Ölpreisspekulation in Rotterdam

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Tanker vor dem Strand

Strand mit Tankern im Hintergrund Es ist ein Sommer so schön, dass man eigentlich die Krise vergessen könnte am Strand von Scheveningen, nördlich des Rotterdamer Hafens. Man könnte, wenn da nicht diese neuen Gäste vor der Küste wären: Öltanker, rund 40 Stück - die meisten voll beladen. Professor Ronald Huisman ist hier geboren, mit seiner Freundin verbringt er viel Zeit am Strand. Doch auch er kann nicht ganz abschalten. Zu spannend ist für den Energieexperten das, was da am Horizont vor sich geht.

Immer mehr Schiffe auf Reede

Prof. Ronald HuismanProf. Ronald Huisman, Rotterdam School of Economics:
"Wir sind Fischerboote gewohnt, aber keine Tanker. Was sich da abspielt ist die pure Spekulation. Jeder normale Mensch muss das absurd finden. Alle haben doch das Gefühl, wenn mehr Öl und Benzin verfügbar wären, dann gingen auch die Preise runter."

Von oben wird das ganze Ausmaß deutlich: Nein, dass hier ist nicht die Landung der Alliierten in der Normandie - das ist eher die Invasion der Spekulanten. Ankern vor dem Hafen von Rotterdam. Gut gefüllt sind die Bäuche vieler dieser Schiffe: Rohöl, Heizöl, Diesel, Benzin. Nun heißt es warten, dass die Preise steigen. Ein solches Schiff lädt leicht eine Million Barrel Öl. Jeder Dollar, den der Ölpreis klettert, bedeutet also rund eine Million Dollar Gewinn.

In dieser Radarstation wird der gesamte Schiffsverkehr des Rotterdamer Hafens überbewacht. Jedes einzelne Schiff wird identifiziert: Stolze 35.000 sind das jedes Jahr. Doch den Männern fällt auf, dass derzeit etwas anders ist: viele gelbe Pfeile auf ihren Bildschirmen, Schiffe vor Anker. Vor dem Hafen, so erklärt man uns, gibt es ausgewiesene Parkplätze, die roten Flächen. Sonst ankern hier nur wenige Schiffe, doch nun sind die Plätze schon seit Wochen voll mit gelben Pfeilen.

Warten auf Ölorders

Pieter BloemendaalPieter Bloemendaal, Informationsdienst Royal Dirkzwager:
"Das Schiff, das sie hier sehen, das rot eingefärbte, ist ein griechischer Tanker. Er ist Ende Mai leer hier im Hafen angekommen und hat dann Ölprodukte geladen. Dann ist es raus gefahren. Jetzt liegt das Schiff voll beladen vor dem Hafen, wartet auf Orders, seit mehr als drei Wochen geht das schon."

Schiffe, die Öl oder Sprit an Bord nehmen - und dann doch wieder vor Anker gehen. Was steckt hinter diesen Geschäften? Fast niemand will mit uns darüber reden. Diskretion gehört zum Geschäft.

Volle Tanker können sich lohnen

Simon Brouwer, SJB Petroleum GroupUnscheinbar sieht auch das Haus aus, in dem die SJB Group sitzt: Doch hinter dieser Tür wurde letztes Jahr mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz gemacht. Drinnen: Computermonitore und Broker mit Hosenträgern - genau so, wie man sich Ölhandel vorstellt. Seit 20 Jahren ist die Firma im Geschäft - und er hat sie gegründet: Simon Brouwer, ein selbstbewusster Self-Made-Man, der sich vor die Kamera traut. Nein, einen Tanker vor Rotterdam hat er nicht, sagt er fast bedauernd - aber Öl speichern gehöre zum Geschäft.

Simon Brouwer, Gründer SJB Petroleum Group:
"Es sind vor allem angloamerikanische Banken, die bei Energie jetzt wieder einsteigen. Geld gibt's reichlich. Große US-Banken haben ihre Staatshilfen längst zurückgezahlt. Die haben die Häuserkrise schon vergessen und wollen wieder Geld machen."

Doch auch bei SJB ist der Herdentrieb zu spüren, der den Preis derzeit treibt: Alle glauben, dass Öl wieder knapp wird. Und deshalb ist es gut, sich jetzt damit einzudecken. Genau das passiert an diesem Tisch: Rechts wird das Öl besorgt, links Schiff oder Tank.

Martin Vellenga, Ölhändler SJB:
"Wir glauben, dass die Wirtschaft wieder anspringt und das Öl teurer wird. Schauen sie hier: Der Preisunterschied zwischen August und September beträgt schon 88 Cent pro Barrel. Wenn ich das Öl also in den Tank tue, mache ich 88 Cent Gewinn. Der Tank selbst kostet aber nur 60 Cent. Also fast 30 Cent Profit, ohne das ich was tue. Ich habe also kein Problem, was auf Lager zu haben."

Jurgen Van Wijk, Cargo-Operator SJB:
"Bei großen Tankern, über 200 Meter, sind sie zwar schnell bei Mietpreisen von 40.000, 50.000 Dollar am Tag. Aber wenn der Markt gut ist, warum nicht?"

Große und kleine Profiteure

Jaap de BruijnWarum nicht - für den Kapitän der "Blue Whale" dürfen die Tanker gern noch bleiben. Jaap de Bruijn fährt eine Art Wassertaxi. Regelmäßig steuert er die Parkplätze vor der Küste an, bringt den Tankern Ersatzteile, Inspektoren, manchmal Lebensmittel oder Wasser - und immer wieder auch neue Matrosen. Seemänner an die Ankerkette gelegt, seien das, sagt er ein bisschen spöttisch: Wochenlang an einer Stelle. Aber wen kümmert's: Für sein Geschäft können viele ankernde Tanker nur gut sein.

Jaap de Bruijn, Kapitän der "Blue Whale":
"Es ist nicht immer so, dass wir zehn Matrosen bringen und zehn wieder mitnehmen. Manchmal will auch nur der Kapitän an Land, muss da was holen, macht irgendwelche Geschäfte. Ich weiß es nicht."

Was auch niemand weiß: Wann werden die Tanker wieder einlaufen in den gigantischen Hafen von Rotterdam und ihre Ladungen an Land bringen? Klar erkennbar hingegen ist: Die Spekulation ist zurück in der Weltwirtschaft - und erkennbar auch das billige Geld: Rund zwei Millionen Barrel Rohöl passen in dieses Schiff. Es zu füllen kostet nach jetzigen Preisen also rund 140 Millionen Dollar. Viel Geld, um es dann einfach so vor Anker zu legen.

Prof. Ronald Huisman, Rotterdam School of Economics:
"Ich denke, die Preise steigen, ausgelöst nicht nur von Ölhändlern, sondern von Pensions- und Hedgefonds. Gut möglich aber, dass einige den richtigen Moment zum Abladen verpassen - und dann große Verluste haben."

Gut möglich, dass das zu Schadenfreude führen würde bei den Urlaubern am Strand von Scheveningen, denen die Tanker jetzt die Aussicht ramponieren. Doch Ronald Huisman empfiehlt, die Schiffe genau zu beobachten. Denn ihre Bewegung zeige auch, wohin die Weltwirtschaft geht.

(Quelle: ws/br/werg)

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