Tito-Nostalgie

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Tito ist Kult in den Nachfolgestaaten Ex-Tito fürs Bücherregal, Tito als T-Shirt, Tito als Uhr. Tito ist wieder in. Die örtlichen Medien sind lieber nicht gekommen. Tito ist offiziell kein Thema. Der Mann, dessen sie hier im bosnischen Kozara gedenken, weilt aber fast 30 Jahre schon nicht mehr unter ihnen. Ein paar Leute von damals sind da mit ihren Partisanenkäppchen, aber auch erstaunlich viel Jüngere, die kaum Erinnerungen an ihn haben können. Sie suchen Orientierung. Eine zwanzigjährige Medizinstudentin ist mit dem Opa gekommen. „Tito bedeutet, wie soll ich sagen, Freiheit, Einheit. Tito ist nicht Vergangenheit, nicht Gegenwart, nicht Zukunft, Tito ist universell“, meint Zorica Jurkić. „Er bedeutet Zeitlosigkeit, er ist der Weg in eine leuchtendere Zukunft. Er ist ein Synonym für den richtigen Weg in die Zukunft.“

Die größte Tito-Devotionalie liegt jetzt in einer Werft bei Rijeka. Die kroatische Stadt hat gerade Titos Staatsjacht gekauft. Das alte Schiff soll zum Museum werden. 150.000 Euro hat der umstrittene Spaß gekostet. Die „Galeb“ war Titos Vehikel zwischen den östlichen und westlichen Welten. Er nahm immer lieber das Schiff. Hier an Bord waren sie zu Gast, Politiker, Filmstars, Tito war in. Dass der Staatsmann auch seine dunklen Seiten hatte, interessierte damals nicht. Heute müssen Tito und sein angestaubter Luxus als Touristenattraktion herhalten. Das ist die Idee des Bürgermeisters von Rijeka, der sowieso lieber an die guten Seiten Titos denkt. „Er ist zweifellos ein Teil unserer Geschichte, einer Geschichte, derer wir uns nicht schämen müssen; es gab ein gesellschaftliches Niveau und einen Lebensstandard, eine Sicherheit, viel höher als heute in Zeiten der Marktwirtschaft“, so Vojko Obersnel.

Auch wenn die Rostlaube schon lange nicht mehr rausfährt, einen Kapitän muss die Galeb immer noch haben. Das ist der Job von Jeljko Matejćić. Er hütet das Relikt aus den angeblich besseren Zeiten. Der Kapitän in Titos Kabine. Er kann die heutige Nostalgie selber nicht verstehen. Er wirft Tito insbesondere vor, die Nationen im alten Jugoslawien zu lange zusammengehalten zu haben. Er hätte damals verschlafen, wie die Nationen auseinanderdriften. Die drei Zerfallskriege wären vermeidbar gewesen. Und dann taucht noch Miodrag Stepić auf, er hatte das Schiff gesteuert, er hatte immer engsten Kontakt mit Tito. „Ich mag es nicht, dass der Name in allen möglichen Zusammenhängen gebraucht wird. Einmal ist er der Staatsfeind Nummer eins, ein anderes Mal wird gesagt, es gab keinen besseren als Tito, das ist nicht in Ordnung.“

Fahrt auf die Insel Vis in der Adria, eine Insel voller Geheimnisse, eine Insel der Legendenbildung. Hier hatte sich Tito im Krieg versteckt, hier versteckte sein Jugoslawien später erhebliche Waffenarsenale. Auch die militärischen Führungsbunker waren hier. Vis - ein einziger Bunker. Jurica Žitko ist ein ganz besonderer Touristenführer, ehemaliger Fallschirmspringer, Extremsportler heute, Grünenpolitiker - und Bunker-Freak. Er macht Führungen durch die Unterwelt von Vis. 38 große Bunkeranlagen hat er allein auf Vis gezählt, darunter einen Führungsbunker Titos. Tito hatte als einziger ein richtiges Klo hier unten. 60 Meter unter der Erde, die Anlagen sind längst geplündert. Selbst Jurica bekommt immer wieder Gänsehaut angesichts der Vorstellung ehemaliger Größe. Er gründete eine Bürgerinitiative zur Sicherung der Bunker. „Wir verteidigten unser Meer, unser Land; nun haben wir alles verloren, das ist der größte Teil unserer Nostalgie; einst hatten wir unser eigenes Land, jetzt nicht mehr, dann kämpften und starben wir für Kroatien. Und jetzt? –
Es gibt aber noch die andere Seite der Medaille, das war die allgegenwärtige Diktatur.“

Fahrt zur Insel Goli Otok, nicht weit entfernt von Rijeka. Diesen Weg mussten damals Tausende nehmen, die mit einer Tito-Nostalgie heute Probleme haben. Dort in Fels und Staub und Hitze waren politische Gefangene untergebracht. Vladimir Bobinac war einer davon. Wer auf dem Weg Titos hindurch zwischen Ostblock und westlicher Welt nicht mitging, kam nach Goli. Das Steineklopfen kann er heute noch. Er hatte Angst bis zu Titos Tod. Nostalgie? Das versteht er nicht. „Eine moderne Gesellschaft kann man nicht auf der Grundlage von Stalinismus oder Titoismus aufbauen, sondern nur auf der Basis von freien Menschen. Nur so!“

Freiheit statt Kult. Belgrad, König-Alexander-Boulevard 12. Ein seltener Blick in die untergegangene Welt der Titos. Fast dreißig Jahre lebte Titos Witwe Jovanka hier quasi unter Hausarrest. Die Rente war schlecht, und der Ausweis war weg. Die Räume sind eher ärmlich. Seit drei Jahren erst gibt es eine Heizung. Wenigstens den Empfangsraum hatte man letztes Jahr auf Staatskosten renoviert. Jetzt bekam sie vom serbischen Innenminister persönlich Reisepass und Personalausweis ausgehändigt. Das Innenministerium dokumentierte den historischen Moment selber fürs Archiv. Alles eine Selbstverständlichkeit, sagte der Minister noch. Jetzt kann sie wieder reisen, wie zu Titos Zeiten.

(Quelle: swr/ws/werg)

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