"Arbeitsplatz" - Spielhalle

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Stahlbad in der Spielhölle

Japaner sitzen vor Pachinko-Automaten in einem Spielsalon in TokioTetsuya Makino ist mal wieder in die Welt der kleinen Kugeln abgetaucht. Stundenlang kann er dabei zuschauen, wie sie durch das Nagelraster purzeln. Nicht einmal den Lärm nimmt der Museumsdirektor wahr, obwohl er für Westeuropäer schier unerträglich erscheint. Die Spieler sitzen dichtgedrängt, jeder für sich, fast regungslos. Tetsuya Makino schießt jede Minute Dutzende Kugeln nach oben. Diese fallen runter, einige kullern in Gewinnlöcher und werden zu Geld.

Umsatzstarke Industrie

 Pachinko Maschine16 Millionen Japaner lieben Pachinko. Dieses Spiel hat einen Umsatz wie die Autoindustrie. Allein in Tokio stehen über 1.000 Spielhallen. Japaner können beim Pachinko entspannen, meint Toshio Miyatsuka. Der Wissenschaftler studiert die Pachinko-Industrie und die Automaten. Der Weg der Kugeln interessiert ihn auch privat, denn er spielt selbst gerne - genau wie seine Studenten. Die lernen bei ihm die Geräte richtig kennen und die oft zwielichtige Welt dahinter.

"Billig, nah und simpel"

Auch die japanische Mafia verdient offenbar beim Pachinko mit, über dubiose koreanische Inhaber soll sogar Geld nach Nordkorea fließen. Die Industrie versucht das halbseidene Image loszuwerden, wirbt mit gutem Service, hohem Spaßfaktor und ständig neuen Automaten. Der Pachinko-Professor sieht noch andere Gründe für den Siegeszug des Spiels - es sei billig, nah und simpel. Für umgerechnet 75 Cent bekommt ein Spieler schon 25 Kugeln und kann spielen. Dafür muss er nicht mal weit gehen, denn Pachinkohallen sind überall zu finden.

Der Trick mit den Nägeln

Tetsuya Makino hat sich ein eigenes Pachinko-Reich geschaffen: ein Museum mit Automaten aus mehreren Jahrzehnten. In den 20er-Jahren kamen die Vorläufer aus Europa und den USA - die Japaner haben sie ihrem Geschmack angepasst. Der Boom begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Pachinko habe sein Leben bereichert, sagt der 44-Jährige. Deshalb wollte er dem Spiel ein Museum widmen. Er lebt von Eintrittsgeldern und Fachartikeln. Er weiß auch, was passiert, wenn Spieler zu viel gewinnen. Mitarbeiter würden nach Ladenschluss einfach einige Nägel so zurechtbiegen, dass die Kugeln seltener in die Gewinnlöcher fielen. So erhöhe der Laden seinen Umsatz.

Tipps und Tricks rund um das Kugelspiel liefert täglich Pachinko TV. Hier treten Berufsspieler gegeneinander an, 30.000 Japaner gehen in Pachinko-Hallen wie andere ins Büro. Die besten verdienen im Schnitt 6.000 Euro pro Monat, mit dem richtigen Augenmaß. Denn sie erkennen in den Geräten mehr als andere.

Die Folgen der Sucht

Doch es gibt auch Schattenseiten des Kugelrausches: kaputte Familien, Schulden und Vereinsamung. Nach Schätzungen sind mehrere 100.000 Japaner süchtig. Im wieder starben Kleinkinder in heißen Sommern in geparkten Autos, weil die Mütter beim Pachinko die Zeit vergaßen. Deshalb wurden Parkplatzpatrouillen eingeführt, einige Spielhallen bieten sogar Kinderbetreuung an.

Psychiater wie Masando Iwasaki sehen im Nervenkitzel und Streben nach immer höheren Gewinnen Gründe für die Pachinko-Sucht. Hinzu komme die Flucht aus der Realität. Das heißt, man könne in dem Lärm alles vergessen, was einen belaste. Und man fühle sich wie ein König, der alles unter Kontrolle habe, so der Psychiater.

Goldplättchen statt Geld

GoldplättchenIn Japan ist das Glücksspiel um Geld eigentlich verboten. Es gibt nur Sachpreise oder kleine Goldplättchen, für die sich fast alle Kunden entscheiden. Diese dürfen die Spieler zu Geld machen - allerdings nur außerhalb der Pachinkohalle. In speziellen Wechselstuben können die Goldplättchen getauscht werden - Glücksspiel in der Grauzone sozusagen.

(Quelle: dpa/ws/seyfarth-dental/mediang.gameswelt/werg)

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