Mückenhölle statt Sommeridyll

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

SeenlandschaftWiderstand ist zwecklos. Es gibt kein Entkommen, denn sie sind überall - rund um die Uhr.

Bloß schnell raus, damit nicht so viele Mücken ins Haus einfallen. Bäuerin Maria Brook schwört: dies ist psychischer Stress. Mensch wie Tier wird wahnsinnig. Ihre Pferde hat sie schon weggeschafft das Moskitonetz hat nichts geholfen und Marias Ziegen wollen gar nicht mehr raus.

Lieber trockenes Stroh als frisches Gras - unter dem Schutz einer speziellen Fliegenlampe. Zum Glück zieht die auch Mücken an. Mehrmals die Woche pustet Maria die Falle leer. Die verbrutzelten Kadaver hebt sie auf. Für diejenigen, die sie für die Plage verantwortlich macht: "Die schick ich an die Umweltbehörde. Damit die dort sehen, wie viele es sind. Am liebsten wäre mir, die Viecher lebten noch. Dann könnten sie nämlich stechen."

Optimale Bedingungen für die Überschwemmungsmücke

Mücke hat sich mit Blut vollgesaugtHochwasser am Dalälven, für die Überschwemmungsmücke ein Traum. Aus der Luft herrlichste Landschaft. Große Gebiete stehen unter Naturschutz. Allerdings wurden dort die Mückenlarven verschont. Anders als im Vorjahr. Wegen neuer Bedenken gegen das Bekämpfungsmittel. Dann kam die Überschwemmung, danach die Mücken. Die schwirren jetzt in bewohnte Gebiete. 12.000 Menschen trauen sich nicht mehr an die Luft.

Auch der Campingplatz von Gysinge ist verwaist. Schon nach 20 Minuten sind die Gäste wieder weg, klagen sie hier. Nur ein paar Unentwegte halten die Stellung. Deutsche Touristen - wie sie selbst glauben – mückenerprobt: "Wir haben verschiedene Sorten von Sprays mit. Die Namen sag ich jetzt nicht. Wir müssen mal gucken, ob wir damit auskommen."

Ein schwedischer Bilderbuchsommer: 25 Grad. Doch für Rolf Lundén und seine Frau ist das Kaffeekränzchen am See undenkbar: "Es ist schrecklich. Wir haben Hausarrest. Dabei will man im Sommer doch draußen sein. Wir haben den ganzen Winter und Frühling darauf gewartet. Aber es geht einfach nicht."

Die Kinder hocken fast nur noch vor dem Computer. Pädagogische Vorsätze dahin, die Eltern müssen vor diesen Quälgeistern kapitulieren. Sohn Melker zeigt uns seine Stiche: Es sind 80, 90 Stück.

Nur in Schutzkleidung wagen wir uns nach draußen. Der Blick auf die Welt ist grünlich. Rolf Lundén demonstriert, wie schnell man überfallen wird. Auf seinem nackten Arm saugen sich schnell weit über 100 Mücken fest. Eine unkonventionelle Zählmethode.

Der Übeltäter heißt Aedes Sticticus, auch Auwald- oder Überschwemmungsmücke genannt. Lebensdauer: bis zu acht Wochen. Reichweite: einige Kilometer. Äußerst fruchtbar, sehr robust. Rolf Lundén hat Haus und Hof auch schon mal mit Knoblauchöl besprengt. Mit zweifelhaftem Erfolg: "Es hat hier jahrelang nach Knoblauch gestunken. Das war nicht so toll."

Biologen bekämpfen Mückenlarven

leerer CampingplatzDie Mückenforscher Jan Lundström und Martina Schäfer gelten als Helden der Region. Ihr Kampf gegen die Aedes Sticticus hat es bis ins Stockholmer Parlament geschafft. Dort gab es Einsicht und Geld. Denn die Mücke, gegen die die beiden zu Felde ziehen, hat es in sich. "Die stechen dich am helllichten Tag. Auch wenn es draußen warm ist. Nicht nur abends, wie die meisten anderen Mücken in Schweden. Das ist der große Unterschied. Und dann schlüpfen die auch noch mehrmals im Sommer", erklärt der Biologe an der Universität Uppsala.

Bedenken von Naturschützern versuchen die Wissenschaftler zu zerstreuen. Sie verwenden ein biologisches Mittel. Das vernichtet gezielt nur diese spezielle Sorte Mückenlarven.

Mit Forscherdrang setzen sich Jan und Martina freiwillig den stechenden Biestern aus, um Larven zu zählen. So können wir das Bekämpfungsmittel möglichst präzise bemessen, verraten die beiden. Aber gegen die bereits geschlüpften Viecher hilft das auch nicht.

Bäuerin Maria versucht inzwischen, ihre Ziegen ins Tageslicht zu treiben. Die meisten lehnen dankend ab. Die Regierung soll langfristig denken und handeln, fordert sie, und nicht warten, bis es zu spät ist. Sonst geht ihr Hof vor die Mücken: "Er ist seit 1540 in Familienbesitz. Das gebe ich nicht einfach auf. Andere Hausbesitzer denken vielleicht daran, aber wer will hier schon was kaufen? Keiner."

Hubschrauber streuen Granulat punktgenau auf jene Gebiete, in denen bald Mücken schlüpfen könnten. Die Wissenschaftler befürchten, dass sie sich in neue Regionen vorarbeitet. Bis in einen Vorort von Stockholm hat sie es schon geschafft: "Es wird wärmer und durch die Klimaveränderung gibt es häufiger kräftige Regenfälle, die zu Hochwasser führen. Das bietet der Überschwemmungsmücke immer bessere Lebensbedingungen."

Noch einmal zurück zum Campingplatz. Schwedische Dauercamper experimentieren. Ihr Glück: Ihre Wohnung liegt nur eine Stunde entfernt. Doch der deutsche Schwedenfan gibt auf: "Es hat keinen Zweck. Die Mückenschwärme sind abends so stark, dass sie durch jede Ritze in den Wohnwagen reinkommen. Wir haben versucht, alles abzukleben gestern, aber wir haben kaum geschlafen."

Das war wohl unser letztes Mal hier, bedauern sie zum Abschied. Und der Campingplatzbesitzer hat für diese Saison den Kampf gegen die Mücken aufgegeben. Noch mag er nicht daran glauben, dass er im nächsten Jahr wieder aufmacht.

(Quelle: ws/ndr/werg)

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