Kinder als Attentäter

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Bis vor ein paar Monaten ist Faiz noch gerne durch die Felder rund um sein Heimatdorf in der Provinz Ghazni gestreift, doch inzwischen traut er sich nur noch selten hierher. Der 12jährige führt uns an den Ort, an dem er beinahe ums Leben gekommen wäre. Als Selbstmordattentäter im Auftrag der Taliban:

“Als die Männer mich hier vor dem Distrikthauptquartier absetzten, trug ich eine Sprengstoffweste. Ich sollte nur noch rübergehen und den Knopf drücken. Doch die Soldaten entdeckten mich und brüllten, bleib stehen, bleib stehen. Dann kamen sie und nahmen mir ganz vorsichtig den Sprengstoff ab.“

Die Soldaten führten Faiz in den Stützpunkt und verhörten ihn, ein Mann erkannte den Jungen, der Vater eilte herbei und durfte seinen Sohn bald mit nach Hause nehmen. Von dort war er zwei Wochen zuvor plötzlich verschwunden, auf dem Schulweg hatte ihn der Vater zuletzt gesehen.

“Die Taliban kamen auf Motorrädern und entführten uns in ein fremdes Haus. Dort zeigten sie uns die Sprengstoffwesten, mit denen wir die ausländischen Truppen angreifen sollten. Geht zum Tor des Distrikthauptquartiers, und zündet eure Sprengsätze, dann regnet es Blumen und dann seid ihr im Paradies, so haben sie es uns immer wieder erklärt.“

Wieder bewachen Soldaten den Eingang zum Distrikthauptquartier, drinnen treffen wir die Dorfältesten mit Abdulrahim Desewal, dem Kommandeur. Er hat schon mehrere Anschläge überlebt, und ihm sollte wohl auch der verhinderte Anschlag von Faiz gelten. Dass die Taliban Kinder als lebende Sprengsätze benutzen, erschüttert auch die kriegserfahrenen Lokalfürsten .


„Faiz war nicht der erste Junge, den die Taliban los schickten, um sich in die Luft zu sprengen, das ist wahr. Seit anderthalb Jahren erleben wir in unserem Distrikt immer wieder, wie Kinder als Selbstmordattentäter missbraucht werden für einen Heiligen Krieg im Namen des Islam. Dabei widersprechen solche Taten doch unserer Religion, denn der Islam verlangt natürlich den Schutz der Kinder, so wie alle anderen Religionen auch.“

Und als die Kamera ausgeschaltet ist, erzählen uns die Dorfältesten, von ihren Appellen an die Taliban, keine Kinder mehr zu rekrutieren, von Appellen ohne Erfolg.

Auf dem Weg zurück nach Kabul. Seit Wochen haben wir uns um ein Treffen mit Vertretern des afghanischen Geheimdienstes NDS bemüht, die Spezialisten kennen die Schicksale von Faiz und all den anderen Jungen, die immer wieder ähnliches berichten. 

Saeed Ansari, Afghanischer Geheimdienst:
„Wir haben im vergangenen Jahr knapp 20 Selbstmordattentäter festnehmen können , und fast alle waren unter 20 Jahre alt. In den Verhören haben sie geschildert, wie sie an Koranschulen in Pakistan monatelang eine regelrechte Gehirnwäsche mit Jihad- Propaganda bekommen haben. Bei so jungen Menschen ist das natürlich besonders einfach. Dann wurden sie im Umgang mit Sprengstoff geschult und nach Afghanistan geschickt. Hier sollten sie dann Selbstmordanschläge ausführen.“

Wir machen uns wieder auf den Weg durch die Hauptstadt, gemeinsam mit zwei Mitarbeitern des Geheimdienstes, die wollen nicht gefilmt werden, doch wir machen heimlich ein paar Bilder von unserem Weg in ein Gefängnis für Selbstmordattentäter. Hier treffen wir Shakarullah aus Pakistan, der Junge ist erst 14, und auch er sollte im Dschihad als Selbstmordattentäter sterben.

„Meine Eltern haben mich an eine Koranschule geschickt, und dort erklärten uns die Lehrer, dass wir gegen die Ungläubigen in Afghanistan kämpfen sollen. Eines Tages kamen sie zu mir und sagten, ich solle nach Afghanistan gehen, für einen Anschlag. Ich würde nicht sterben, haben sie behauptet, ich würde wieder nach Hause zurückkommen.“

Ganz genau schildert uns der Junge, wie er von Fremden über die Grenze gebracht wurde.

„In Afghanistan verbrachte ich drei Nächte in einer Moschee, dort betete ein Mullah mit mir. Immer wieder sagte er, wir müssen gegen die Ungläubigen kämpfen. Tagsüber übte ein anderer Mann mit mir das Autofahren. So wurde ich auf den Anschlag vorbereitet. Als das Auto bereits mit Sprengstoff beladen war, da stoppte uns die Polizei bei einer Verkehrskontrolle, ich wurde festgenommen.“

Das war vor zwei Monaten, seitdem wird der Junge immer wieder verhört, der Geheimdienst will alles über die Hintermänner seiner Mission erfahren. Und allmählich beginnt Shahkrullah zu verstehen, wozu er benutzt werden sollte.

„Nein, Selbstmordanschläge sind nicht richtig, wir sind doch alle Muslime.“

Kurz bevor wir gehen sagt Shaqrullah noch, wie sehr er sich einen Besuch seiner Familie wünsche, die wisse zwar wo er sei, doch gekommen ist niemand.

Noch einmal kehren wir zurück nach Ghazni. Die Familie von Faiz ist dankbar, dass der 12jährige wieder zurückkehren durfte. Und auf den erst Blick scheint es, als habe der Junge seine furchtbaren Erlebnisse recht gut verarbeitet, doch dann erzählt uns sein Vater, wie Faiz bis heute leidet.

“ Mein Sohn hat oft große Angst, vor allem in der Nacht, dann steht er auf und läuft durch unser Haus. Manchmal schlägt er den Kopf gegen die Wand, oder er verletzt sich selbst, oft hören wir wie er nachts im Schlaf schreit.“

Einen Arzt, der ihm helfen könnte, die Furcht in seinem Leben zu besiegen, den gibt es hier nicht.

„Ich fürchte mich noch immer vor den Taliban, hoffentlich holen sie mich nicht noch einmal, für einen Anschlag. Davor habe ich am meisten Angst, deshalb versuche ich so wenig möglich draußen zu sein.“

Faiz hat überlebt. Er wurde nicht geopfert, in einem Krieg, der auch für Kinder keine Gnade kennt.

(Quelle: wdr/wikipedia/werg)

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