Vormarsch der Faschisten

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Eiskalte Hinrichtung

Eva KokaSie steht unter starken Beruhigungsmitteln - aber sie möchte reden. Denn sie will, dass die Mörder ihres Mannes gefasst werden.

Es war am 22. April, gegen zehn Uhr abends, direkt vor ihrem Haus. Das viele Blut hat Spuren hinterlassen. Ihr Mann, der 54-jährige Roma Jenö Koka, war auf dem Weg zur Nachtschicht, als ihn eine Kugel direkt ins Herz traf. Er hat 30 Jahre lang als Mechaniker in einem Betrieb gearbeitet.

"Er hat doch nur für seine Arbeit und die Familie gelebt. Auch ich habe nur dafür gelebt. Wir haben uns mit Nichts und niemandem anderen beschäftigt. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas passieren kann! Grauenhaft! Dass so ein arbeitsamer Mensch ermordet wird. Ich begreife einfach nicht, womit wir das verdient haben."

Ihr Haus steht am Rand der Roma-Siedlung im Dorf Tiszalök, 220 Kilometer östlich von Budapest. Eva Koka wird ausziehen. Sie hat Angst, erzählt, dass nachts immer wieder Unbekannte mit Scheinwerfern in die Fenster leuchten.

Die ungarischen Roma fühlen sich bedroht. Die eiskalte Hinrichtung des Familienvaters von Tiszalök ist nur die letzte in einer ganzen Serie. Und jedes Mal läuft es ähnlich ab.

Die Polizei scheint nicht interessiert zu sein

Der Vater des TotenNach Tatarszentgyörgy kamen die Mörder im Februar. Es war - wie immer - stockdunkle Nacht, als sie durch die Roma-Siedlung fuhren, denn die Gemeinde spart hier an Straßenbelag und -beleuchtung. Und wie immer hatten sie es auf das letzte Haus abgesehen. Das hübsch gelb angestrichene, in dem junge Eltern mit drei Kindern lebten. Sie steckten es mit einem Molotowcocktail in Brand. Als der 27-jährige Robert Csorba mit seinem fünfjährigen Sohn im Arm aus dem brennenden Gebäude floh, erschossen sie ihn und das Kind. - Offenbar mit ruhiger Hand, aus dem strategisch gut gewählten Hinterhalt.

Der Vater des Toten ist sicher, dass die Mörder von außerhalb kamen. Im Dorf hatten sie schon Tage zuvor ein fremdes, dunkles Auto bemerkt. Ähnliches erzählen auch die Nachbarn der Witwe von Tiszalök.

Außerdem fanden sie Zigarettenkippen einer teuren Marke, die hier niemand kauft. Sie haben sie aufbewahrt, für eine mögliche DNA-Analyse. Aber die Polizei hat kein Interesse gezeigt.

Erzebet Csorba, Mutter des Ermordeten:
"Wir sind ja Niemand. Sie sehen doch, wie wir leben. Wir haben nicht mal einen normalen Zaun, keine sichere Eingangstüre, keine richtigen Fenster."

Das FBI als letzte Hoffnung

Jozsef Bencze, Polizeipräsident von UngarnLandesweit fünf ermordete Roma seit November. Die Taten eiskalt und professionell ausgeführt. Der ungarische Polizeipräsident hat das FBI um Unterstützung gebeten: Amerikanische Profiler sollen in den nächsten Tagen in Budapest eintreffen.

Jozsef Bencze, Polizeipräsident von Ungarn:
"Auf jeden Fall hat der oder die Täter eine sehr gute Ausbildung beziehungsweise Ausrüstung, entweder im Zusammenhang mit seiner Arbeit oder Freizeit, zum Beispiel als Jäger oder Sportschütze."

"Und ein rassistischer Hintergrund?"

"Nicht auszuschließen!"

Rassismus flammt auf

Im Internet kursieren angebliche Bekennerschreiben. Und die oft kaum verklausulierte Forderung, "wieder Zigeuner-Blut fließen zu lassen". Dies ist auch das Umfeld, in dem die "Ungarische Garde" zunehmend Anhänger findet. Eine Truppe, die in schwarzen Uniformen, ähnlich denen der Nazi-Zeit, für Recht und Ordnung sorgen will. Alle Web-Seiten haben außerdem ein Kapitel "Zigeunerkriminalität": Voller zum Teil haarsträubender Geschichten über kriminelle Roma.

20 Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs steckt der junge EU-Staat Ungarn in seiner bisher größten Krise: 20 Milliarden Euro Nothilfe von Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank verhinderten zwar den Staatsbankrott, nicht aber die Frustration der knapp zehn Millionen Einwohner - und all das, was damit einhergeht.

Männer in einer Plattenbausiedlung sagen uns:
"Alles ist Scheiße, alles hat sich verschlechtert, unser Leben ist kaputtgegangen. Seitdem sind die Spannungen in der Siedlung gewachsen."

"Das ist, weil wir keine Arbeit haben. Wir warten den ganzen Tag auf Sozialhilfe."

"Der Rassismus ist wahnsinnig groß. Nicht nur in dieser Siedlung, überall in Ungarn."

Einladung zur Lynchjustiz

Jozsef Repas, Bürgermeister von KiskunlachazanJozsef Repas ist Bürgermeister von Kiskunlachazan: 9.000 Einwohner, 300 Roma. Repas hat seine ungarischen Mitbewohner mehrfach dazu aufgefordert, "Problem-Zigeuner aus dem Dorf zu vertreiben".

Der Anlass: Im Ort ist eine 14-Jährige vergewaltigt und ermordet worden. Die Täter kennt man nicht. Aber der Bürgermeister war von Anfang an sicher: "Es müssen Zigeuner gewesen sein!". Was er von Lynchjustiz hält?

Jozsef Repas, Bürgermeister Kiskunlachazan:
"Klar, wenn die Leute spüren, dass ihr Eigentum und ihre Liebsten ständig angegriffen werden und die Staatsgewalt sie nicht wirksam schützen kann, dann kommt es natürlich früher oder später zu Selbstverteidigungsreflexen. Das ist doch vollkommen natürlich."

Am Tatort, in einem kleinen Park mitten im Dorf, haben sie der Ermordeten ein Denkmal gesetzt. Dadurch hat das Mädchen landesweit Berühmtheit erlangt - eben auch bei Gruppen, wie den "Goj-Motoroschok", den wörtlich übersetzt "Nichtjüdischen Motorradfahrern".

Die jüdische Gemeinde als Ziel rechter Gewalt

Gaspar Miklos TamasDie Juden in Ungarn: Rund 200.000 leben in Budapest und sie leiden ebenfalls unter dem Erstarken der Faschisten. Bei der jüdischen Gemeinde verzeichnet man verbale und tätliche Angriffe auf Synagogen - und Mitbürger, wie den durch TV-Auftritte bekannten Intellektuellen Gaspar Miklos Tamas.

Gaspar Miklos Tamas:
"Wenn die ungarische Garde vorbeimarschiert - die kennen mich natürlich vom Fernsehen - also die sagen mir: ‚Heil Hitler, Herr Tomas wie geht's?' Und dabei ist beides bedeutend: ‚Heil Hitler' und ‚Wie geht's?' Denn wir sind hier ein kleines Land, wir kennen uns gegenseitig."

Und daher wissen auch alle, dass die Drohung ernst zu nehmen ist. In den Roma-Siedlungen hat die Polizei ihre Patrouillen verstärkt. Gleichzeitig hat die größte Polizeigewerkschaft jetzt aber einen Kooperationsvertrag mit der rechtsextremen Jobbik-Partei unterzeichnet, die hinter der "Ungarischen Garde" steht. Der Justizminister will jetzt prüfen lassen, ob damit die unparteiische Polizeiarbeit noch gewährleistet ist.

(Quelle: ard/werg)

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