Verschleppt, Gedemütigt...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Mit einer SMS zurück nach London

Botschaftsmitarbeiter Albert und das EhepaarSie sind oft tagelang unterwegs, oft in den abgelegensten Regionen: Die Eingreiftruppe der britischen Botschaft, mit immer derselben Mission: Auf der Suche nach Mädchen, die aus England gegen ihren Willen hierher verschleppt und zwangsverheiratet werden.

"Wir arbeiten mit der lokalen Polizei zusammen, in den meisten Fällen machen wir der Polizei klar, dass sie für unsere Sicherheit da sind, aber auch für die der Opfer."

Per SMS wurden sie heute hierher bestellt von Tanya, die eine Woche zuvor zwangsverheiratet wurde. Das Problem ist, Tanya kommt nicht allein, sondern mit ihrem Mann.

"Was war der Grund für ihren Besuch?", fragt er sie als erstes. "Die Hochzeit." "Und, haben Sie aus freiem Willen geheiratet? War das ihre Entscheidung?" "Nein." "Sie sind also dazu gezwungen worden?"

Albert erklärt dem Ehemann, dass das gegen britisches Recht verstoße und Tanya britische Staatsbürgerin sei.

Der Ehemann wird unruhig, will seinen Vater anrufen - eine Falle, um Zeit zu gewinnen. Albert lässt sich nicht darauf ein, beruhigt Tanya und fragt sie dann: "Wollen Sie mitkommen." "Ja." "Dann gehen wir jetzt sofort."

Der Ehemann protestiert, aber Albert ist schneller. Ein Zivilpolizist kümmert sich um den Ehemann, der gedacht hatte, er sei zum Shoppen hierhergekommen. Und wenige Minuten später sitzt Tanya bereits im Auto der britischen Botschaft. Albert: "Sie können sich jetzt entspannen. Sie sind in Sicherheit."

Nur eine Woche später wird Tanya wieder zurück in London sein.

Mayah: Eingesperrt, misshandelt und vergewaltigt

Mayah und ihre beiden SöhneMehr als 1.600 ähnliche Fälle wurden in Großbritannien allein im letzten Jahr der Polizei gemeldet. Mehr als 200 Mal griff die Botschaft direkt in Pakistan, Indien oder Bangladesh ein und brachte zwangsverschleppte Mädchen zurück nach England.

Mayah, die hier in London aufwuchs, war mit 16 bei einem Urlaub in Indien mit einem Mann verheiratet worden, der sie jahrelang eingesperrt hielt, brutal misshandelte und vergewaltigte.

Seit November die Zwangsheirat in England unter Strafe steht, kann sie sich jetzt hier einigermaßen sicher fühlen. Ihrer Familie droht Gefängnis, sollten sie sich ihr oder ihren beiden Söhnen auch nur nähern.

Denn wie in den meisten Fällen hat sie seit ihrer Flucht mehrfach Morddrohungen von ihren Eltern erhalten. Ihr Verbrechen: Sie hatte sich in einen Mann außerhalb ihres Clans verliebt und wurde schwanger von ihm. Ihr Vater ließ sie betäuben und das Kind abtreiben.

"Und selbst danach habe ich ihn angefleht, mich jetzt nicht an irgendwen zu verheiraten. Ich wollte die Schule zu Ende machen. Aber er blieb hart und sagte: ‚Du verdienst jetzt nichts besseres mehr als einen Ungebildeten aus der untersten Schicht. Du verdienst, im Dreck zu enden.' Das war die Strafe, weil ich seine Ehre verletzt hatte."

Dennoch versucht sie heute, ihrem Vater zu verzeihen. Warum?

"Weil ich sein Kind bin. Aber es tut immer noch weh. Er ist doch mein Vater. Ich kann mit meinem Leben nicht weitermachen, wenn ich ihm nicht verzeihe."

Nach all den Misshandlungen, die sie durchgemacht hat, ist das heute für sie das schwerste, den Hass auf die eigenen Eltern besiegen. Mayah lebt heute in einer von der Polizei rund um die Uhr überwachten Wohnung.

Suche nach Sarah

Jasvinder SangheraWirklich geholfen aber hat ihr erst diese Frau: Jasvinder Sanghera. Sie ging vor zehn Jahren als erste Frau mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit und begann sich zu wehren. Sie kämpfte das Gesetz durch, das die Zwangsheirat zur Straftat macht und es ermöglicht, aus Asien zurückgeholte Frauen auch in England zu schützen.

Rund um die Uhr sitzen ehemalige Opfer wie Mayah hier am Telefon und vermitteln Mädchen in Not an die britische Polizei. 300 Anrufe in der Woche sind der Durchschnitt. Und es werden immer mehr:

"Womit wir hier zu tun haben, das war immer da. Aber es wird schlimmer. Denn die Familien nutzen die Mädchen, um ihre Söhne legal nach England zu holen. Und mit dem neuen Gesetz jetzt fühlen sie sich bedroht und sie schotten sich und die Mädchen noch mehr ab."

Und auch die Eingreiftruppe vor Ort muss immer wieder neue Schwierigkeiten überwinden. Heute sind sie auf der Suche nach Sarah. Sie hatte die Polizei in England per Handy alarmiert ohne die genaue Adresse durchzugeben.

Als sie das Dorf nach anderthalb Tagen schließlich finden, erklärt ihnen Sarahs Großmutter, die Enkelin sei abgereist, schon vor Tagen. Sie habe keine Ahnung, wo sie sei. Und obwohl sie wissen, dass das nicht stimmt, müssen sie unverrichteter Dinge wieder abfahren.

Botschaftsmitarbeiter Albert: "So etwas macht wirklich wütend. Aber in so einem Fall können wir nichts tun."

Auf der Flucht vor der eigenen Familie

Albert und SarahAber eine polizeiliche Vorladung zum britischen Konsulat können sie erlassen und so erscheint die Familie eine Woche später in Lahore mit Sarah. Die Intervention scheint gerade noch rechtzeitig. Sarah ist noch nicht verheiratet worden: Die Enttäuschung aber folgt auf dem Fuße: Sarah will nicht mitkommen.

"Meine Familie hat mir versprochen, dass ich zurück nach England fliege, wenn ich mich hier verlobe. Sie haben mir ihr Wort gegeben."

"Sie glauben, wirklich, dass sie Sie zurück fliegen lassen? Uns macht das Sorgen. Ihr Dorf ist weit weg. Ihre Familie könnte das auch jetzt einfach nur sagen, solange wir in der Nähe sind."

Aber Sarah bleibt dabei, und das Team der britischen Botschaft muss unverrichteter Dinge wieder abfahren - so beunruhigt sie auch sein mögen.

Drei Monate später treffen wir Sarah in England. Ihre Familie hat Wort gehalten. Aber nach dem Treffen im britischen Konsulat - zurück im Dorf - übte die Familie brutal Rache für den Verrat.

"Sie kamen alle auf mich zu, schlugen auf mich ein, und meine Tante brachte ein Gewehr und sie hielten es an meinen Kopf und drohten, mich zu erschießen. Das haben sie mir angetan, als sie herausfanden, dass ich es war, die die Botschaft angerufen hatte."

Danach alarmierte sie die Polizei in England und als sie mit ihren Eltern in Manchester landet, lässt sie sie verhaften.

"Als wir aus dem Flugzeug stiegen, stand die Polizei schon da und wartete. Ich habe bis zum letzten Moment nicht daran geglaubt, dass sie wirklich kommen würden. Aber sie waren da. Und jetzt gibt es eine gerichtliche Verfügung, dass meine Familie mich nicht mehr kontaktieren darf. Jetzt können sie mich nicht mehr nach Pakistan bringen, zu nichts mehr zwingen. Das war eine so große Hilfe."

Sarah lebt heute unter falschem Namen in einem Studentenwohnheim in Mittelengland, ihre Familie hat ihr gedroht, sie umzubringen. Aber dennoch würde sie wieder so handeln. Denn so einsam ihr Leben jetzt sein mag, so erleichtert und dankbar ist Sarah, dass sie - dank der britischen Eingreiftruppe - dem Schicksal, gegen ihren Willen an einen Fremden verheiratet zu werden, dem Schicksal so vieler Frauen und Mädchen in ihrem Herkunftsland entkommen ist.


Quelle: ard london/werg)

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