Ein Weltkulturerbe wird zertrampelt

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Ein heiliger Ort - bis 5.30 Uhr

Touristen belagern Machu PicchuVon allen besonderen Plätzen, an denen wir jemals gefilmt haben, ist dies der Atem beraubendste und geheimnisvollste. Die Magie muss einem nicht erklärt werden, sie ist mit allen Sinnen zu spüren. Vor allem bei Sonnenaufgang, wenn man außer in Gesellschaft von ein paar Lamas ganz alleine ist. Es ist ein Heiliger Ort in der Abgeschiedenheit der Anden. Die sagenumwobene Kultstätte der Inka: Machu Picchu.

Dieser Hochaltar oberhalb des heiligen Urubamba-Tales war eine der wichtigsten religiösen Stätten der Inka. In 2.400 Meter huldigten sie ihrem Sonnengott Inti. Machu Picchu - heute 550 Jahre alt - eine fast unglaubliche architektonische Meisterleistung. Als erstem Ort in ganz Peru wurde Machu Picchu bereits 1983 das Prädikat "Weltkulturerbe" verliehen.

Heute, ein Vierteljahrhundert später: bereits ab halb sechs in der Frühe löst die Magie sich in Luft auf.

Eine Flut von Pauschaltouristen ergießt sich über die Treppen und Tempelanlagen, die für wenige Priesterinnen und Priester des Sonnenkults gebaut worden war. Die überirdische Ruhe wird abgelöst durch Rufen, Rempeln und Drängeln. Vier von fünf Touristen, die nach Peru kommen, haben Machu Picchu auf ihrem Programm.

Professor Ugarte ist einer der wenigen, die den Massentourismus in Machu Picchu kritisieren, und den Ausverkauf der Kultur. Dem kämpferischen Professor läuft heute ausgerechnet eine offizielle Delegation aus den USA in die Arme. Vor fast hundert Jahren hatten Nordamerikaner praktisch das ganze Gold aus Machu Picchu mitgenommen. Dieses Nationaleigentum ist heute nicht in Peru zu besichtigen, sondern in der Universität Yale in Connecticut.

"Gebt es zurück, ihr habt es versprochen!", grollt Ugarte, und jeder weiß, was er meint. Betretenes Schweigen.

Kein Disneyland in den Anden

Professor Ugarte trifft US-AmerikanerDer Professor kämpft für die Würde seiner Heimat - und für die Würde von Machu Picchu; oder zumindest den letzten Rest davon.

Hamburger im Heiligtum, Capuccinos auf dem Kultplatz. Zusammen bringen die Besucher rund 280 Tonnen auf die Waage, jeden Tag! Ein Weltkulturerbe wird förmlich zertrampelt.

Prof. David Ugarte, Universität Cusco:
"Die Leute müssen endlich begreifen, dass Machu Picchu kein Disneyland in den Anden ist. Es ist ein religiöser Ort; von der gleichen Wichtigkeit und Bedeutung wie der Petersdom oder die Klagemauer."

Zu Hunderten strömen die Touristen aus den Zügen und werden Dutzendweise in einer endlosen Buskarawane auf den Gipfel gekarrt. Auch die ehemals unberührte Natur in den Anden leidet dadurch schwer.

Touristen pflücken nicht selten eine der 350 prachtvollen, vom Aussterben bedrohten Orchideenarten der Region, und mit ihrem Lärm verscheuchen sie die scheuen, schillernden Kolibris.

Kritik am Massentourismus

Häuser in CuscoDie letzten Bären, Pumas und Kondore, die die Sonnenkönige als Götter verehrten, wurden hier im Heiligen Tal der Inka in den 90er Jahren gesichtet, bevor der Massentourismus so richtig begann. Mittlerweile steht die Identität der indigenen Peruaner auf dem Spiel, gerade weil die Touristen ihnen jeden Kitsch abkaufen.

Cusco, 75 Kilometer von Machu Picchu entfernt: die wundervolle, prächtige, mit Geschichte geradezu gepflasterte Regionalhauptstadt. Früher war Cusco die Keimzelle des Inka-Imperiums; heute ist sie die Keimzelle des Widerstands.

Der Dekan der anthropologischen und archäologischen Fakultät ist bekannt für seine wortgewaltigen Vorträge, seine Studenten hängen Professor Ugarte geradezu an den Lippen. Gemeinsamer Feind: der ungezügelte, oberflächliche Tourismus. Weil Machu Picchu jeden Tag mehr zertrampelt wird, haben sie beschlossen, jetzt in die Offensive zu gehen. Die Studenten versammeln sich regelmäßig in Cusco zu Demonstrationen und Sitzstreiks.

Es gibt nicht viele, die in Peru den Tourismus kritisieren, denn er bringt dem Staat und der Gastronomie gewaltige Einnahmen. Professor Ugarte, früher selbst Direktor des nationalen Kulturinstituts, war lange Zeit ein einsamer Rufer in der Wüste. Doch immer mehr Menschen teilen heute seine Ansichten. Ein radikales Umdenken hat begonnen.

Zeugen der Kultur

Eine Studentin im InterviewStudenten sagen uns:
"Für Touristen mag es unbedeutend sein, aber für uns ist jeder Stein dort oben Zeuge unserer Kultur und unseres Volkes."

"Machu Picchu ist nicht geschaffen für Massentourismus. Es ist für uns ein heiliger Ort, und mehr als das: Machu Picchu ist Teil von uns selbst."


Während die einen gegen die Zerstörung der peruanischen Kultur mit geschliffener Rhetorik kämpfen, tut Augustin es mit seinen bescheidenen, aber ebenso ernsthaften Mitteln: Der Aufseher säubert das Weltkulturerbe vom Zivilisationsmüll: Dosen, Plastiktüten, fettiges Papier, Taschentücher, Flaschen. Und manchmal muss er sogar Steine in die uralten Inka-Mauern einsetzen, die ein Tourist herausgebrochen hat.

Mit uns zusammen erklimmt Augustin den Gipfel des Wayna Picchu. Aus dem Quetschua der Inka übersetzt heißt das "junger Hügel". Wie ein Zuckerhut erhebt er sich über den "alten Hügel" Machu Picchu. Dies ist Augustins Lieblingsort, denn den steilen Aufstieg schaffen nur die wenigsten Touristen. Seit mehr als 30 Jahren hütet der zähe Mann nun bereits die Tempelfestung, und beobachtet den dramatischen Anstieg der Besucherzahlen. Noch bis in die 90er Jahre, so sagt er uns, waren es gerade mal wenige Hundert am Tag.

Tourismus im Zweischichtbetrieb

Augustin Alcalá, der Aufseher von Machu PicchuAugustin Alcalá, Aufseher Machu Picchu:
"Heutzutage gibt es wirklich sehr viele Touristen hier oben: so zwischen 2.000 und 2.500 als Standard, als Minimum. Und in der Hochsaison noch mehr, bis zu 4.000 am Tag."

Doch das ist noch lange nicht der Gipfel: Ein aktueller Masterplan der lokalen Regierung will erlauben, dass bis zu 10.000 Touristen täglich über das Heiligtum herfallen, in zwei Schichten: Tag und Nacht. Dann hätten Professor Ugarte und seine Studenten ihren Kampf endgültig verloren, denn das wäre das Ende für einen der magischsten Orte auf dieser Welt.

(Quelle: br/werg)

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