Wenig Arbeit, viel Waffen...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Elite Raketenstreitkräfte

Ein russischer Leutnant erhält seine ErnennungAbschlussfeier in der Militärhochschule von Serpuchow. Sie kämpfen besser als sie singen.

Vierhundert frischgebackene Leutnants der Raketenstreitkräfte: Der Jubiläumsjahrgang - seit 50 Jahren gibt es die Raketentruppen, seit 50 Jahren bildet die Schule stolze Offiziere aus. Und sorgt für ebenso stolze Mütter.

Hier in Serpuchow darf nur russisches Fernsehen filmen - so geheim sind die Raketentruppen offenbar, dass Ausländer nicht mal zur Abschlussfeier zugelassen sind.

Denn die Absolventen haben gute Chancen, in der Königsklasse der russischen Streitkräfte zu dienen - an den Atomraketen. Genau die aber könnten demnächst noch weiter reduziert werden -zumindest Amerika schlägt eine drastische Abrüstung vor. Ein klein wenig trübt das die Feierlaune.

Abrüstung nicht im russischen Interesse

Ein russischer Soldat"Ich finde das falsch. Unser Land soll stark und wehrbereit sein. Wir müssen jedem Gegner die Stirn bieten können. Aber", sagt der junge Leutnant dann brav, "diese Fragen werden ja nicht auf unserer Ebene entschieden. Wir führen jeden Befehl aus."

Seine Schwester wird deutlicher:
"Man darf doch Amerika nicht glauben! Wir dürfen die Armee auf keinen Fall verkleinern. Nicht nur weil so viele Leute dann auf der Strasse wären. Nur wenn wir stark sind, haben die anderen doch Angst vor uns."

Auch wenn der Händedruck noch etwas distanziert wirkt, Angst ist eine Vokabel von gestern. Heute redet man lieber vom gegenseitigen Respekt. Im April trafen sich die beiden jungen Präsidenten Medvedjew und Obama in London zum ersten Mal und am Ende waren die Beobachter sich einig: die beiden können miteinander. Morgen in Moskau wollen sie gar über weitere nukleare Abrüstung beraten - kalte Krieger hören das mit Schrecken.

"Die Amerikaner sind uns in den konventionellen Waffen haushoch überlegen, und jetzt wollen sie auch noch einen Raketenschild bauen." sagt Leonid Iwaschow, einst Generaloberst im Verteidigungsministerium. "Fürchten müssen sie nur noch unsere Atomwaffen. Deshalb will Obama abrüsten, weil das vor allem uns schwächt. Wir haben schon viel zu viel abgerüstet."

Garnisonen werden geschlossen

Konstantin TimkinTausend Kilometer östlich von Moskau, tief in der Taiga. Konstantin Timkin, einst Unteroffizier der Raketentruppen, fährt zur Arbeit. Einer der einsamsten Jobs der Welt, denn er bewacht eine verlassene Stadt:
"Hier haben mal 1.400 Leute gewohnt. Richtig schön war es hier. Aber sie haben alle Soldaten entlassen. Es gibt hier keine Arbeit mehr - nichts."

Keine Arbeit und keine Menschenseele. Oktoberrevolutionssiedlung hieß die kleine Garnisonsstadt. Komplett mit Kindergarten, Kino und Kulturpalast. Mehr als 20 Jahre lang lebten hier Soldaten mit ihren Familien. Die Letzten gingen im Juni 2007 - zusammen mit den Raketen. Denn im Wald rings um die Oktoberrevolutionssiedlung waren bis vor ein paar Jahren Topol-Raketen stationiert, Langstreckenwaffen der russischen Armee. Heute sind die Hangars leer.

Konstantin Timkin hat erst vor zwei Jahren die Militäruniform gegen eine andere getauscht. Heute ist er als Wachmann angestellt bei der Verwaltung der Nachbarstadt. In der Siedlung kennt er jeden Winkel, denn er hat hier selbst mehr als zehn Jahre gelebt. Nur ungern geht er in seine alte Wohnung - zu traurig sei das, sagt er.

Konstantin Timkin:
"Was würden sie denn fühlen nach soviel Jahren? Unsere Kinder sind hier geboren, ich war stolz auf meinen Dienst. Und plötzlich braucht einen keiner mehr."

Russlands Trumpf: Die Topol-M

Eine Topol-M-Rakete auf TransportfahrzeugStart-1 heißt der Abrüstungsvertrag, der Konstantin den Job gekostet hat. Er hat im Bewachungsbataillon gedient, im Schichtdienst die Topols in der Taiga bewacht. Nur noch 500 Langstreckenraketen hat Russland nach eigenen Angaben und knapp 4.000 atomare Sprengköpfe. Ein neuer Vertrag könnte deren Anzahl noch mal drastisch verringern auf bis zu ein Viertel.

In der Redaktion der Moskauer Internetzeitung "Jeschednewnyj Zhurnal" glauben sie, dass Russland zwar hart verhandeln werde, aber weiterer Abrüstung nicht abgeneigt sei. Chefredakteur Alexander Golts findet gar, dass Russland gar nicht anders kann als abzurüsten - mit oder ohne Vertrag.

Chefredakteur Alexander Golts:
"Russlands Atomwaffen veralten, das ist kein Geheimnis, und Russland kann sich gar nicht leisten, die alten durch neue zu ersetzen. Wenn man den USA ebenbürtig sein will, braucht man also niedrige Obergrenzen. Trotzdem wird der Kreml den Vertrag so lange wie möglich hinauszögern, denn dort glaubt man, dass wir, nur solange wir verhandeln, noch einen Trumpf in der Tasche haben."

Russlands Trumpf heißt Topol-M. Eine Langstreckenrakete bestückbar mit bis zu zehn Sprengköpfen, alle einzeln lenkbar. Vor jeder Trainingsfahrt informiert man das Pentagon, damit dessen Satellitensystem nicht den Ernstfall meldet. Denn vor der Topol-M, sagen die Russen, hätte Washington einen Heidenrespekt.

Die Welt behält Atomwaffen

Absolventen marschieren in FormationDie Leutnants in Serpuchow brauchen sich also vorläufig keine Sorgen um ihre Zukunft machen. Und Obamas Vorschlag von der gänzlich atomwaffenfreien Welt hält man hier ohnehin nur für naive Träumerei.

(Quelle: br/cms/ard/ws/werg)

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