Die "Knutschkugel"...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Klein, aber oho

Er sah zwar aus wie ein Bonbon auf Rädern, fuhr aber zuverlässig und bot mehr Platz als man denkt.

 Leider kippte Hilmar Zeissig in seinem Studentenauto ab und zu von der Fahrbahn, hier seine ganz persönliche "Isetta - Geschichte" :

Knutschkugel und Käfer: Links Hilmar Zeissig in seiner Isetta, rechts zum Größenvergleich ein VW Käfer.Meine Isetta hieß Uzi, da mich ihr Fahrgeräusch an die bei der Bundeswehr benutzte, israelische Maschinenpistole erinnerte. Andere nannten sie Schlaglochspürgerät oder Asphaltblase. Der bekannteste Spitznamen war jedoch Knutschkugel.

Gekauft hatte ich die Isetta mit 46.320 Kilometern auf dem Tacho im Dezember 1962. Das Fahrzeug war in der typischen Farbkombination gelb-orange lackiert und verfügte über die Standardausrüstung mit Rolldach. Den Kaufpreis von 700 Mark bezahlte ich aus dem Gewinn zweier Volksaktien, die ich rechtzeitig verkauft hatte.

 Bequemer Einstieg auch bei großer Körperlänge

Bequemer Einstieg von vorn: Trotz seiner Körpergröße von 1,96 Meter war der Wagen für den Studenten Hilmar Zeissig sehr praktisch.Der Umstieg vom Fahrrad mit Hilfsmotor aufs Auto markiert den Beginn meines persönlichen Wirtschaftswunders. Das begann recht frisch, denn im Winter musste ich immer Skikleidung tragen, da das Ding keine Heizung hatte. Dafür bot die Isetta viel Platz. Wegen meiner Größe von 1,96 Metern habe ich den bequemen Einstieg von vorne besonders geschätzt. Bei einer Fahrt zum Kölner Karneval hatte ich vier ausgewachsene und angeheiterte Beifahrerinnen an Bord. Wie das ging, kann ich allerdings nicht mehr rekonstruieren.

Gemeinsam mit anderen Isetta-Fahrern erstanden wir ein weiteres Exemplar vom Schrotthändler als Ersatzteilquelle. Dennoch hatte ich erfreulich wenige Probleme mit meiner Isetta, die ich intensiv nutzte.

Wer von der Straße abkam und ungünstig mit der Tür gegen einen Baum rollte - wie es Hilmar Zeissig passierte, war praktisch gefangen. Meine Studentenbude lag am Bahnhof in Beuel, und ich musste jeden Tag zur Uni oder zum Repetitor über die Rheinbrücke nach Bonn knattern. Mindestens einmal die Woche fuhr ich über die Autobahn zu Vorlesungen an der Kölner Uni. Hinzu kamen am Wochenende weitere 200 Kilometer Heimweg nach Bad Bentheim an der holländischen Grenze. Dort fuhr die niedersächsische Polizei elegante tannengrüne Isettas als Dienstwagen. Meine längste Tour ging nach Konstanz am Bodensee. Der kleine Viertakter tuckerte immer zuverlässig und brauchte mit seinen 12 PS nur hin und wieder eine Tasse Benzin.

Nur einmal musste der Vergaser ersetzt werden. Außerdem brach die Antriebskette, und Scheibenwischer und Rückspiegel mussten nach kleinen Unfällen ausgetauscht. Obgleich ich wie die meisten meiner Freunde Jura studierte, wurden wir mit Hilfe einer kleinen Werkstatt, bei der wir unser Ersatzteilauto abstellten und am Wochenende gegen geringe Gebühr die Werkzeuge und Hebebühne benutzten, recht gute Mechaniker.

Ausgezeichnete Straßenlage

 Formel-1-Legende Stirling Moss führte 1957 mit vier Fotomodellen vor, wie viele Personen in den Wagen hineinpassen. Die Isetta besaß selbst bei der rasanten Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h eine ausgezeichnete Straßenlage - dank der breiten Vorderachse und dem niedrigen Schwerpunkt. Schwieriger war die Fahrt bei Neuschnee, da die Spurrinnen anderer Autos für die Vorderräder zu breit waren und die beiden Hinterräder ihre eigene Spur machen mussten.

Ich entsinne mich, wie mich einmal früh morgens auf der Autobahn nach Köln ein Lkw überholte und ein dicker Schneeklumpen auf meine Frontscheibe klatschte. Darauf drehte sich die Isetta mehrmals im Kreis und landete rückwärts am Straßenrand, wo nur die Hinterräder die Schneemauer durchbrachen und in der Luft hingen. Wegen des Gewichts des hinten liegenden Motors wäre der Wagen in den Strassengraben gekippt, wenn ich ausgestiegen wäre. Also winkte ich aus der geöffneten Tür dem Verkehr zu, bis sich einer erbarmte und mich auf die Strasse zog.

 Am Ende meiner Studienzeit verkauft ich 1965 das Musterexemplar deutsch-italienischer Ingenieurskunst. Doch noch immer erinnere ich mich gern an diese Zeit und meine Isetta.

Sonnige Farbkombination: Dieses Exemplar aus dem BMW-Museum zeigt, wie die Lackierung unseres Altmetallers ausgesehen haben mag.


(Quelle: spon/hilmar zeisig/werg)

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post