...under the Bridge

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Miami Beach, Palmen, Sonne, Szenetreff. Eine schöne, heile, amerikanische Welt, und nur wer ganz genau hinschaut entdeckt, unter der Julia Tuttle Brücke, das andere, nicht so schöne Miami.

Bis auf ein paar Obdachlose leben hier Menschen, die in Miami einen Job, eine Familie und eine Bleibe haben – doch die Behörden zwingen sie, hier zu leben. Ehemalige Sexualstraftäter, die ihre Haft verbüßt haben und per Gesetz verbannt wurden. Lebenslang.
Sie haben mich 2004 wegen Sex mit einer Minderjährigen verurteilt, erzählt Rickie. Sie war erst vierzehn. Wir waren zwei Erwachsene und zwei Minderjährige im Auto, und ich bin der einzige, der im Knast landete.

Voncel, eine Exhibitionistin, hatte bis vor kurzem, wie Rickie, eine elektronische Fußfessel. Damit kontrollieren Bewährungshelfer, ob die entlassenen Sexual-Straftäter abends zur Brücke kommen.
„Als ich noch eine hatte, musste ich um sieben hier sein.“
Die meisten aber müssen ab sechs die Stadt meiden.
„Ich weiß, mein Vater würde hinter mir stehen, wenn er noch lebte, hundertprozentig, egal was ist. Und wenn ich daran denke, dass meine Mutter starb, als ich zehn war..“
Rickie ist der jüngste hier.
 
„Ich halte es einfach nicht aus unter dieser Brücke. Ich habe doch eine Familie, die mich liebt. Die wollen, dass ich im Leben Erfolg habe…
Der Generator, den Voncel uns zeigt, ist ein Geschenk. Mit ihm können sie ein paar Kühlschränke und Fernseher betreiben – der einzige Luxus hier.
„Ich sammle jeden Abend Geld für Benzin und kaufe es. Die anderen müssen dann ja hier sein, ich nicht.“

Rickie telefoniert viel mit seiner Familie da drüben. Er würde alles dafür geben, bei Geschwistern und Großeltern zu leben, aber das verbieten die Behörden.
Der Hintergrund: Kein Sexualstraftäter darf hier näher als 700 Meter an Schulen, Kindergärten und Bushaltestellen leben, also dort, wo sich Kinder aufhalten. Lebenslang. Doch solche Wohnungen gibt es schlichtweg nicht. Bezirksrat Diaz, der für das neue Gesetz kämpfte, glaubt: Miamis Bürger wollen diese strengen Regelungen.

„Diese Leute da unter der Brücke können doch tagsüber raus, beschwichtigt er, sie können arbeiten gehen, soziale Kontakte haben. Und abends müssen sie eben dorthin zurück. Sie müssen doch überwacht werden. Ein Pädophiler, ein ehemaliger – was hat der denn in einem Park zu suchen, in dem auch Kinder spielen.“

Als wir zurückfahren, setzt ein Gewitterregen Miami unter Wasser – eine kleine Erinnerung daran, was den Menschen unter der Brücke während der Hurrikane-Saison droht.
Die überschwemmten Zelte sind der offizielle Wohnort der Menschen hier, eingetragen in den Papieren, ausgestellt von der Bewährungsbehörde.


Voncel hat ihre Bewährungszeit hinter sich, kann trotzdem nicht weg von diesem scheußlichen Ort, weil keine Adresse ihrer Familie in Miami die 700-Meter-Abstands-Regel erfüllt.
 
Die sanitären Einrichtungen sind unerträglich, auch Rickie würde lieber zurück ins Gefängnis. Dort hatten sie wenigstens einen Arzt und regelmäßige Mahlzeiten
„Ich sah nur all diese Männer, als die Bewährungshelfer mich herbrachten, und ich dachte, die vergewaltigen mich gleich. Ich wollte zurück ins Gefängnis. Doch die Bewährungshelferin sagte nur: gewöhn Dich dran. Und da bin ich.“

Es wird Abend, die meisten verstecken sich vor unserer Kamera in ihren Zelten. Gespenstische Szenen dann, als Sozialarbeiter im Scheinwerferlicht ihres Autos Tüten mit Waschzeug verteilen. Wir verstehen Voncels Ängste, die als erste und einzige Frau herkam.
Wie in einer Lepra-Kolonie verbannen ängstliche Bürger diese Menschen vor die Tore der Stadt, kein Wunder, dass die Sozialarbeiter ein Interview scheuen.

Sie haben Fragebögen mitgebracht. Angeblich, um den Bewohnern hier einen besseren Aufenthaltsort zu vermitteln. Eine andere Brücke ist im Gespräch.
„Nein, ich fülle das nicht aus,“ meint Homer. „Ich traue denen nicht. Auf einmal tauchen die auf und haben einen Platz für uns? Einen jenseits der 700-Meter-Grenze? Die haben den Mist hier angerichtet und jetzt wollen sie es vertuschen…“

Und dann kommt ein neuer Anwohner, völlig verwirrt. Seinen Bus hierher haben sie ihm bezahlt, erzählt der Kubaner, er war acht Jahre im Gefängnis, Sexualdelikt. Papiere und Pass wurden ihm abgenommen, seine einzige Habe ist da im Karton. Als Sex-Täter muss er hier wohnen, haben sie ihm gesagt, doch er hat kein Zelt, kein Essen, kein Geld.
Und dann wird es Nacht, ein paar Jüngere fischen und sehen hinüber zur Stadt, wo, ganz nah und doch unerreichbar, ihre Freunde sind, ihre Familien, ihre Träume.
Der Kubaner hat seine erste Nacht auf einem Stuhl verbracht, andere hatten Besuch von ihren Freundinnen.

Troy steht als einer der ersten auf. Er hat als 18-jähriger mit seiner 15-jährigen Freundin geschlafen, deren Vater brachte Troy ins Gefängnis. Und jetzt gilt für ihn lebenslang die 700-Meter-Regel für Sex-Täter.

Ich stehe jeden Tag um sieben auf, nehme den Bus und fahre zu meiner Oma. Da kann ich duschen und etwas essen. Und dann gehe ich zur Arbeit.
Ein langer Weg. Troy könnte wegziehen, irgendwohin aufs Land, wo es keine Kinder in der Nähe gibt. Doch in Miami leben seine Familie, seine Kinder. Um die tagsüber zu sehen, lebt er nachts unter der Brücke…


(Quelle: ws/werg)

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