Jäger der verlorenen Schädel

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Der Sepik ist einer der großen Dschungel-Ströme der Erde. Über tausend Kilometer lang windet er sich ins dunkle Herz von Papua-Neuguinea. Wir sind unterwegs auf der Suche nach Kopfjäger-Trophäen: In einem 40 Jahre alten Buch aus dem Berliner Völkerkunde-Museum sind sie beschrieben. Als Kunst der Kannibalen vom Sepik.

Auf der Suche nach den Schädelkünstlern

Altes Buch über Schädelkunst In diesem Dorf, so hieß es, lebt Adam, ein Schädelkünstler. Aber wir finden nur Holzmasken. Adam ist nicht da, sagt Alois, unser Führer. Alois zeigt den Bewohnern des Dorfes Prognaui unser Buch mit der Schädelkunst. Alois Mateos ist seit 16 Jahren Fremdenführer am Sepik. Er selbst hat noch keinen solchen Schädel im Original gesehen. Die Dorfbewohner ebenfalls nicht, sagen sie. Mit Kopfjägerei und Kannibalismus ist es weitgehend vorbei am Sepik. Darauf beruhte die Schädelkunst: Die Köpfe erschlagener Feinde, aber auch die von geliebten Ahnen wurden verziert und ausgestellt. Morgen werden wir weitersuchen. Bei der Küstenstadt Wewak waren wir auf eine erste Spur gestoßen: Ralf Stüttgen aus Berlin. Einst katholischer Missionar, heute Kunsthändler. Solche Kunst verrottet schnell im feuchtheißen Klima hier. Darum findet man am Sepik auch keine echten Kunstschädel mehr, sagt Stüttgen, Er stand vor Jahren einmal im Verdacht, alte Trophäenköpfe illegal ins Ausland verkauft zu haben. Das waren doch nur Fälschungen, sagt er. Ist die Schädelkunst vom Sepik tatsächlich ausgestorben ? Wir suchen weiter. Doch Führer Alois ist skeptisch. Die Chancen sind gering, sagt er. Wir versuchen es.

Holzkunst statt Trophäenschädel

InitiationsritusIn unserem Einbaum folgen wir dem Weg mehrerer Deutscher Sepik-Expeditionen. Dies war einmal Deutsches Kolonialgebiet. Der Sepik hieß damals: Kaiserin Augusta Fluß. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sammelten deutsche Ethnologen Kunst vom Sepik für die Museen daheim. Dort lagert sie noch heute. Auch viele Trophäenschädel. Das “Haus Tambaran”, das Männerhaus, im Dorf Palambei ist die nächste Station unserer Suche. Gerade werden vier Jungen in die Männergesellschaft aufgenommen: Ein schmerzhaftes Ritual mit Schnitten in die Haut. „Jetzt sind wir Männer“, sagt Clayon Sara, 18 Jahre alt. „Jetzt kann ich ein Kanu haben, ein eigenes Haus.“ Draußen zeigen uns die Männer des Dorfes Palambei die Narben ihrer Jugendweihe. Und Clayons Vater Jacob erklärt die Muster. “Wie Krokodilhaut,” sagt er. “Wir sind Krokodil-Männer.” Und was ist mit den Trophäenschädeln ? Die kennen wir nicht mehr, sagt Jacob. Die Männer sind großartige Holzschnitzer. Aber es kommen kaum Touristen. Ein paar Kunstsammler kaufen die besten Stücke. Die bringen gutes Geld in Europa und Amerika. Die Männer hier erhalten nur einen Bruchteil davon.

Das Ende der Schädelkunst

Josef KoneAm Sepik liegt die “bedeutendste Kunstprovinz Ozeaniens,” so steht es in unserem alten Buch aus Berlin. Aber das Land ist heute arm. Die Menschen verhungern nicht, zwischen tropischen Gärten. Doch es fehlt Geld für Transport und für die Ausbildung der Kinder. Die haben wenig Chancen auf ein anderes Leben. Und hier, im Dorf Ambunti, treffen wir Josef Kone. Und Josef hat uns etwas zu zeigen. Kein Zweifel, ein echter Menschenschädel. Ich färbe ihn mit Lehm, sagt er, befestige Muscheln darauf, und Federn. Und den Schädel hat jemand für ihn vom Friedhof geholt? Ja, sagt er. Und warum findet man diese Kunst nur noch so selten ? „Weil die Missionare unsere Kultur zerstört haben“, sagt er. „Sie sagten, unser alter Glaube ist falsch. Darum ist er ausgestorben, verschwunden.“

Schädel-KunstKatholische Sonntagsmesse in Ambunti. Auch Josef Kone ist dabei. Die Bemühungen der Christlichen Glaubensboten, sagt unser altes Buch aus Berlin, entziehen der alten Kultur die religiösen und sozialen Grundlagen. Und das bedeutet auch das Ende der alten Kunst. In einem Versteck arbeitet Josef an seinem Schädelprojekt. Im Dorf will er das nicht zeigen. Tausend Kina, 250 Euro, bekomme ich für das Stück, sagt er. Wer sind die Käufer ? Die kommen aus Deutschland, Holland, auch Amerika. Die traditionelle Ton-Erde ersetzt Josef durch Styropor. Aufgeweicht in Benzin und gefärbt sieht das aus wie Ton. Ist aber leichter zu handhaben. Hoch illegal ist das Alles: Menschenteile zu verarbeiten und damit zu handeln ist nämlich verboten in Papua- Neuguinea, dem alten Land der Kopfjägerei. Morgen werden wir den fertigen Schädel sehen: Ist Josefs Arbeit nun Kunst oder schlichte Fälschung ? Kaufen wollen seine Arbeiten nur Ausländer. Anders als die antiken Stücke, hat dieser Kopf keine magische Kraft, sagt Josef. Ich habe Aufträge für vier weitere Köpfe. Mein Kunde hat mir schon eine Nachricht geschickt, sagt er. Gutes Geld. Aber nicht leicht zu organisieren. Was er damit meint ist klar: Jemand muß für ihn einen Friedhof besuchen. Und graben.

(Quelle: swr/werg)

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