Mädchen als Haushaltssklaven

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

„Petites Bonnes“

Zehn Jahre alt ist Hasna. Sie lernt französisch, und sie ist froh, dass sie wieder zur Schule gehen darf. Seit zwei Monaten kann sie das wieder, vorher musste sie arbeiten. Es ist das Schicksal all dieser Kinder. Hasna hat fünf Geschwister, sie kommt aus einer Familie, die im Elendsviertel lebt, ihr Vater hat sie zum Geld verdienen geschickt. Im Haushalt musste sie arbeiten wie all die Mädchen hier, von morgens früh bis Abends spät.

Kleine Hausmädchen: „Petites Bonnes“ ist ein feststehender Begriff für sie in Marokko. Es gibt sie zu Tausenden. Sie werden ausgebeutet, geschlagen, missbraucht – nur die wenigsten werden hier aufgefangen, von der Kinderhilfsorganisation Bayti in Casablanca. Sie malen ihre Träume und auch ihre Albträume und sie malen, weil es einfach nur Spaß macht, denn sie sind Kinder. Kinder, die in Familien wie Sklaven gehalten wurden. Auch Hasna wurde mit gerade neun Jahren von ihrer Familie zum Arbeiten geschickt zu einer Familie nach Casablanca. Dort musste sie den Haushalt machen: Boden schrubben, Wäsche waschen, einkaufen gehen und sie wurde von der Frau, bei der sie arbeiten musste, schwer misshandelt.

Imane ist Sozialarbeiterin bei der Bayti, sie kümmert sich um Hasna, versucht das Erlebte mit ihr zu verarbeiten. Hasna erzählt: „Sie hat mich geschlagen bis ich geblutet habe. Mit dem Gürtel hat sie das gemacht und sie hat mir die Haare abgeschnitten.“ „Wie lang waren Deine Haare?“ „Bis hierher. Einmal musste ich mit ihr auf die Terrasse gehen: Sie hat gesagt, ich soll mein Gesicht zur Sonne zeigen und als ich mein Gesicht zur Sonne gerichtet habe, hat sie mich geschlagen.“

Hilfe für die misshandelten Mädchen

Noch viel zu selten werden solche Fälle aufgedeckt und angezeigt. Hasna hatte Glück im Unglück: Ein Nachbar half ihr von der Familie zu fliehen, brachte sie zur Kinderhilfsorganisation. Hier versuchen sie, die seelischen Verletzungen zu lindern und den Mädchen ein Stück Kindheit zurückzugeben. Hasna erinnert sich: „Ich habe mich so traurig gefühlt, weil ich nie spielen durfte.
75 Kinder kann die Organisation in Casablanca aufnehmen, so viele Schlafplätze haben sie. Jeden Tag gibt es ein warmes Mittagessen. Viele Kinder kennen das nicht, sie kommen aus bitterarmen Familien. Als „Petites Bonnes“ verdienen sie 20 bis 50 Euro im Monat, ernähren davon die Geschwister und Eltern.

M’jid von Bayti erklärt: „Das größte Problem, das wir haben, ist, dass die Mädchen, die wir hier bei Bayti aufnehmen, von ihren eigenen Eltern wieder zum Arbeiten weggeschickt werden. Wir bieten ihnen zwar eine Alternative an, wir bilden sie aus, wir arbeiten auch mit den Eltern zusammen, wir versuchen sie zu sensibilisieren, damit die Kinder wieder bei ihnen leben können. Wir unterstützen sie auch finanziell, damit die Mädchen in die Schule gehen. Und trotzdem ist die Gefahr groß, dass die Eltern, vor allem die Väter, sie wieder zum Arbeiten schicken, denn das ist das einzige Einkommen für die Familie – das bleibt wirklich ein Problem.“

Die Kinder von Bayti sind immerhin in guter Obhut, gehen zur Schule, doch es gibt viele, die nicht hier aufgefangen werden. Sie landen auf der Straße, sind leichte Opfer für Prostitutionsringe, denn häufig wurden sie sexuell missbraucht. So auch Rahma. Sie ist heute 22 Jahre alt, verkauft Zigaretten. Seit neun Jahren lebt sie auf der Straße. Mit acht wurde sie eine „Petite Bonne“: „Der Sohn der Familie, bei der ich arbeiten musste, hat gewartet bis seine Eltern schlafen und dann ist er zu mir gekommen. Er hat er mich vergewaltigt, und die anderen Brüder haben das auch getan. Deshalb bin ich abgehauen und lebe auf der Straße. Aber auch hier ist niemand gut zu uns, hier gibt es immer nur Probleme. Schau mein kleiner Sohn lebt auch auf der Straße.“

Busbahnhof als Zuhause

Der Busbahnhof ist ihr zu Hause. Täglich erlebt Rahma Gewalt und Erniedrigung, sie wird beschimpft und bespuckt. 10 oder 20 Cent bekommt sie für eine Zigarette. Von einem Euro am Tag schlägt sie sich und ihren sechs jährigen Sohn durch: „Ich bin ein Kind der Straße, deshalb habe ich ein Straßenkind. Ich habe ihn im Slum geboren, er hat keinen Vater.“

Rahma wünscht sich eine bessere Zukunft für ihren Sohn. Doch sie gehören zu den Verstoßenen dieser Gesellschaft und es gibt zu viele davon und zu wenige, die helfen, zu wenige die hinschauen. Und so wird Rahma weiter mit ihrem Sohn auf dem Pflaster des Busbahnhofes von Casablanca schlafen.

Für Hasna dagegen ist heute ein aufregender Tag. Sie darf ihre Familie besuchen. Sechs Geschwister hat sie. Seit elf Monaten hat sie die nicht mehr gesehen, auch nicht den Vater und die Mutter. Die „Petites Bonnes“ werden herausgerissen aus ihren Familien, aus dem Dorf, aus der Schule. Es ist das Ende ihrer Kindheit. Besuche sind nicht möglich. Wichtig ist das Geld, dass die Kinder verdienen, nicht das Kind. Imane, die Sozialarbeiterin will vom Vater wissen, warum Hasna weggeschickt worden ist: „Wir haben nichts. Wir sind arm. Keiner hilft uns. Schau, ich habe viele Kinder, ich muss ihnen zu essen geben, aber ich habe kein Geld! Deshalb habe ich meine Tochter weggegeben.“ „Was arbeitest Du?“ will Imane wissen. „Ich bin krank und habe meine Arbeit verloren.“ „Du hast mir gesagt, Du verkaufst Wasser.“ „Ja, manchmal.“

50 Euro im Monat für die Tochter

Es ist die Armut, die die Menschen dazu bringt ihre eigenen Kinder zu verkaufen. Sie leben hier auf engstem Raum. Es gibt kein Strom, kein fließendes Wasser. Die kleinen Zwillingsgeschwister von Hasna, gerade 5 Jahre alt, gehen mit ihrem Vater Metall und Plastik sammeln. Es ist normal, dass die Kinder aus den Elendsvierteln Marokkos mit anpacken. Sie hüten das Vieh, wenn sie welches besitzen, kümmern sich um die kleineren Geschwister oder sie durchsuchen den Müll. Ihre Fundstücke versuchen sie für ein paar Cent zu verkaufen. Doch das reicht nicht zum Leben. Für Hasnas Arbeit als Petite Bonne waren dem Vater 50 Euro ihm Monat versprochen worden. Bezahlt wurde zwar nur unregelmäßig, aber es half zum Überleben der kleinen Geschwister.

12 € müssen sie für ihre Baracke im Monat Miete bezahlen. Einen Arztbesuch oder Medikamente können sie sich nicht leisten. Schwer genug ist es die Kinder täglich mit Essen zu versorgen, Fleisch gibt es fast nie, meistens nur Gemüse und manchmal reicht es auch nur für ein Stück Brot. Hasnas Mutter fragt die Tochter: „Hat sie Dich geschlagen?“ „Ja, sie hat mich geschlagen. Schau hier, alles war ganz geschwollen, sie hat mich mit dem Gürtel verdroschen.“

Noch darf Hasna nicht bei ihrer Familie bleiben. Sie muss Abschied nehmen. Sie ist verzweifelt und traurig, doch die Gefahr ist zu groß, dass ihr Vater sie wieder zum Arbeiten fortschicken würde. Und so drückt sie ihre Eltern, sucht Trost, den es nicht geben kann in einer Gesellschaft, in der so viele Menschen arm sind. Noch kann Hasna es nicht erkennen, aber sie ist eine der wenigen, die Glück gehabt haben: Um sie kümmert sich jetzt immerhin eine Hilfsorganisation.



(Quelle: ws/br/werg)

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