Boombranche für Alte

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Neue Geschäftsidee für Alte
Eine kleine Siedlung im Bergwald
Wenn der Tag beginnt, ist Makiko Shoubu wie immer guter Dinge. Zur Arbeit geht sie einmal um die Ecke in den Wald. Die Auftragsbücher der 83-Jährigen sind stets voll. Sie macht Geld mit Blättern - und davon gibt es hier mehr als genug. Sie sei so beschäftigt, sagt sie, dass nicht einmal Zeit bleibe, um zum Arzt zu gehen. Aber den braucht sie auch nicht, denn sie fühlt sich rund um wohl und gesund.

Makiko Shoubu, Blättersammlerin:
„Ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Wenn ich morgens aufwache, plane ich, was ich alles erledigen muss. Ich denke nur an die Arbeit. Und es macht mir Spaß. Ohne Arbeit wäre das Leben langweilig und nicht so schön.“

Sie ist nicht der einzige glückliche Mensch im Bergdorf Kamikatsu. 2.000 Einwohner, die Hälfte längst im Rentenalter. Lange lebten die Bewohner mehr schlecht als recht vom Reis- und Obstanbau. Junge Familien zogen in die Städte, die Alten blieben allein zurück. Jetzt ist das Dorf das reichste der Region, dank einer Idee, die auch das Leben von Makiko Shoubu auf den Kopf gestellt hat.

Zu Hause verpackt sie Blätter, die an Restaurants verkauft werden – zur Dekoration des Essens – eine Kunst in Japan. Sie fing erst als Rentnerin an, und seit ein paar Jahren verdient sie in normalen Monaten umgerechnet gut 1.500 Euro, in Spitzenzeiten auch mal fast 5.000 Euro.

Makiko Shoubu:
„Früher haben wir Mandarinen angebaut, aber das war anstrengender, und wir hatten weniger Geld.“

Blätter als Dekoration für Restaurantessen

Tomoji YokoishiJetzt müsse sie nicht mehr so sparsam leben, ihr Mann habe sich gerade einen teuren Massagesessel leisten können.

Tomoji Yokoishi kommt immer mal vorbei bei seinen Zulieferern und fragt wie es geht. Der 50-Jährige hat den Blätterboom ausgelöst, weil er nicht tatenlos zuschauen wollte, wie sein Heimatdorf vergreiste und immer trostloser wurde. Die Umgebung des Dorfes mit intakten Mischwäldern brachte ihn schließlich auf die Idee, die Alten zum Blättersammeln zu schicken. Unzählige Restaurants hatte er zuvor besucht und in den Küchen die Marktlücke entdeckt.

Tomoji Yokoishi, Präsident der Firma „Irodori“:
„Als ich den Dorfbewohnern meinen Plan erklärte, sagten sie noch, ich dürfe nicht so einen Quatsch reden, dass man Blätter zu Geldscheinen machen könnte. Das sei ein Volksmärchen. Am Anfang war es wirklich schwierig, sie zu überzeugen.“

Die Shoubus sind heute eine von 200 Familien, die regelmäßig Blätter abliefern. Schon bald fing das Geschäft an zu blühen und damit der Ort: Statt wie früher vor allem Mandarinen, wächst in den Gärten und Gewächshäusern jetzt alles, was Japans Küchenchefs gerne als Dekoration auf ihren Tellern sehen.
Ortszentrum: Die Sammelstelle der Firma Irodori. Der Erfolg hat sich in Japan rumgesprochen regelmäßig kommen Besucher, die Anregungen suchen, damit sie auch ihre Dörfer neu beleben können.

Großes Sortiment für einen großen Markt

Abgepackte BlütenIm Kamikatsu gelang das so fein verpackt, 2 bis 3,50 pro Schale. Vergissmeinnicht, Maronen-Baum, Mini-Zitronen oder Lilie: 360 Blätter- und Blütensorten, erfahren die Besucher, hat Kamikatsu übers Jahr verteilt im Sortiment. Hier gehen die Aufträge ein – und dann weiter an die Zulieferer, die im Schnitt fast 70 Jahre alt sind.

Yoriko Kagei, Mitarbeiterin „Irodori“:
„Alle Alten sind fitter und fröhlicher geworden. Es gibt kein Gejammer mehr über Wehwehchen. Viele planen am Nachmittag vor dem Computer, was sie am nächsten Tag sammeln. Sie sind motiviert und auf wirklich auf Zack.“

Makiko Shoubu und ihr Mann gehören zu den Spitzensammlern: Vieles pflanzt sie schon zu Hause an: Kirsche, Pfirsich, Pflaume – von hier aus gehen die Blätter auf die Reise.

Im Spitzenrestaurant begehrt

Chefkoch Hideo Ishimoto
600 Kilometer entfernt in Tokio erwartet ein Restaurant die ersten Kunden. In der Küche Kartons aus Kamikatsu. Die Essensdekoration vollendet in Japan die Gerichte, meint Chefkoch Hideo Ishimoto. Die Blätter sollen ein Gefühl für die Jahreszeit vermitteln. Aber schöne Exemplare sind vor allem in Großstädten schwer zu bekommen. Das Dorf Kamikatsu liefert auf Bestellung – zum Beispiel Lotus- und Ahornblätter für die Vorspeise.

Hideo Ishimoto, Restaurant „Ganko“:
„Auf diesen Teller habe ich einen Nandine-Zweig gelegt. Und hier haben wir uns für Bambus- und grüne Ahornblätter entschieden. Wir bestellen sie in Kamikatsu, weil es dort noch viele ursprüngliche Wälder gibt und die Blätter selten wurmstichig sind. Und das Dorf kann den vielfältigen Wünschen der Restaurants in Tokio nachkommen.“

Blätterernte nach Marktlage

Makiko Shoubu vor dem ComputerIm Kamikatsu musste sich Makiko Shoubu erst mit Computer und Internet anfreunden, um zu sehen, welche Blätter gerade nachgefragt werden.

Makiko Shoubu, Blättersammlerin:
„Computer, allein das Wort hat mir am Anfang schon Angst gemacht. Aber wenn man einmal dabei ist, ist es nichts Besonderes mehr.“

Hier steht auch, wer wie viel verkauft hat. Die Konkurrenz im Dorf ist groß, deshalb muss Makiko Shoubu die Entwicklungen am Blättermarkt immer im Auge haben. Manchmal bleibt daher kaum Zeit fürs Fernsehen oder die Zeitung im neuen Massagesessel. Am Nachmittag: ein neuer Auftrag, diesmal roter Ahorn. Makiko Shoubu wünscht für die Zukunft, dass noch mehr junge Leute zurückkehren. Die ersten sind schon da – angelockt vom Blätterboom.


(Quelle: ard tokio/werg)

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