30 Jahre sandinistische Revolution

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Aristides führt ein einfaches Leben. Er repariert Kühlschränke. Als 16-Jähriger hat er einen Arm verloren. Mit 20 schloss er sich der sandinistischen Guerilla an, kämpfte im Untergrund. Heute hat er sich von den ehemaligen Weggefährten abgewandt. „Es ist eine verlorene Revolution“, erregt sich der ex-Guerillero Aristides Rojas. „Die eigenen Führer haben sie zerstört. Viele Sandinisten-Chefs sind reich, haben große Besitztümer.

Manche sind Millionäre, scheffeln Geld auf Bankkonten im Ausland. Nur das normale Volk verharrt in der gleichen Armut wie zu Beginn der Revolution.“ Jinotepe, ein kleines Städtchen in der Mitte Nicaraguas. Aristides Rojas war nach dem Sturz Somozas vor 30 Jahren hier einige Jahre Bürgermeister. Er hat der Versuchung wiederstanden, sich zu bereichern. Er lebt in bescheidenen Verhältnissen. Dafür habe er seine Ehre und seine Ideale behalten, betont er.

Immer habe er für das Volk gekämpft, nie für persönlichen Reichtum. „Während des Krieges wurde ich mehrmals ins Gefängnis geworfen und von den Schergen Somozas schwer gefoltert“.Fast ein ganzes Volk hatte sich gegen einen grausame Diktatur erhoben – um für Freiheit, Bildung und eine gerechte Verteilung des Reichtums zu kämpfen. „Die Revolution war nicht völlig umsonst“, meint Aristides Rojas. „Wir haben gelernt die eigenen Rechte zu verteidigen. Zumindest das ist uns geblieben.“

Carlos Mejia Godoy war die Stimme der Revolution. Seine Lieder befeuerten in den 70er Jahren die Aufständischen und die Jugend Lateinamerikas. Er komponierte die Hymne für die Guerilla. Vor kurzem hat er der Partei der Sandinisten verboten seine alten Lieder zu benutzen.

Nicaragua sei auf dem Weg zu einem autoritären Regime. „Die demokratischen Spielräume werden zunehmend eingeengt. Wir können uns nur noch mit großen Schwierigkeiten Gehör verschaffen. Kritiker werden mit Prozessen überzogen und eingeschüchtert. Der Machtzirkel der Sandinisten glaubt er sei allmächtig. Er kontrolliert die Massenmedien und manipuliert die Bevölkerung.“

Auf ihn ist die Kritik gemünzt: Ex-Guerilla-Führer und nun zum zweiten Mal Präsident: Daniel Ortega. Vor rund 2 Jahren wurde Ortega von nur einem Drittel der Bevölkerung gewählt. Aber ein Pakt mit den Rechten verschaffte ihm dennoch das begehrte Staatsamt. Seitdem versucht er gezielt seine Macht auszuweiten. Mit alter revolutionärer Rhetorik und einem messianischem Personenkult.

Seine Frau ist Strippenzieherin hinter den Kulissen, seine Söhne lenken Fernsehsender und staatliche Firmen. Eine Art Familienimperium, das Nicaragua regiert wie einen eigenen Gutshof. Viele der ehemaligen Genossen haben sich von Ortega getrennt. Auch Monika Boltadano. Die Abgeordnete war wie Ortega eine historische Führerin des bewaffneten Aufstandes.

„Revolution heute heißt sich gegen das Regime von Ortega aufzulehnen“, sagt sie kämpferisch wie einst. „Es wäre nicht seriös zu behaupten, wir lebten in Nicaragua bereits in einer Diktatur“, sagt Monica Boltadano, Abgeordnete der MRS und ex-Commandante. „Aber die Regierung Ortega und die regierende sandinistische Partei zeigen immer deutlicher autoritäre Tendenzen und setzen ihre Macht äußerst repressiv ein. Sie manipulieren sogar Wahlen. Wenn wir jetzt nicht um die Demokratie kämpfen, werden wir Ortega nicht aufhalten können und das kann dann in einer Diktatur enden.“

Zurück in Jinotepe. Bäurin Cándida Rosa teilt das Schicksal von 80 % ihrer Landsleute. Sie lebt in Armut. Äußerste Armut. Seit kurzem profitiert sie von einem Regierungsprogramm, das das Ziel hat, Hunger zu bekämpfen. Vor allem bedürftige Frauen bekommen einige Hühner und eine Kuh. Gebärt diese das zweite Kalb, zahlen sie mit diesem die Schuld ab. Das Programm hat jedoch einen politischen Preis. „Ich bin keine Sandinistin. Aber um am Programm teilzunehmen, musste ich in die Partei eintreten. Was blieb mir anderes übrig. Mein Mann war in der Guerilla, ist im Krieg gefallen. Ich habe nie etwas bekommen. Ich bin allein.“ Stimmenkauf vor allem auf dem Land ist weit verbreitet. Die Sandinisten beherrschen das in Perfektion.

Unweit des Hofes von Cándida Rosa liegt eine kleine Vieh-Farm. Der Besitzer war Sympathisant der Guerilla und versteckte hier in den Jahren des Volksaufstandes Kämpfer. Sein Freund, Aristides Rojas, brachte Bauern und Arbeiter, die auf dem Hof heimlich an Waffen ausgebildet wurden. Fast sämtliche historischen Anführer der sandinistische Guerillatrupps waren auf der Farm.

Neben der militärischen Ausbildung wurde ideologisch geschult. Das Ziel: die Verwirklichung der großen Utopie. Eines Sozialismus, in dem Kooperativen solidarisch arbeiten, in dem alle entscheiden und nicht nur eine kleine Machtclique. Aber dieses Erbe der Revolution sei verschachert worden, sagt Aristides. Der 30. Jahrestag des Sieges – heute ein Tag der Trauer. „Ich bin aus der sandinistischen Partei Anfang 2000 ausgetreten“ sagt Aristides Rojas.“

Als Ortega den ekelhaften Pakt mit den Rechten geschlossen hat, um endlich wieder an die Macht zu kommen, die er nach der Revolution verloren hatte. Ein Pakt mit den korruptesten Politikern Lateinamerikas.“ „Was von der Revolution geblieben ist? Die Fahne der Sandinisten, die Propaganda, mehr nicht“, meint Ex-Guerillero José Mendieta. „Das Land ist im Zangengriff einer Familie. Es wiederholt sich auf tragische Weise das Somoza-System. Nun von ehemaligen Revolutionären: Das macht es sogar noch schlimmer.“ In Jinotepe wird in diesen Tagen ausgelassen gefeiert.

Seit 2 Wochen sind Pilger auf dem Weg in das Städtchen im Herzen Nicaraguas, in dem vor 30 Jahren eine der entscheidenden Schlachten gegen den Diktator Somoza gewonnen wurde. Aristides Rojas war damals bereit sein Leben für den Sieg der Revolution zu geben. Dreißig Jahre danach fühlt er sich verraten und manchmal ohne Hoffnung.

(Quelle: swr/cmspix/ws/werg)

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