Schmuggler...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Schmuggel unter den Augen der Polizei

Ein Marokkaner im InterviewHochmodern die algerischen Grenzposten – traditionell die Transportmittel der Schmuggler. Mit allem was Beine oder Räder hat, wird in den blauen Kanistern Benzin aus Algerien über die Grenze nach Marokko geschafft. Und deshalb ist seit sieben Jahren ist aus diesem Zapfhahn kein Tropfen Benzin mehr geflossen.

Mohamed Dada, ehemaliger Tankwart:
„2002 habe ich zugemacht. Es hat sich nicht mehr gelohnt.“

Das erzählt uns Tankwart Mohammed Dada. Ein Liter Benzin kostet in Algerien nur 25 Cent, für etwa 70 Cent kann er in Marokko verkauft werden, ein lukratives Geschäft. Überall stehen deshalb solche Kanister, auch vor Mohammeds alter Tankstelle. Keine 50 Meter weiter wird ein Laster eilig aufgetankt.

Mohamed kann diesem Treiben nur hilflos zuschauen. 5.000 Liter Sprit hat er früher am Tag verkauft. So erging es vielen Tankstellenbesitzern. Der Schmuggel untergräbt hier alles, das sagt uns auch ein Passant:
„Die Gendarmen machen nichts, jeder tut hier was er will. Manchmal gibt es eine Razzia, aber selten. Hier kommen jeden Tag ganze Autokolonnen vorbei. 40 Autos hintereinander mit Schmuggelware. Sie fahren sogar durch die Straßensperren der Polizei.“

Ein Leben vom Schmuggel

Ein mit Waren überfüllter LadenAlgerien und Marokko verkünden zwar immer wieder, dass sie intensiv den Schmuggel bekämpfen. Die Menschen im Nordosten von Marokko leben von diesem Schmuggel. Dicht an dicht werden die Kanister in die alten Autos gestapelt.

Denn die einstigen Grenzübergänge wie dieser in der Nähe der Provinzhauptstadt Oujda sind geschlossen. Ware aus dem Nachbarland kann offiziell nur per Schiff oder Flugzeug eingeführt werden. Die Straßen sind seit 15 Jahren gesperrt.

Deshalb zerfurchen Pisten das Grenzgebiet, es sind die Schmugglerrouten. Die Autos haben keine Nummernschilder, leer fahren sie an die algerische Grenze, werden dort mit vollgeladenen Autos ausgetauscht. Grenzbeamte und Gendarmen werden geschmiert.

Ein Schmuggler:
„Hier leben alle vom Schmuggel - 90 Prozent der Bevölkerung. Es gibt nichts anderes und in Algerien ist es das gleiche. Manchmal ist es schwierig. Wir Schmuggler müssen uns arrangieren mit den Grenzposten, mal beschlagnahmen sie das Auto oder die Ware, dann kaufen wir neue Autos und machen weiter.

Grüne Grenze zwischen Marokko und Algerien

Manche transportieren bis zu 55 solcher Kanister, das sind über 1.600 Liter: Benzinbomben auf Rädern, absurder Alltag.

Unübersehbar ist der Schwarzhandel auch in den Geschäften der marokkanischen Provinzhauptstadt Oujda. So gut wie alles hier ist Schmuggelware, günstig eingekauft im benachbarten Algerien. Produkte jeder Art: vom Olivenöl, über Babynahrung bis hin zu Margarine. Der Schwarzhandel blüht und beschert vielen gute Einnahmen.

Woher die Ware sei fragen wir den Händler: „Aus dem Maghreb“, sagt er etwas vage.

Von Oujda fahren wir zurück zur Grenze. Sehen kann man sie hier nicht, es gibt keinen Zaun, doch die Grenze geht mitten durch das Dorf Chraga und seine 600 Einwohner. Mohamed Chergui lebt in diesem geteilten Dorf mit seiner Familie auf der marokkanischen Seite. Er nimmt uns mit zu einem kleinen Rundgang, führt uns zur Grenze:
„Schau, das Haus dort gehört zu Marokko. Dieser Weg ist die Grenze zwischen uns und Algerien, das ist die Straße, die uns trennt, die Grenzlinie: Ich stehe gerade in Algerien, aber ihr, ihr seid noch in Marokko.“

Die Grenze sollte geöffnet werden

Männer im GrenzgebietDer Weg wird von beiden genutzt, die Dorfbewohner passieren von der einen Seite zur anderen, das hat sich eingespielt, auch wenn es offiziell verboten ist. Algerier wie Marokkaner lehnen hier einträchtig zusammen an der Dorfmauer, unter den Augen der algerischen Grenzposten

Die Männer erzählen uns:

„Als Volk sind wir uns einig: die Grenze soll wieder offen sein, aber das ist Sache der Politiker.“

„Die sollen die Grenzen öffnen. Ich kann zwar kommen und gehen wann ich will, weil ich hier wohne, aber andere, die weiter weg wohnen, können das nicht. Ich bin halb Algerier, halb Marokkaner.“

Ein gemeinsamer Friedhof

Eine Familie beim TeeZum Tee lädt Mohamed uns ein. Seine Frau erzählt uns von den Verwandten, die sie in Algerien haben, und sie schimpft, dass man mit dem Flugzeug über 1.000 Kilometer fliegen müsste, wenn man seine Verwandten, die nur 20 Kilometer entfernt wohnen, ganz legal besuchen wollte. Es wird reichlich aufgetischt. Auch diese Familie lebt gut vom Handel in der Grenzregion, dennoch:

Khaled Malika:
„Ich bitte Gott, dass er die Grenzen öffnet, dass es wird wie früher. Wir bleiben Brüder wie wir es immer waren.“

Mohamed will uns am Ende seiner Dorfführung noch den Friedhof zeigen, denn hier begraben sie die Toten beider Seiten. Von Gras fast verdeckt, schmucklos, wie im Islam üblich, sind die Grabsteine:

Mohamed Chergui:
„Es gibt nur einen Tod, darin sind wir alle gleich. Die Algerier werden hier begraben und wir auch.“

Der Friedhof hat keine Grenzen. Und dann gehen sie wieder zurück in ihr geteiltes Dorf und hoffen, dass die Grenze sich auch für die Lebenden eines Tages wieder öffnet.

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