Au weia...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Mit Hurra in den Krieg

Es gibt kaum etwas friedlicheres als das englische Land. Normalerweise. An Sommerwochenenden aber sollte man sich in Acht nehmen hier, die Idylle könnte trügen.

Denn im Sommer wird hier Weltkrieg gespielt. Und zwar am liebsten der Zweite. In Originalkostümen, mit Originalwaffen, echten Gefangenen, die genommen werden und das so gut wie jedes Wochenende:

II. Weltkrieg Krieg spielen – weil früher war doch alles irgendwie besser war. Friedlicher irgendwie:

„Damals war alles noch langsamer und klarer. Im Krieg waren die Dinge nicht so kompliziert wie heute. Und ich glaube das mögen wir, und deshalb ziehen wir uns vor dieser heutigen Welt am Wochenende hierhin zurück. Einfach in eine andere Zeit..“

Am allerliebsten spielt er und die meisten hier übrigens - da staunt der politisch korrekte Deutsche , - die Nazis:

Schließlich muss ja auch irgendwer die Bösen spielen – mit politischen Motiven hat das bei diesen Briten wenig zu tun. Mehr damit, dass es beim Spielen doch immer viel spannender ist, den Bad Guy zu mimen.

„Ja, die Deutschen zu spielen ist schon die größte Attraktion. Die Ausrüstung war so viel besser als die britische oder amerikanische, die Uniformen sahen nach was aus. Und natürlich sind die Waffen viel besser.“

Auch wenn er natürlich jedes Mal den Krieg verliert, als Deutscher. Da helfen dann auch die coolen Waffen am Ende nicht. Simons Freundin, Pamela, die ihn treu jedes Wochenende begleitet, kümmert das weniger. Sie wäre sowieso lieber ganz woanders:

„Ich habe nichts dagegen, hier herumzusitzen und mir seine Schlachten anzusehen, aber wenn ich ganz ehrlich bin, sind mir die Wochenenden lieber wo wir Heimatfront spielen, wo es mehr Frauen gibt und wo wir alle die Kleider von damals tragen und Swing getanzt wird.“

Das gibt es nämlich auch. Mit der Dampflok an die Heimatfront, ein ebenso beliebtes Wochenend-vergnügen. Hier haben die Frauen das Sagen –

und er, der für sie das ist. Whiff the Spiff, der Schwarzhändler, der hier all das verkauft, was die Britin wirklich brauchte, - Damals und: Heute um sich original auszustatten.

„Der Verkaufsschlager sind immer diese Seidenunterhosen aus echtem deutschen Fallschirm. Damals war Seide rar, und wann immer ein deutscher Fallschirm runterkam, stürzten sich alle Frauen auf ihn. Und machten Unterhosen daraus. Aus guter deutscher Fallschirmseide.“

Seine Rolle fürs Wochenende musste er nicht lernen. Viv wuchs ganz real als Kind damit auf.

„Meine ganze Familie waren Schwarzhändler. Die waren alle richtig fett im Krieg. So gut gings denen. Die haben geklaut was das Zeug hielt und damit uns alle über Wasser gehalten. Sie haben ihn geliebt den Zweiten Weltkrieg.“

Es ist eine seltsame Nostalgie, die diese Engländer befällt und das notorisch, sobald am Freitag die demütigende Gegenwart vorüber ist: Die sentimentale Erinnerung an die Zeit, als ihr Land noch eine echte Großmacht war:

„Damals hat man uns noch als Eliteland gesehen.
Im Krieg haben wir alle zusammen gehalten, egal was passierte. Das war noch der gute alte britische Geist. Dein Haus mag zerbombt sein, aber Du gehst weiter aufrecht über die Strasse, als sei nichts geschehen.“

Und so geht es jedes Wochenende – vorwärts zurück in die Vergangenheit, in ihre damalige bessere Welt - denn im Sommer ist irgendwo immer Zweiter Weltkrieg auf der Insel:
„Und als Viv the Spiff verdiene ich viel mehr als in meinem realen Job. Da bin ich Anstreicher. Und da musst du arbeiten, bist voll mit Farbe und Dreck. Während ich so in eleganten Anzügen herumfahre, nette Leute treffe, was dabei verdiene, und am Abend immer noch frisch bin.“

Dieses Wochenende steht die „Krieg und Frieden- Show“ auf dem Programm.

Den Frieden allerdings sucht man vergeblich auf dem europaweit größten Kriegsspiel-Treffen seiner Art:

Auch wenn es eigentlich nur darum geht, immer wieder vorwärts im Kreis herumzufahren. Aber schließlich hat man ja das ganze Jahr an der Maschine geschraubt. Da müssen jetzt schon einige Runden drin sein. – Ein echter Spaß für die ganze Familie, -

Und wer sich keinen großen Panzer leisten kann, der hat eben einen kleinen. Mit Fernbedienung. Ist dafür aber besonders ernsthaft dabei, ihn zu fahren.

Tausende Soldaten aus allen Nationen und Bataillonen des Zweiten Weltkriegs, die meisten mit Originalausrüstung haben sich diesmal versammelt. Und natürlich sind auch die Deutschen wieder besonders prominent vertreten, nun mal eine der Lieblingsrollen der Briten hier:

Sturmscharführer Martin, im wirklichen Leben Steuerbeamter, plant gerade die nächste Schlacht gegen die Amerikaner, in einem Krieg den sie aber nun einmal geschichtsbedingt - jedes Mal wieder verlieren müssen:

„Ja, wir gehen immer unter am Ende – aber das wollen die Leute nun einmal sehen.“

Dennoch würde er nie einen Briten in langweiliger Uniform spielen wollen, genauso wenig wie Simon, der auch wieder da ist,- und als Engländer nicht wirklich versteht, warum dieses Spektakel in Deutschland so nicht möglich wäre...

„Ich finde es nicht gut diese Geschichte unter den Teppich zu kehren. Wir spielen das nach, damit die Leute lernen, was damals los war. Und hoffentlich passiert es dann nie wieder.“

„Und außerdem wird er doch jedes Mal erschossen.“

„Und die Frauen finden die Bad Guys viel interessanter. So hab ich meine Freundin gefunden.“

Pamela nämlich, die geduldig an der Feuerstelle auf den Swing Dance wartet, und das ganze etwas anders sieht.

„Es ist ja auch wirklich hart heutzutage. Das Jagen ist verboten in England heute. Waffen sind so gut wie verboten. Wie soll ein Mann heute noch seine genetisch nun einmal vorhandenen Triebe ausleben? Hier darf er das noch, kann mit einem großen Gewehr herumlaufen, sich fühlen als habe er noch den Speer in der Hand. Es klingt vielleicht blöd, aber das ist es, glaube ich.“

Ja, sie haben es eben nicht leicht heute in der Gegenwart, die Männer nicht und die Briten schon gar nicht, seit deren große Zeit nun einmal im Staub der Geschichte unterging.

(Quelle: yatego/politquatschplatsch.com/wdr/werg)

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