Auf dem Rücken der Riesen

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Ein Elefant auf dem Weg zur Arbeit. Mitten im Dschungel – im Dschungel der Großstadt. Bangkok, am frühen Abend: Was unglaublich scheint, für die Mahouts, die Elefantenführer, ist es ein tägliches Geschäft. Sie verkaufen Elefanten-Futter an sensationshungrige Touristen, lassen ihre Tiere posieren für ein schönes Urlaubs-Souvenir. „Schon so lange ich denken kann, ziehe ich mit den Elefanten durch die Stadt“, erzählt Elefantenführer Chawal Chongram. „Manche Touristen halten das zwar für Tierquälerei. Die meisten aber freuen sich, wenn wir kommen. Und wir verdienen gutes Geld.“ Elefanten im Rotlichtviertel: unschuldige Opfer der sozialen Ungleichheit – zwischen reicher Stadt und armer Landbevölkerung. Ehemalige Bauern, frühere Waldarbeiter: sie alle strömen in die Stadt, um mit ihren Tieren das schnelle Geld zu machen. Bis zu 1600 Euro monatlich. Dabei sind die Elefanten auf Bangkoks Straßen verboten. Binnen eines Jahres will die Stadtverwaltung nun alle Tiere verbannen.

„Elefanten auf Bangkoks Straßen – wir beobachten das mit großer Sorge“, sagt der stellvertretende Gouverneur von Bangkok Teerachon Manomaiphibul. „Die Tiere sind zu gefährlich für die Passanten. Und auch die Elefanten selbst sind gefährdet, bei all den Autos und mitten auf der Straße. Sie gehören da einfach nicht hin.“ Und deshalb sollen sie hier hin kommen. Vom Bangkoker Rotlichtviertel ins Grün des tropischen Regenwalds – Reise in den Norden Thailands. In den Wäldern rund um Chiang Mai werden die Straßenelefanten ausgewildert. Tiere, die vor kurzem noch anschaffen mussten als Touristenspektakel. Der Elefant Nature Park – ein Naturreservat ist teil dieses besonderen Projekts. Hier haben einige der geschundenen Kreaturen eine neue Heimat gefunden. In dem Park leben knapp 40 Elefanten, die nach und nach in die Freiheit entlassen werden. „Wenn die Tiere hier ankommen, sind sie meistens scheu und ungelenk“, erklärt Sangduen Chailert vom Elephant Nature Park. „Wenn wir ihnen ihre Ketten erstmals ablegen, wissen sie gar nicht wie ihnen geschieht. Wir müssen ihnen das Laufen erst wieder beibringen. Dafür gehen wir mit den Tieren tagelang spazieren, führen sie in die Berge. Ein Elefant, der sonst auf Asphalt läuft, weiß ja nicht, wie man sich dort bewegt.“

Die Auswilderung – eine Geduldsarbeit. Fit sein für die Freiheit – es dauert drei oder vier Jahre bis die Tiere soweit sind. Hier im Naturreservat werden sie noch gefüttert. Doch bald sollen sich die Elefanten ihr Futter selber suchen. So wie Elefantendame Mintra – sie ist der jüngste Neuzugang. Sangduen, die Parkleiterin, hat sie im April von Bangkoks Straßen gerettet. „Elefanten haben ein ziemlich gutes Gedächtnis“, sagt Sangduen Chailert. „Diesen Laut hier z.B. kann Mintra noch immer. Damit hat sich der Elefant früher bei den Touristen fürs Futter bedankt, ein ziemlich unnatürliches Geräusch. Wir nennen das den Sukuhmvit Sound, benannt nach der berühmten Einkaufsstraße.“ Die Auswilderung von Bangkoks Elefanten: von hier aus wird sie koordiniert. Das Büro der Reintroduction Foundation. Für ein paar tausend Euro pro Stück kauft die Stiftung Elefanten auf. Von den 200 Tieren in Bangkok, meint Geschäftsführer Sivaporn, sind 80 schon gerettet. Einige hundert Ranger, Ärzte, Pfleger haben die Tiere ständig im Blick. „Wie es bisher läuft, damit sind wir sehr zufrieden, sagt Sivaporn Dardarananda von der Reintroduction Foundation. „Nur ein junger Elefant, macht uns gerade Probleme. Das Tier schläft regelmäßig bis in den Vormittag. Es hat noch den Rhythmus im Blut vom Bangkoker Nachtleben.“

Falsche Schlafgewohnheiten – wenn das alles wäre, womit die Ärzte und Pfleger hier zu kämpfen hätten. Besuch im Elefantenkrankenhaus von Lampang. Etwa 20 Tiere werden hier umsorgt: Der Elefant, der auf eine Landmine tritt, das Tier, das beim Bau eines Tempels von einem Hügel stürzt, ein Elefant aus Bangkok, der einen Autounfall hatte. „Wissen sie, den Reichtum unseres Landes, den haben wir auch unseren Elefanten zu verdanken“, meint die Tierärztin Kreuthong Kayan. Als Arbeitstiere haben sie jahrzehntelang gute Dienste geleistet. Aber viele Menschen haben den Respekt vor den Tieren inzwischen verloren. Und deswegen kommt es immer wieder zu solch schrecklichen Unfällen.“ Auch das ein Unfallopfer: Motala hat vor Jahren seinen Fuß verloren. Eigentlich ein Todesurteil. Doch im Elefantenkrankenhaus kümmern sich Pfleger und Ärzte rührend um das Tier. In ein paar Monaten soll der Elefant eine Prothese bekommen. Bei aller Zuneigung für die Tiere – die Auswilderung der vielen Stadt-Elefanten allerdings geht den Ärzten zu schnell. „Die Wälder sind schon jetzt voll mit Elefanten“, sagt Preecha Puangkam, Gründer des Elefanten-Hospitals Lampang. „Auf der Suche nach Futter brechen die Tiere oft in die Dörfer ein und werden dann von den Menschen zurückgeschlagen. Statt Autounfälle werden wir in Zukunft vielleicht eher Tiere mit Schusswunden behandeln müssen.“

Rückkehr nach Bangkok. Elefanten grasen im Vorgarten. Fünf Mal schon wurden Young, der Elefantenführer und seine Familie von der Polizei vertrieben. Denn inzwischen ihre Arbeit ist illegal. Jetzt verstecken sie sich tagsüber in den Ruinen einer Reihenhaussiedlung. Am späten Nachmittag dann beginnen die Vorbereitungen für den nächtlichen Einsatz auf Bangkoks Straßen. Wie häufig sie noch ausrücken werden – wer weiß. Die Elefantenführer – sie sorgen sich um ihr Geschäftsmodell. „Schon mein Vater, sogar mein Großvater ist mit den Tieren losgezogen“, erzählt Elefantenführer Young Yearrum. „Die Elefanten sind unser einziges Auskommen. Wie soll ich meine Familie ernähren, wovon sollen wir leben, wenn wir nicht mehr durch die Stadt ziehen dürfen?“ Ein Leben in Freiheit – für die Elefanten wäre es eine späte Gnade. Für die Treiber dagegen der Ruin. Mit kleinen Späßen für die Touristen lässt sich noch immer gutes Geld verdienen. So schmuggeln sie vorerst weiter... ...Abend für Abend ihre kostbare Fracht auf die Amüsiermeilen von Bangkok.

(Quelle: ws/werg)

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