Ein „Kleptokrat“ lässt wählen

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Reicher Präsident - arme Bevölkerung

Eine Familie bei der LandarbeitWie ein Monarch nimmt er zusammen mit seiner Frau Antoinette die Huldigungen des Volkes entgegen. Denis Sassou-Nguesso, der reichste und mächtigste Mann der Republik Kongo.

Als ehemaliger General kann er sich auf Armee und Polizei verlassen. 13 Jahre lang hat er die einst sozialistische Volksrepublik regiert und ruiniert. In einem blutigen Bürgerkrieg hat er sich zurück an die Macht geputscht. Doch alles scheint vergessen und verziehen. Denn seit zehn Jahren herrscht Frieden. Und so lässt sich Sassou-Nguesso jetzt als Garant für Sicherheit und Stabilität feiern:

Seit 25 Jahren an der Macht, kennen viele Kongolesen nur ihn an der Spitze des Staates. Für den künftigen Weg des Landes will er ein demokratisches Mandat - mehr Forderung als Bitte. Alles soll besser werden: Neue Strassen, neue Flughäfen und die Mechanisierung der Landwirtschaft.

Von einem Traktor oder einer Mähmaschine kann die Familie Nbomba nur träumen. Sie sind Bauern und bereiten wie ihre Vorfahren ein Feld vor. In zwei Monaten wollen sie hier Maniok pflanzen. Immer wieder hat ihnen die Regierung Unterstützung versprochen. Doch außer Worten kam nichts bei ihnen an.

Clement Nbomba, kongolesischer Bauer:
"Wir arbeiten mit Hacke und Machete. Schauen Sie sich das an, mehr haben wir nicht. Von unserer Hände Arbeit sollen wir dann Schulgeld und Kleidung bezahlen. Von einem anständigen Haus ganz zu schweigen. Das ist sehr schwer. Wir sind Selbstversorger - mehr nicht."

Der Präsident will es noch einmal machen

Eine Ölbohrplattform im AtlantikClement Nbomba würde einen Teil seiner Ernte gern verkaufen. Doch der Weg in die Stadt ist weit, der Zug zu teuer. Große Sprünge kann sich die Familie nicht leisten. Zu siebt leben sie von dem, was ihr Feld hergibt: Süßkartoffeln, Bohnen, Maniok - und als Beilage gibt es heute Abend Coco, ein einheimisches Blattgemüse.

Im besten Hotel des Landes wird unterdessen Champagner ausgeschenkt. Der Präsident lädt ein. Das meiste wurde extra aus dem Ausland eingeflogen für die Führungselite und ausgesuchte Wahlkampfhelfer. Der Präsident weiß, wie er seine Leute bei Laune hält. Etwas abseits beim Smalltalk: der Präsident. Ein begnadeter Strippenzieher. Seine Verwandten sitzen in Schlüsselpositionen von Politik und Wirtschaft. Eine Tochter hat er mit dem Präsidenten von Gabun verheiratet, eine andere mit dem Bürgermeister der Hauptstadt Brazzaville.

In einer Rede an die Führungsschicht erklärt er dann, warum er mit 66 Jahren noch einmal antritt: Das Land brauche Reformen. Nur er könne sie umsetzen Und deshalb sollen sie ihm folgen auf dem Weg zu allgemeinem Wohlstand.

Wohlhabend ist bislang nur der Präsident selbst. Seinen Wahlkampf lässt er sich Millionen kosten. Dabei ist das Land am Kongo-Fluss ein Entwicklungsland. Internationale Schulden wurden erlassen, damit das marode Schienen- und Straßennetz in Stand gesetzt werden kann. Von den Einnahmen aus den Ölfeldern an der Atlantikküste profitieren nur wenige. Am meisten wohl Sassou-Nguesso und seine Familie, die Millionen ins Ausland verschoben haben sollen.

Ermittlungen gegen den Präsidenten

Danièl Lebègue, Transparency InternationalIn Paris läuft seit Anfang Mai ein Ermittlungsverfahren gegen den kongolesischen Präsidenten. Wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder und Geldwäsche: 16 Häuser und Appartements in bester Lage soll die Familie Nguesso direkt oder über Mittelmänner gekauft haben. Das fanden französische Kriminalbeamte heraus. Dazu gehört in einem Pariser Vorort auch die Villa Suzette. Eine Luxusimmobilie, die man - so eine internationale Antikorruptions-Organisation - von einem Präsidentengehalt allein nicht kaufen kann.

Danièl Lebègue, Transparency International:
"In den Berichten der französischen Polizei gibt es eine Fotokopie. Sie zeigt, dass bestimmte Immobilenkäufe aus der Staatskasse bezahlt worden sind. Es gab also Zahlungen aus öffentlichen Mitteln um private Ausgaben zu begleichen."

Ob die Ermittlungen auch zu einem Gerichtsverfahren führen, ist zweifelhaft. Bislang hat noch jeder französische Präsident seine schützende Hand über den Staatschef der früheren Kolonie gehalten.

Bei der Wahl 90 Prozent

Ein Großplakat des PräsidentenIm kongolesischen Brazzaville sind die Reichtümer des Präsidenten kein Thema. Die Zeitungen halten sich zurück. Und die Menschen, das zeigt unsere Straßenumfrage, haben sich anscheinend daran gewöhnt:

"Wissen Sie," sagt dieser Student, "die Wohnungen bei uns sind nicht besonders komfortabel. Warum soll sich einer, der die Möglichkeit hat, sich nicht etwas Besseres leisten."

"Der Präsident hat doch die Freiheit, sich ein Apartment dort zu kaufen, wo er will." sagt der Beamte. "Was sollen die Ermittlungen in Europa? Warum soll ein Präsident keine Wohnung im Ausland haben?"

Zumindest im Wahlkampf wahrt man den Schein. Neben Sassou-Nguesso gibt es 12 weitere Kandidaten. Die Hälfte von ihnen aus dem Umfeld des Präsidenten - und dann solche wie Angouis Engambé. Ein Zollinspektor, von dem niemand so genau weiß, wofür er eigentlich steht.

Die Kundgebung an der Straßenkreuzung wirkt improvisiert: Mit mir, sagt Engambé, wird alles besser. Wie - das lässt er offen und ist nach zehn Minuten auch schon wieder weg. Die Anhänger, die sein Porträt hochhalten, wurden dafür bezahlt. So machen das hier im Wahlkampf.

Ein Anhänger:
"Seit fünf Uhr früh sind wir hier. Und was haben wir bekommen? Vier Stunden haben wir auf den Kandidaten gewartet. Und dafür nur eine Flasche Bier bekommen."

Der Wagen mit den Bierkästen hat Startprobleme und rollt dem Konvoi des Kandidaten hinterher.

Solche Probleme hat der Wahlkampfbus des Präsidenten nicht. Geld hat er genug. Die meisten Mitbewerber von Sassou-Nguesso sind sowieso nur Zählkandidaten. Bei der letzten Präsidentenwahl bekam er 90 Prozent der Stimmen. Etwas weniger geht auch und klingt nach mehr Demokratie. Und solange ein Verwandter an der Spitze der staatlichen Ölgesellschaft sitzt, wird auch sein Konterfei dort hängen. Damit keiner vergisst, wer in der Republik Kongo der Größte ist.


(Quelle: ard nairobi/br/ws/werg)

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