Schwul sein, Mönch sein...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

vier Mönche gehen über eine WieseIn Kniestrümpfen und Mönchsroben: Aufmarsch zum Appell in der Metheewuttikorn Oberschule. Mit Gruß an die Flagge und Nationalhymne - so beginnt jeder Tag für die knapp 800 Schüler und Novizen in Lamphun im Norden Thailands.

Wie jeden Morgen haben sich einige besonders fein gemacht: Komrit kommt mit etwas Puder auf den Wangen, sein Freund Suwan hat sich die Wimpern getuscht und die Augenlider mit schwarz nachgezogen. Mit Schminke in die Schule: Für die beiden Novizen selbstverständlich.

Sie schwärmen für Ihresgleichen, für andere Jugendliche, für andere Männer: "Ich mag es, mich so zu zeigen. Aber ich muss natürlich aufpassen, dass ich nicht übertreibe. Ich muss gucken, wie ich mich bewege, was ich sage. Aber es ist nun mal meine Neigung, ich bin homosexuell. Und ich will mich nicht verstellen und nicht verstecken."

Empörung in der Öffentlichkeit

vier MöncheEin Mönch mit Make-up - für viele Thais ist das beinahe noch harmlos. Richtig schockiert sind sie von den Bildern, die kürzlich die Öffentlichkeit erschütterten. Mönche mit rosa Handtäschchen, mit Lippenstift, Novizen, die sich umarmen, küssen, noch dazu sturz-betrunken sind.

Dabei ist Mönchen eigentlich eine andere Rolle zugedacht. In der thailändischen Tradition gelten sie als Mittler zwischen Mensch und Gottheit. Entsagung ist ihnen auferlegt. Dafür genießen sie Respekt und Anerkennung.

Mit den Bildern unzüchtiger, schwuler Mönche bricht nun ein Weltbild zusammen. Eindrücke aus der Nachbarschaft:
"Ich habe schon ein paar von denen hier rumlaufen sehen. Ich finde das gehört sich nicht."
"Make-up - ich bin dagegen. Ein Mönch darf sich so nicht verhalten."
"In einem Tempel mit schwulen Mönchen, da würde ich jedenfalls nicht heiraten wollen."

Empörung über die liederlichen Mönche: Dabei haben die Thais normalerweise ein entspanntes Verhältnis zur Sexualität, auch zur Homosexualität. In Bangkoks Vergnügungsvierteln haben - weitgehend toleriert - Schwulenbars ganze Straßenviertel erobert. Junge Männer preisen sich an - nicht nur den Touristen.

Gleich daneben die hübschesten Frauen - auch sie sind Männer oder waren es einmal: die Ladyboys. Hier werden die allerschönsten gekürt. "Miss Ladyboy" wird gesucht. Nicht irgendwo, sondern bei der Musterung zum Militär. Das stelle man sich einmal bei der Bundeswehr vor. Ein hochoffizieller Zeitvertreib für alle angehenden Soldaten. Bei den Mönchen aber geht es den Thais zu weit.

Benimm-Seminar für Novizen

Mönche beim UnterrichtBis hierhin ist der Sturm der Entrüstung gezogen: Reise ins goldene Dreieck, in die Grenzregion zu Burma und Laos. Die Gegend um Chiang Rai ist sozusagen heiliges Land. Hier wir der tugendhafte Mönch von morgen erzogen. Der Abt der Klosterschule gilt als aufgeschlossen, geradezu modern, und trotzdem ist Pra Vachiramethee total sauer auf seine liederlichen Glaubens-Brüder!

Also hat er eine Art Knigge verfasst, eine Richtlinie für den guten Mönch. Sein Büchlein hat den Nerv getroffen, ihn landesweit berühmt gemacht: "Wissen Sie, das Wesen eines Mönches ist es, Verzicht zu üben. Eine rosa Handtasche spazierenzutragen, sich die Fingernägel zu lackieren, das befriedigt eher Bedürfnisse. Einem Mönch steht das nicht zu. Es beschädigt unseren Glauben. Die Leute verlieren den Respekt vor uns."

Um das zu verhindern, hat der Abt kurzerhand ein Benimm-Seminar aufgelegt. Der Klassenraum - ein opulenter Tempel. Erste Lektion: Die Haare sollen gleichmäßig kurz geschnitten sein, lehrt Phra Vachiramethee seine Novizen. Und wie bewegt sich der tugendhafte Mönch - lässig oder aufrecht?

Der gute Mönch geht gerade, sagt der Abt. Er verschränkt die Hände. Er guckt nicht dumm in der Luft herum, sondern schaut ehrfürchtig nach unten. Auch das Wickeln der Mönchsrobe wird gelehrt - eine echte Kunst. Nicht zu flatterig, nicht zu körperbetont, meint Vachiramethee aus Angst vor neuen skandalträchtigen Bildern. Und rauchen? Sowieso streng verboten! Die jungen Novizen geben sich einsichtig.

"Wir haben alle von den zügellosen Mönchen gehört und dass die aus der Reihe getanzt sind. Ich finde gut, dass wir hier so ein Training bekommen. Da können wir in Zukunft mit gutem Beispiel vorangehen."

Die Diskussion um schwule Mönche - er hat sie mit angestoßen: Nathee Terarojanapong. Er wirbt für mehr Offenheit, mehr Verständnis. Schließlich sei fast ein Viertel aller Mönche homosexuell veranlagt. Schwul sein im Kloster - das sei längst eine gesellschaftliche Realität: "Für Homosexuelle gibt es drei gute Gründe, ins Kloster zu fliehen: Sie kommen raus aus ihren Dörfern und müssen nicht heiraten. Sie entgehen auch der harten Feldarbeit, für die manche vielleicht nicht geeignet sind. Und natürlich haben viele Schwule die Hoffnung, in einem Kloster leichter einen Partner zu finden."

Das Kloster als Anbahnungsinstitut - so weit denken sie erst einmal nicht: Komrit und Suwan, die Oberschüler aus Lamphun. Sie sehen Vorteile nicht für sich selbst - viel mehr für das Klosterleben.

"Ich habe erlebt, dass homosexuelle Mönche irgendwie sensibler sind. Sie sind aufgeschlossen, haben einen guten Draht zu anderen Menschen. Das ist wichtig. Vielleicht kann ein so veranlagter Mensch seine Pflichten als Mönch sogar besser erfüllen."

Schwul sein, Mönch sein - also kein Gegensatz. So wünschen sich Komrit und Suwan vor allem eines: mehr Anerkennung - als Mönch und als Mensch...

(Quelle: ard/werg)

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