Die Rückkehr der Flüchtlinge

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Seit ein paar Tagen findet Talemand keine Ruhe mehr, vor zwei Monaten floh der Bauer mit seiner Familie ins Lager Mardan vor den Kämpfen im SWAT-Tal. Dort herrsche jetzt wieder Frieden sagt die Regierung, die Flüchtlinge könnten heimkehren. Talemand will die Reise wagen. Und wie alle Rückkehrer bekommt auch er eine Extraration Nahrungsmittel mit auf den Weg.

„Wir haben immer Angst vor beiden Kriegsparteien gehabt, vor den Taliban, aber auch vor der Armee. Beide Seiten haben schließlich geschossen. Ob es richtig ist, jetzt zurück zugehen, das weiß nur Gott allein." Es dauert nicht lange, bis Talemand und sein Schwiegersohn die wenigen Habseligkeiten verpackt haben.

Die Frauen und Kinder warten geduldig auf die Abreise. Zurück nach Mingora, zurück ins das ehemalige Kampfgebiet. Die Familie weiß nicht, ob ihr Haus noch steht. Talemands Ehefrau Adalta macht sich große Sorgen. "Wir hatten Vieh, ein paar Hühner, einen Esel. Sie sind sicher längst tot, wer weiß, was uns noch geblieben ist, wir mussten alles liegen und stehen lassen und sind geflohen." Kurz darauf fährt der Bus der Regierung vor, die Heimreise der Familie kann beginnen.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft verlassen die Flüchtlinge das Lager, trotz aller Sicherheitsgarantien der Regierung, die Stimmung im Bus bleibt angespannt. Nach einer guten Stunde endet die Fahrt des Konvois in einem gewaltigen Stau, an einem Checkpoint kontrollieren Soldaten die Fahrzeuge der Rückkehrer.

Die Regierung befürchtet, dass mit den Flüchtlingen auch Talibankämpfer in das SWAT-Tal zurückkehren könnten. "Wir haben ein besonderes System entwickelt“, erklärt Captain Ali: Bis zu zwanzig Fahrzeuge kontrollieren wir gleichzeitig, wir registrieren die Anzahl der Insassen, woher sie kommen und wohin sie fahren."Jetzt werden auch Talemand und seine Familie von den Soldaten überprüft, sie müssen ihre Registrierung vorweisen, jedes Detail wird festgehalten.

Talemand wundert sich über die scharfen Kontrollen, schließlich hatten die Regierungsvertreter im Lager gesagt, die Gegend sei jetzt wieder sicher. Ein paar Kilometer weiter, die nächste Kontrolle. Der gesamte Verkehr wird durch einen Scanner zum Aufspüren von Sprengstoff geleitet. Talemand und seine Familie werden noch ein bisschen stiller. Wozu die ganzen Kontrollpunkte, so fragen sie, wenn doch wieder alles friedlich sein soll: "Die Armee wird wohl ihre Gründe dafür haben. Wir fürchten die Taliban noch immer, und jetzt können wir nur noch hoffen, dass der Krieg tatsächlich vorbei ist."

Nun gerät der Konvoi der Rückkehrer auf der engen Gebirgsstraße wieder ins Stocken, mehr als sieben Stunden ist der Bus inzwischen unterwegs, als er den Militärcheckpoint am Stadtrand von Mingora passiert. Wie erbittert Armee und Taliban hier gegeneinander kämpften, kann Talemand nur ahnen.

Wie die zerstörten Häuser zeigen, hier wurden auch schwere Waffen eingesetzt. Soldaten sichern die Ankunft des Busses im Stadtteil Aboha, sie fürchten Übergriffe versprengter Talibankämpfer. Ein wenig ängstlich blickt sich die Familie um, doch ihr Wohnviertel scheint kaum zerstört worden zu sein. „Ein Glück, dass ihr wieder da seid“, herzlich begrüßen die Nachbarn Talemand und die ganze Familie, die ersten sind schon vor ein paar Tagen zurückgekehrt.

Der Bauer ist erleichtert, in seiner Gasse haben die meisten Häuser die Kämpfe unversehrt überstanden, und sogar ein paar der Tiere haben überlebt. "Ich bin so froh wieder zu Hause sein“ meint Talemand. „Hier wurde ich geboren, und hier möchte ich auch begraben werden, was immer auch geschieht wird, endlich sind wir wieder daheim." Unten an der Hauptstrasse liegt die Tankstelle in Trümmern.

Rückkehr in eine zerstörte Heimat, Einst lebten in Mingora fast 300 000 Menschen, jetzt bewachen die Soldaten eine Geisterstadt. Noch immer sollen sich einzelne Taliban und ihre Unterstützer in der Stadt versteckt halten. Die, die zurückgekehrt sind, fürchten, dass sie auch nach Ende der Kämpfe nicht in Frieden leben können.

„Natürlich hoffen wir, dass unsere Heimat jetzt endlich friedlicher wird, aber die Region ist lange vernachlässigt worden“, sagt Nachbar Amir Zaman. „Auch wenn wir endlich Hilfe bekommen, kann es noch Jahre dauern, bis es hier wieder aufwärts geht." Talemand und seine Nachbarn diskutieren noch lange, warum die Regierung die Menschen jetzt schon drängt, in das unsichere SWAT- Tal zurückzukehren. Sie haben davon gehört, dass die Armee in einer anderen Talibanhochburg im Süden eine neue Offensive gestartet habe, mit neuen Flüchtlingsströmen.

Vielleicht, so vermuten die Rückkehrer, müssen in den Lagern bald die nächsten Flüchtlinge versorgt werden.

(Quelle: ws/br/dpa/werg)

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