Industriebeute für den Kreml?

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Ein Leben ohne GAZ

Eine Frau mit SonnenhutGleich hinterm Stadtrand von Nischni Nowgorod beginnt das Paradies. Willkommen in der Datschensiedlung Nummer fünf. Willkommen in den Schrebergärten vom Autowerk. Das Radio läuft, die Sonne scheint, da kann man ein bisschen im Garten arbeiten und – ausruhen vom Fliessband.

Ljubow Michailowna ist stolz auf ihr Gemüse: Kräuter, Kartoffeln, Karotten – alles selbstgezogen. Früher war der Garten ihr Hobby, heute hilft er beim Überleben:
„Zwei Familien versorge ich davon“, sagt sie. „Die Ernte reicht fürs ganze Jahr. Alles eigener Anbau.“

Ljubow Michailowna und ihr Mann Jewgenij sind so etwas wie russische Opelaner. Sie haben ihr Leben lang im GAZ-Autowerk gearbeitet. Gazowtsy nennt man Leute wie sie. Jetzt ist ihr Mann auf Kurzarbeit, und Ljubow haben sie im Mai ganz gekündigt.

„Das Werk, das sind doch wir. Ich kann mir ein Leben ohne gar nicht vorstellen. Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Das Geld reicht vorne und hinten nicht, und einen anderen Beruf lerne ich auch nicht mehr.“

Massiver Personalabbau

Schornsteine vor der StadtDas Werk – das ist das Gorki-Autowerk an der Wolga, kurz GAZ. Im Stammwerk in Nischni Nowgorod arbeiteten einst bis zu 120.000. Heute sind es noch knapp 30.000 Autobauer. Bis Mitte Juli soll ein weiteres Drittel entlassen sein. Wie zu Sowjetzeiten präsentiert GAZ stolz seine Bestarbeiter. Aber die Autos, die sie bauen, sind nicht mehr konkurrenzfähig.

Bilder aus dem Werksinneren sind rar. Nur selten erlaubt GAZ das Filmen seiner Fliessbänder. Vor allem Frauen arbeiten hier, die meisten seit vielen Jahren. Diese Aufnahmen hat ein Lokalsender gedreht. Deutsches Fernsehen lässt man erst recht nicht rein – vielleicht aus Angst, dass das Geschäft mit Opel im letzten Moment doch noch platzen könnte. Oder, weil man nicht zeigen will, wie tief die Krise geht, wie viele Bänder stehen. Denn das Werk verkauft seit der Krise 60 Prozent weniger Autos als sonst. Prämien werden nicht mehr gezahlt, viele Arbeiter mussten zustimmen, dass selbst der Grundlohn um ein Drittel gekürzt wird. Manchen zahlt GAZ nicht einmal mehr 100 Euro im Monat. „Die Leute unterschreiben alles, nur um ihren Job behalten zu können“, sagt Swetlana. Sie sollte ganz entlassen werden. Aber Swetlana hat die Kündigung nicht akzeptiert.

„Die haben mich einbestellt, ich soll unterschreiben, dass ich auf eigenen Wunsch gehe, aber das tue ich nicht. Das versuchen sie bei jedem, denn wenn die Leute freiwillig gehen, muss das Werk keine Abfindung zahlen. Aber das können sie nicht machen, das ist gegen das Gesetz.“

Für den Job umsonst arbeiten

Eine junge DameSwetlana mietet ein billiges Zimmer in der Nähe des Werks. In Fernkursen studiert sie Jura, bei GAZ hat sie nur angeheuert, um später besser die Rechte der Arbeiter vertreten zu können, sagt sie. Swetlana ist überzeugte Kommunistin. Ihre Helden heißen Lenin oder Che Guevara. Die Kolleginnen holen sich bei ihr Rat, denn sie kennt sich aus.

„Die jungen Leute haben die meiste Angst vor den Chefs“, sagt sie. „Die würden sogar ohne Lohn arbeiten, nur um den Job nicht zu verlieren. Und jetzt hoffen sie alle auf Opel. Aber auch Opel wird uns nicht retten. Wir werden doch höchstens fertige Modelle zusammenschrauben hier. Dabei sind wir auf viel mehr ausgerichtet, wir bauen komplette Autos. Aber wenn wir Opel holen, bleibt uns hier nur die Montage, alles andere werden sie dichtmachen. Auch wenn sie uns das jetzt nicht sagen.“

„Statt Opel zu bauen sollten wir lieber deutsche Technologie kaufen“, sagt auch Swetlanas Kollegin. „Damit wir selbst gute Autos bauen können, an unserem Fliessband.“

Schon einmal hat man hier Opel gebaut. Im Werksmuseum steht stolz ein Pobeda: Modell GAZ M20. Aber der war nichts anderes als ein Nachbau des Opel Kapitän, auch wenn man das hier nicht gerne hört. Noch im Krieg hatten die Sowjets ein Exemplar erbeutet, in Einzelteile zerlegt und nachgebaut – angepasst an die hiesigen Strassen. Der Name war Programm: Pobeda heißt Sieg.

Macht GAZ komplett dicht?

Ein altes AutoNatalja Kolesnikowa vom Werksmuseum:
„Stalin mochte ja das Auto zuerst nicht“, erzählt die Museumsdirektorin. „Ihm gefiel die Form nicht, und als er sich das erste Mal reinsetzte, blieb er mit der Mütze am Dach hängen. Da haben unsere Konstrukteure sofort die Sitze tiefer legen lassen. Seit 1946 haben wir Pobedas in Serie produziert, das war unser erster Verkaufsschlager.“

Seitdem hatte Gaz mit ausländischen Modellen weniger Glück. Im vergangenen Jahr lief hier der erste Wolga Siber vom Band. Auch er ein Nachbau, und zwar der eines Chrysler-Modells: Lizenz samt komplettem Fliessband hatte man direkt in den USA gekauft.

Zur ersten Fertigung kam Premier Putin persönlich, und mit ihm der Gaz-Chef Oleg Deripaska – damals noch der reichste Mann Russlands, heute hoch verschuldet. Gemeinsam wollten sie Russland zur Nation der Autobauer machen – doch der Plan floppte.

Auch Magna war schon damals mit im Geschäft: Magna-Chef Stronach, ganz links im Bild, begleitete Putin gar zur ersten Probefahrt. Aber die Wolga-Sibers verkauften sich so schlecht, dass man es jetzt mit Opel versuchen will. Und wieder mit Magna. Bei Gaz will bis heute niemand aus der Chefetage Stellung nehmen, wie man sich diese Zusammenarbeit genau vorstellt.

Auch die Nischni-Nowgoroder Gazowtsy kennen nur Gerüchte – die Werksleitung hat sie bislang nicht informiert. Dennoch manche können Opel kaum erwarten.

„Das sind doch Qualitätsautos! Ich finde das gut, wenn wir Opel bauen. Endlich produziert unser Werk etwas, das die Leute wirklich wollen.“

In der Datschensiedlung Nummer 5 sind sie weniger optimistisch. Jeden Tag gibt es neue Entlassungen, erzählen sie sich hier, jeder hat Angst, dass er der nächste ist. Trotz Opel.

„Wir glauben hier alle, dass wir nichts haben von diesem Opel. Die brauchen unsere Arbeit doch auch nicht.“

„Wir hoffen, dass der Staat uns hilft“, sagt Ljubow Michajlowna. „Es kann doch nicht sein, dass so ein Gigant wie GAZ einfach dichtmacht. Die können uns jetzt nicht einfach fallenlassen. Wir haben doch unser ganzes Leben ins Werk gesteckt.“

Ljubow hat diesen Monat ihren letzten Lohn bekommen. Ab jetzt müssen sie und ihr Mann von den 200 Euro leben, die er bei Gaz noch verdient. Und mit dem, was der Garten hergibt. Opel hin oder her.

(Quelle: ard/br/werg)

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