Der große Kinderklau

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Zwei chinesische Jungen in einem Fahrrad-AnhängerIn der südchinesischen Stadt Shenzhen betreiben Sun Haiyang und seine Frau Peng ein Stand für die berühmte Teigspezialität Dumplings. Doch dieser Stand ist nicht wie andere, sondern eigentlich eine kleine Fahndungszentrale: voll beklebt mit Aufrufen und mit Fotos von Sohn Sun Zhuo, der am 9. Oktober 2007 entführt wurde. Die Überwachungskamera eines Supermarktes hat die Entführung aufgenommen. Darauf ist der Entführer im weißen Hemd gut zu erkennen. Erst lockt er den Jungen in die eine Richtung und verschwindet mit ihm dann in entgegengesetzter Richtung. Das waren die letzten Bilder des Dreijährigen.

"Wir haben uns auf die Knie geworfen..."

Der Vater von Sun Zhuo erzählt: "Wir sind sofort zur Polizei gegangen, aber die sagte, sie könne nichts tun. Wir haben uns vor der Polizei auf die Knie geworfen und sie angefleht. Aber erst nach sechs Tagen hat die Polizei überhaupt das Video aus der Überwachskamera geholt. Bis dahin war der Entführer über alle Berge." Und weil sie nicht mehr an die Polizei glauben, loben sie auf den Plakaten an ihrem Kiosk umgerechnet 20.000 Euro aus, wenn jemand ihren kleinen Sohn wiederbringt.

Spielkarten sollen bei der Suche helfen

GuiyangSo wie der Familie Haiyang geht es mehreren Tausend jährlich. Hilfe erhoffen sie sich von Shin Hao aus dem südchinesischen Guiyang, der sich der Suche nach den entführten Kindern verschrieben hat. Auf Spielkarten druckt der "Pokermann" die Fotos der verschleppten Kinder und verteilt die Spiele tausendfach an Bahnhöfen, Busstationen und anderen Plätzen. Diese Spielkarten als Fahndungsfotos werden durch Spenden und von den verzweifelten Eltern finanziert. Der "Pokermann" erzählt, dass die Kinder meist an Familien auf dem Land verkauft würden, die unbedingt noch einen Sohn wollen oder eine Arbeitskraft suchen. Für einen kleinen Jungen können Kidnapper bis zu 10.000 Euro kassieren, Mädchen sind etwas billiger. Shin Hao hat in den vergangenen drei Jahren 16 Kinder mithilfe seiner Kartenspiele gefunden und den Eltern zurückgebracht.

Die Polizei bleibt untätig

Volkskongress in ChinaDoch in den meisten Fällen warten die Eltern bisher vergeblich auf ihre Kinder. Die Folge sind gescheiterte Ehen, Depressionen und Arbeitslosigkeit. Alle Energie gilt der Suche nach dem Kind. Obwohl viele Entführungen durch Kameras dokumentiert sind, bleibt die Polizei meist untätig. Deshalb haben sich die betroffenen Eltern organisiert und sind zusammen nach Peking gefahren. Sie haben versucht, auf Abgeordnete des Volkskongresses einzuwirken - für eine Kampagne gegen Entführungen und für bessere Fahndungen.

Hoffen auf den "Pokermann"

Während der Kinderklau und der Verkauf eines Kindes strafbar sind, verstößt der Kauf eines gekidnapptes nicht gegen das Gesetz. Das verdeutlicht die absurde Situation, die für Eltern entführter Kinder unerträglich ist. Sie können nur auf den unermüdlich suchenden "Pokermann" hoffen, der mit seinen Kartenspielen von Stadt zu Stadt in Südchina reist und sie an öffentlichen Plätzen verteilt. 420.000 sind es bis jetzt gewesen. Sein Optimismus, dass er auf diese Weise die entführten Kinder wiederfindet und den Kidnappern ihr verbrecherisches Geschäft verdirbt, wirkt trotz allem anrührend.

(Quelle: AFP/ tddp/ws/werg)

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