abgelehnt.

Wasser müssen sich Fred und seine Schicksalsgenossen aus dem nahe gelegenen Dorf holen. Marokko ist selbst ein armes Land, die Schwarzafrikaner werden hier von den meisten nicht gerne gesehen: "Viele sind keine Moslems, sie kommen aus verschiedenen Ländern, etwa aus Nigeria, die sind Christen, die kennen unsere Religion nicht. Die, die aus moslemischen Ländern kommen, die kennen unsere Tradition, sie wissen, dass sie sich unseren Frauen nicht nähern dürfen, aber die Christen, die wissen das nicht."

Beim Wasser holen sei es einmal zum Streit mit einer Frau gekommen, erzählt uns Kevin, einer der Brüder von Fred. Von ihrem Mann sei er mit Steinen beworfen worden. "Das ist ein Rassist, er wohnt dort drüben in dem Haus." Kevin zeigt uns seine Narben am Finger und an den Beinen, die er davontrug.

Die Zukunft ist ungewiss

Einmal am Tag gehen die Jungs Wasser holen, einmal am Tag gibt es etwas zu essen. Meistens Reis und Tomatensauce, manchmal auch nur Brot. "Schau, alles ist leer, wir haben hier gar nichts. Wir leben wie die Hunde. Wir gehen in die Stadt, dort betteln wir, Friede sei mit dir, sagen wir, dann geben sie uns was."

Manchmal bringt ihnen auch Hicham von der Hilfsorganisation Lebensmittel. Doch ganz ungefährlich ist das nicht. Seine Organisation steht in Marokko unter Beschuss: "Menschen, die den Flüchtlingen helfen, können nach marokkanischem Gesetz als Schlepper verurteilt werden. Wir machen uns Sorgen, dass sie uns diesen Vorwurf eines Tages machen werden, oder sie werden einen anderen Grund finden, uns ins Gefängnis zu bringen."

Zum Warten verdammt. Zurück können die Auswanderer nicht, denn sie sind die Hoffnung ihrer Familien. Aber auch wenn sie es schaffen, einen Schlepper zu bezahlen, liegen noch immer eine lebensgefährliche Überfahrt und eine mehr als ungewisse Zukunft in Europa vor ihnen.

Auch Cynthia wünscht sich nur eine bessere Zukunft für ihren Sohn. Doch sie ist erschöpft und verzweifelt: "Wenn ich könnte, würde ich in mein Land zurück gehen, Manchmal können wir nichts zum Essen kaufen und ich brauche das für mein Baby. Es gibt keine Hilfe, ich muss zurück nach Hause, das ist kein Leben."

17 Millionen Afrikaner haben ihre Heimat verlassen, auf der Flucht vor Bürgerkrieg oder Armut. Auch Marvellous und seine Mutter, die nun in einem Land feststecken, das sie nicht will und in dem sie nie bleiben wollten. Die Zukunft von Marvellous sieht alles andere als wunderbar aus.


(dpa/ws/ndr/unserekirche.de/werg)

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