Kork-Eichen in Not

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Ein altes Handwerk  

Ein Arbeiter bei der KorkernteSie sind alle keine Anfänger: die Corcheros, die Korkeichenschäler. Aber einer hat mehr Erfahrung als alle anderen: Der Baum. 200 Jahre ist er alt. Als er zum ersten Mal geschält wurde, waren noch die Urgroßväter der heutigen Corcheros am Werk. Seitdem hat sich aber nicht viel geändert in den Korkeichenwäldern in der Extremadura. Wer dem Baum auf den Leib rücken will, muss es immer noch genauso machen wie die Alten.

Ein Arbeiter:
"Es gab Leute, die haben versucht, Maschinen für die Ernte zu entwickeln. Aber das war nichts. Die traditionelle Methode ist immer noch am besten: Mit Axt und nichts anderem. Allerdings ist das auch ziemlich gefährlich. Du darfst nicht ausrutschen, sonst fällst Du schnell mal in Deine eigene Axt."

Alle leben vom Kork

Ein Dorf in der Extremadura
Die Corcheros und ihre Eichen - eine Langzeitbeziehung. Jetzt wird geerntet, und danach muss sich der Baum erst neun oder zehn Jahre lang erholen, bis am Stamm wieder genug neuer Kork nachgewachsen ist. Nächstes Jahr sind andere Bäume dran. Korkernte ist kein schnelles Geschäft, erklärt Agustín.

Agustín Rebollo Folleco, Vorarbeiter:
"Das hier ist gute Qualität. Er ist ordentlich dick. Und die Masse ist kompakt, das ist wichtig. Sie darf nicht viele Poren haben. Und die Rückseite ist nicht kaputt."

Wir sind in einer Gegend, in der es außer Eichen und frischer Luft nicht viel gibt. Darum dreht sich alles um den Kork. Von hier aus geht er hier in die Weinbaugebiete Spaniens und ins Ausland. Der wichtigste Wirtschaftszweig. Andere Jobs hat die Region kaum zu bieten. Aber weil dabei noch immer vieles Handarbeit ist, haben viele was davon. Deshalb sind sie auf ihre Korkindustrie nicht nur stolz, sie hängen von ihr ab.

Die Winzer haben den Kunststoffkorken entdeckt

Der WinzerAntonio PeralJosé Emiliano Salgado Boyero, Locher:
"Wir leben hier nicht nur praktisch alle vom Kork, wir leben mit dem Kork. Und unser Naturkorken ist einfach der beste. So gut kann ein Plastikkorken niemals sein."

Das Problem ist nur: Viele Winzer sehen das inzwischen anders. Antonio Peral hat vor vier Jahren dem Naturkorken Lebewohl gesagt und setzt jetzt auf Kunststoff. Damit liegt er voll im Trend - in Spanien und international. Plastikpfropfen und Schraubverschlüsse setzen sich immer mehr durch. Die sind billiger. Aber für Antonio ist das Plastik auch ein Symbol des Fortschritts. Denn damit könne endlich eine unangenehme Nebenwirkung des Naturkorks vermieden werden.

Antonio Peral, Winzer:
"Der Kork verdirbt manchmal auch den Wein. Das sind Bakterien, die im Kork stecken, wir nennen das in Spanien dann die Korkenkrankheit. Der Wein ist ein Produkt, bei dem die Tradition immer sehr wichtig war. Aber weil wir so auf die Tradition gesetzt haben, sind wir auch zurückgeblieben bei Neuerungen. Darum hat sich der Kunststoffkorken erst spät und langsam durchgesetzt. Aber jetzt holen wir den Rückstand auf."

Korkeichen weichen den Eukalyptusbäumen

Ein Korkeichenwald wird gerodetWeil immer mehr Winzer dieser Meinung sind, ist die Korkeiche manchenorts schon verschwunden. Das ist ein Korkanbaugebiet in Andalusien gewesen. Aber hier wird nicht mehr geschält, hier wird nur noch entwurzelt. Wir müssen diese Bilder heimlich drehen. Die Forstfirma will nicht, dass so etwas öffentlich wird. Als die Bagger weg sind, zeigt uns der Umweltschützer Juan Romero das Gelände.

Schädlicher Eukalyptus

Umweltschützer Juan RomeroJuan Romero, Umweltschützer:
"Hier haben wir eine der wenigen Korkeichen, die stehen geblieben sind. Und hier unten einen der Bäume, die die Holzfirma ausgerissen hat. Dazu muss man aber eins wissen: Die Europäischen Union hat sogar mal viel Geld ausgegeben, solche Bäume anzupflanzen. Und die spanische Verwaltung lässt es zu, dass diese Wälder zerstört werden. Da wurde also wirklich Geld zum Fenster rausgeworfen."

Wo früher Korkeichen standen, werden jetzt Eukalyptusbäume gepflanzt. Ein Modebaum. Er wächst schnell, kann schon nach wenigen Jahren gefällt werden und liefert billiges Holz für die Papierindustrie. Es winkt das schnelle Geld.

Juan Romero:
"Aber diese Bäume laugen den Boden völlig aus. Sie wachsen schnell, aber sie verbrauchen das ganze Grundwasser. Dadurch steigt die Waldbrandgefahr."

Und auch die Tierwelt leidet unter dem Wandel: In den Korkeichenwäldern sind seltene Arten von Adlern und Geiern heimisch. Sie verlieren jetzt immer mehr Lebensraum. Aber das beeindruckt die großen Forstunternehmen nicht. Nach langem Hin und Her bekommen wir ein Interview. Die Tage der Korkeiche hier sind gezählt.

Antonio Martínez Suárez, Firma Silvasur:
"Wir pflanzen hier den Eukalyptus an, um Holz zu gewinnen. Es geht hier nicht darum, die Tierwelt oder Pflanzenwelt zu fördern. Man kann ja auch nicht die ganze Fläche Europas zum Naturschutzgebiet machen."

Das Ende des Korks?

Arbeiter an der KorkeicheZurück bei Agustín und seinen Kollegen. Bis jetzt sind sie ihren Eichen treu geblieben und setzen nicht auf das schnelle Geschäft - noch nicht. Aber es wird immer schwieriger, Naturkorken zu verkaufen. Obwohl doch alle Welt von nachhaltigem Wirtschaften redet. Agustín findet das widersinnig.

Agustín Rebollo Folleco, Vorarbeiter:
"Ich hab' gehört, es gibt sogar Länder, in denen man die Leute dazu zu erziehen versucht, dass sie keine Plastiktüten mehr benutzen sollen. Dass sie Papiertüten nehmen sollen, um die Umwelt zu schonen. Na, und unsere Korken sind ein Naturprodukt, immer schon. Und was passiert? Man steigt um auf Plastik, das die Umwelt verschmutzt."

Der Baum wird zehn Jahre älter sein, bis er das nächste Mal genug Kork angesetzt hat. Aber niemand weiß, ob es sich dann noch lohnt, ihn zu schälen.



(Quelle: swr/ws/werg)

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