Die Genagelten

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

 Auf den letzten Metern verlassen ihn die Kräfte. Ruben Enaje, der Jesus vom Cutod. Das schwere Kreuz, die Hitze und die Angst zwingen ihn in die Knie. 20.000 Menschen wollen sehen, wie er mit langen Nägeln gekreuzigt wird. Dann steht er wieder auf – und schleppt sich seinem selbstgewählten Schicksal entgegen.

24 Stunden vorher. Wir besuchen den strenggläubigen Katholiken zu Hause. Ihm gehört eine kleine T-Shirt-Druckerei, es ist Wahlkampf im Ort, deshalb hat er gut zu tun. Ruben Enaje hält den Dorfrekord: Dieses Jahr wird er zum 21. Mal gekreuzigt. Er bewahrt seine Nägel in einem Marmeladenglas auf. Sie sind zehn Zentimeter lang, und rostfrei, damit keine Entzündungen entstehen. Dann zeigt uns Ruben, dass an den Einschlagstellen, keine Narben geblieben sind. Für ihn ein Wunder. "Ich kann gleich nach der Kreuzigung wieder leichtere Arbeiten machen. Die Hände kribbeln aber ungefähr noch einen Monat lang. Warum ich keine Narben habe, können mir nicht einmal die Ärzte erklären."

Die Lieferung des Kreuzes – drei Kilometer muss Ruben es alleine tragen. Er hat Nachbarn und Verwandte eingeladen. Dem 46-jährigen geht es etwas besser als den meisten im Dorf. Früher arbeitete Ruben als Bauarbeiter. Eines Tages stürzte er aus dem dritten Stock eines Gebäudes. Der Aufprall war für ihn eine Offenbarung. "Ich lag auf dem Boden und merkte, dass ich noch lebe. Ich hatte keinen Verletzungen, nicht mal einen Kratzer. Das erste, was mir in den Sinn kam, war: Ich will mich kreuzigen lassen, um Gott zu danken."

Der nächste Tag. Rauchende Römer: "Dein Helm sitzt falsch rum", sagt der eine zum anderen. Dann wollen sie Jesus verhaften, das Spektakel beginnt. Rubens Frau Juanita hilft ihm im Wohnzimmer ins Kostüm. "Ich habe ziemlich weiche Knie", sagt er. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, es ist der wichtigste Tag des Jahres. Juanita hat Angst um ihren Mann, trotzdem unterstützt sie ihn: "Gott meint es gut mit uns, weil mein Mann sich kreuzigen lässt. Unser Leben hat sich seitdem verbessert. Wir konnten unsere Probleme lösen und haben immer Aufträge in der Druckerei."

nullIn Cutod leiden heute noch andere. Die Männer lassen sich erst den Rücken anritzen, dann geisseln sie sich stundenlang mit Dutzenden Bambusstöcken. Die Gesichter sollen sie verdecken, damit niemand das Ritual zur Selbstdarstellung nutzt. Der 25-jährige Jasper erklärt, dass er sich mit blutendem Rücken gut fühle, sehr männlich. "Ich bitte so vor allem um ein langes Leben für meine Familie, um Gesundheit und Vergebung. Ob das denn wirklich was bringe, fragen wir, ja, das funktioniert."

Ruben schleppt das Kreuz nun durch die Strassen. Unterwegs spielt er die Leidensstationen nach. Dreimal ist Jesus gestürzt. Viele Zuschauer bekommen Blutspritzer ab von den Peitschen der büßenden und betenden Maskierten. Alle Darsteller stammen aus Cutod. Die Teilnahme empfindet jeder als große Ehre. Veronika wischt Jesus das Gesicht ab, anschließend erscheint es auf dem Tuch. Die katholische Kirche verurteilt die Kreuzigungen und Geißelungen als Fehlinterpretation des Glaubens. Trotzdem kommen Jahr für Jahr mehr Besucher. "Das ist nun mal die Tradition der Leute, das kann man nicht verbieten. Und so sehen wir doch auch, wie Jesus für uns gelitten hat. Ich glaube, wir müssen respektieren, was die Menschen hier denken und woran sie glauben", so einer der Besucher.

nullAuch das eine Tradition. Eine Frau singt stundenlang alleine Lieder über das Leben von Jesus. Ihr Gesänge dringen über Lautsprecher bis zu Ruben. Der überwindet seinen Schwächeanfall und erreicht das Golgatha im philippinischen Reisfeld. 1962 fing das Osterritual klein an. Mittlerweile kommen Gäste aus aller Welt. Ruben desinfiziert seine Hände. Acht Männer werden sich mit ihm kreuzigen lassen. Auch Ausländer haben in den vergangen Jahren die schmerzhafte Prozedur über sich ergehen lassen. An einen Japaner erinnern sie sich hier ungern, weil er seine Kreuzigung später in einen Pornofilm schneiden ließ.

Ruben guckt Richtung Zuschauer. Seine Frau fehlt da unten. Sie kommt nie mit. Sie wartet zu Hause auf ihn, weil sie nicht sehen will, was mit ihm nun geschieht. In diesem Jahr werden nur Männer aus der Gegend gekreuzigt, einer nach dem anderen. Sie leiden wie Ruben für das Wohl ihrer Familien oder aus Dankbarkeit für in Erfüllung gegangene Wünsche. Im alten Rom sollten die Verurteilen durch die Kreuzigung besonders langsam und grausam sterben. In Cutod müssen sie fünf Minuten überstehen. Ruben denkt über seine Sünden nach und bittet um Vergebung.

nullDann spricht er sein Gebet. Als er erlöst wird, hängt nebenan bereits der nächste. Sanitäter tragen Ruben weg, um die Wunden zu desinfizieren. Minuten später ist er schon umringt von Touristen, die seine Hände fotografieren. Nächstes Jahr will er wieder den Jesus spielen. Und uns sagt er für was er am Kreuz gebetet hat: "Ich habe ein Stück Land gekauft für ein neues Haus. Ich habe Gott gebeten, dass wir gute Aufträge bekommen, damit ich den Kredit schneller abbezahlen kann." Dann ist Schluss. Ernsthafte Verletzungen oder gar Todesfalle hat es in Cutod bislang nicht gegeben – und auch das halten viele im Dorf für ein Wunder.

(Quelle: sol.de/spon/ard tokio/werg)

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post