Blackpool statt Benidorm

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Zugegeben, es gibt einen Eiffelturm in Blackpool und der wurde auch tatsächlich von Monsieur Eiffel gebaut, aber das ist es dann auch, was hier an Frankreich oder die Riviera erinnert. Auch wenn die marode Stadt jetzt so versucht, wieder Besucher her zu locken. Denn es waren einmal Millionen, die hierher kamen. Der Sommerurlaub in Blackpool , er gehörte zum Leben der britischen Arbeiter wie Fish and Chips und ungeheizte Badezimmer. Bis die Billigflieger kamen. Und das einstige Denkmal des schrillen Vergnügens allmählich verfiel.

Erinnerung an bessere Zeiten

Pat Mancini, genannt die Queen von Blackpool hat sich hoch gearbeitet von ganz unten, zur Besitzerin des ersten Hotels am Platz, einst eine Goldgrube, heute eins der wenigen, das sich noch einigermaßen durchschlägt. „Früher hatten wir hier 17, 18 Millionen Besucher jedes Jahr. Und die Polizei lief mit Megaphonen über die Straße, um private Hausbesitzer zu bitten, die aufzunehmen, die sonst am Strand hätten übernachten müssen. Es war voll, jedes Jahr.“ Ihr Hotel, das Queens, ist ein typisches Familien-Hotel, in dem alles noch genauso ist und aussieht, wie damals, als es hier noch rappelvoll war. „Die Stahl- und die Baumwollfabriken die hatten alle bestimmte Wochen, in denen dann alle den Zug nahmen und hierher kamen. Meist nur für eine Woche. Aber das war der Höhepunkt des Jahres.“ Vergangene Zeiten, - heute ist sie froh, wenn ihr Hotel halb voll ist. “Alle hier sind nervös diesen Sommer. Wir können nur inständig hoffen, dass es eine gute Saison wird.“

Hoffen auf einen Sommer, der für das ganze Land nur besser werden kann. Am Nordpier hat bereits jetzt Joey Blowers wieder mit seiner Show begonnen: Der Stand Up Comedian, der seit 16 Jahren die Blackpooler Sommergäste und Arbeiter von ihrem Alltag ablenkt. In dieser Saison aber macht er keine albernen Witze mehr wie sonst. Heute ist er bitter und todernst. Denn sie alle hier haben Angst um ihre Jobs, wenn sie sie nicht längst verloren haben – und hören gleichzeitig, seit Wochen, wie sich die halbe Regierung aus ihren Steuergeldern bedient hat.„Was Neues vom Spesenskandal für Euch: David Blonkey, unser Abgeordneter hat sein verdammtes Fernglas als Spesen abgerechnet. Wie lange wollt Ihr Euch eigentlich noch verarschen lassen? Jetzt sind wir dran Und ich sag Euch jetzt was: Bei den nächsten Wahlen werde ich als Abgeordneter antreten, und das meine ich ganz ernst. Dann kriegt ihr nicht nur Bier aus ordentlichen Gläsern, sondern dann machen wir Großbritannien endlich wieder zu dem was es mal war.“

Der "Altherrenclub" in London

Joey Blowers meint das tatsächlich ernst - auch nach der Show. Denn das völlig demoralisierte England brauche jetzt neue Gesichter. Die Unterlagen hat er bereits angefordert, und zumindest seine Fans auf dem Nordpier würden ihn auch wählen. Sofort. „Wenn ein normaler Arbeiter in dieser Situation kandidieren würde, klar würde der gewählt von uns. Weil wir in die Politiker hier jetzt jeden Glauben und alles Vertrauen verloren haben. Joey hätte meine Stimme – keine Frage.“ „Die haben das doch seit Jahren gemacht, sich selbst bedient und uns verarscht. Ist halt ein Altherrenclub da in London, die ihre Regeln selber machen. Aber eins ist klar jetzt: Labour ist total am Ende. Ich glaube nur nicht, dass irgendeine Partei am Ende davon wirklich profitiert. Es ist hoffnungslos. Und es gibt kein Licht am Ende des Tunnels. Und wenn, dann wäre die Glühbirne auf der Spesenrechnung.

Zynismus und Verbitterung, - denn so viele Briten stehen buchstäblich am Rande der Existenz. Besonders hart trifft es in Blackpool vor allem die kleinen Pensionen. Für Wilfried und Pat, wäre es das Aus - endgültig, wenn dieser Sommer es nicht bringt. „Als wir die Pension hier gekauft haben, hatte ich gehofft, das wäre unsere Rente. Aber das wird nichts mehr. Das Haus ist nichts mehr wert, wenn wir das jetzt verkaufen wollten, wir würden so gut wie nichts dafür kriegen.“ Giovanni, der Friseur den es aus Italien hierher verschlug, ist wahrscheinlich der einzige hier, den es nicht stört, das die Touristen ausbleiben seit Jahren. Dass seine Kunden wie Wilfried, die von den Touristen gelebt haben, und ihr ganzes Leben darein gesteckt haben, das anders sehen, weiß er aber auch: „Im August habe ich 57 Jahre in der Pension geschuftet. Und nur eine Saison mal drei Tage die Woche zugemacht. Und ich will jetzt nicht pleite gehen. Ich will mein eigener Herr bleiben. Aber ich glaube nicht, dass ich es schaffe, ich wäre verdammt überrascht wenn. Ja, verdammt hart.“ Über Politik will hier keiner mehr sprechen –  zumindest ganz sicher nicht über Labour.

Und so haben die von ihren Politikern nur noch deprimierten Briten  mit ihrer Regierung abgerechnet. Und mit Europa gleich mit. Wenn überhaupt jemand an die Urnen gegangen ist in Blackpool, dem ehemaligen Vergnügungspark der englischen Arbeiterklasse. Hier, wo heute so viele ums Überleben kämpfen – in der Hoffnung auf einen Sommer, der die rezessionsgeplagten Engländer im eigenen Land bleiben läßt. „Blackpool wird nicht untergehen, egal was noch passiert. Denn so leicht lassen die an raue Zeiten gewöhnten Blackpooler eben auch nicht aus der Bahn werfen - von der Untergangsstimmung im eigenen Land.

(Quelle: ard/ws/werg)

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