Der Pharmabazar

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Wenn ein neuartiges Arzneimittel auf den Markt kommen soll, legt der Pharmahersteller selbst den Preis dafür fest. Das ist in den allermeisten anderen Ländern schon lange nicht mehr üblich. Während man dort über den Preis verhandelt bevor er bezahlt wird, kann man bei uns allenfalls hinterher versuchen die Kosten zu begrenzen. Welche Konsequenzen diese "freie Preisgestaltung" auf dem Pharmasektor für die Patienten hat, zeigt ein drastisches Beispiel.

Patienten auf dem Weg in die Augenklinik.Alle paar Wochen schickt der Augenarzt Gernot Petzold seine Patienten im Kleinbus auf eine „Spritz“-Tour – sie sollen eine Spritze direkt in den Augapfel bekommen. Dafür müssen Sie in den OP einer Augenklinik. Die vier leiden an der feuchten altersabhängigen Makuladegeneration, kurz feuchte AMD. „Das ist eine Erkrankung der Netzhaut die im Alter auftritt, und die in der Regel immer innerhalb weniger Wochen unbehandelt zur Erblindung geführt hat. Und dieses Einspritzen des Medikaments ist im Moment die einzige Methode, die diese Erblindung verhindern kann“, erklärt Dr. Gernot.

Medikament fürs Auge

Für Johann H. kommt heute die dritte Spritze. Er ist knapp 80 Jahre alt. Auf den Bildern von seinem Augenhintergrund ist der dunkle Fleck zu sehen, der ihm Probleme macht. Wegen diesem Fleck konnte er plötzlich kaum noch etwas sehen. Seine Selbstständigkeit steht deshalb auf dem Spiel – die Krankheit macht das tägliche Leben schwierig, das Essen zum Beispiel: „Ich weiß halt nicht was auf dem Teller ist“, erzählt er. „Dann muss ich halt schauen, und ganz nah hinschauen, und dann siehst Du es auch nicht richtig. Das ist schon komisch. Und daher bin ich froh, dass ich jetzt durch die Spritzen schon wieder bedeutend mehr sehen kann.“

Hausgemachte Konkurrenz

Dank der Behandlung kann Johann H. wieder sehen. Sein Arzt setzt dabei auf das Medikament Avastin. Das ist aber nicht selbstverständlich. Er könnte auch ein anderes Mittel nehmen: Lucentis. Lucentis und Avastin sind sehr eng verwandt, Wissenschaftler sprechen von Geschwistermolekülen. Beide wurden von ein und derselben amerikanischen Firma entwickelt. Avastin kostet etwa 50 Euro pro Auge, Lucentis dagegen rund 1.300 Euro. Trotzdem sollen die Augenärzte das billige Avastin eigentlich nicht mehr einsetzen.

Dr. Armin Scharrer vom Bundesverband Deutscher Ophthalmochirurgen sagt: „Wenn man ein Medikament hat das hervorragend erprobt wurde, wie das Avastin, was viele hunderttausend Mal eingesetzt wurde, was eine Vertrauensbasis gewonnen hat, nicht nur beim Arzt sondern auch bei Patienten. Wenn das sehr viel preiswerter ist als das Lucentis – warum müssen wir dazu verdonnert werden, dann das teure Medikament zu nehmen?“

Mit dem Schwesterprodukt Geld verdienen

Denn genau das will Novartis. Die Firma will mit Lucentis Geld verdienen. Viel Geld. Es geht um Milliarden. Der Fall Lucentis zeigt, wie die Pharmaindustrie bei so etwas vorgeht:

In den USA entwickelte die Firma Genentech die beiden Medikamente Avastin und Lucentis. Die Firma gehört dem Pharmariesen Roche, zu 100 Prozent. Novartis wiederum hält ein Drittel der stimmberechtigten Aktien von Roche. Novartis vertreibt Lucentis, außerhalb der USA. Roche vertreibt Avastin. Beide Medikamente sind sehr eng verwandt, werden aber für unterschiedliche Anwendungen zugelassen. Avastin als Krebsmedikament. Lucentis, einige Jahre später, als Augenmedikament.

Zu dieser Zeit setzen aber bereits zahlreiche Augenärzte erfolgreich Avastin ein, obwohl Avastin dafür keine Zulassung hat. Off-Label-Einsatz nennt sich das. Mit der Zulassung von Lucentis darf dieser Off-Label-Einsatz von Avastin aber nicht mehr von den Gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Die müssen stattdessen Lucentis bezahlen. Statt rund 50 Euro für Avastin sind jetzt die knapp 1.300 Euro für Lucentis fällig – mehr als das zwanzigfache.

Johann H. bekommt Avastin und ist damit zufrieden. Wenn alle Patienten, die wie er dafür in Frage kämen, tatsächlich mit Lucentis behandelt würden, wird es teuer. Experten zufolge könnte das alleine in Deutschland mehrere Milliarden Euro pro Jahr kosten. Und deshalb wird gekämpft – mit allen Mitteln.

Einschüchterung der Ärzte
 

Vor der Kamera will Novartis keine Stellungnahme dazu abgeben. Schriftlich weist die Firma die Vorwürfe zurück: „Dieser Vorwurf ist falsch. Auf den ausdrücklichen Wunsch vieler Augenärzte weisen wir auf die korrekte Anwendung hin. Zeitweilig haben wir in Broschüren über mögliche Konsequenzen eines off-label-use informiert, zum Beispiel bei fehlerhafter Patientenaufklärung. Ärzte und auch Patienten sind hier verunsichert und wenden sich häufig mit der Bitte um Hintergrundinformationen direkt an uns.“

Reinhold Preißler, Fachanwalt für Medizinrecht, beurteilt diese „Informationen“ anders. Er sagt: „Ärzte werden angeschrieben und werden auf das Risiko aufmerksam gemacht, dass, wenn sie Avastin einsetzen, Ihre Haftpflichtversicherung diese Therapie nicht bezahlt. Bis hin dazu, dass sie Körperverletzung begehen, weil sie den Patienten an seiner Gesundheit schädigen, wenn sie Avastin verwenden. Sie werden also konkret mit strafrechtlicher Verfolgung bedroht.“

Vergleichsstudie

In dem Streit geht es vor allem um viel Geld. Was aber ist mit der Gesundheit der Patienten? Ist das preisgünstige Avastin, mit dem Johan H. behandelt wird, wirklich genauso gut wie das teure Lucentis? In mehreren Studien werden die beiden Medikamente derzeit direkt miteinander verglichen – ohne Unterstützung der Hersteller.

Schwieriger Eingriff: Augen-OP.Der Bremer Pharmakologe Prof. Bernd Mühlbauer leitet eine dieser Studien. Die Hypothese die er prüft: Lucentis und Avastin sind gleichwertig. Und es könnte sogar noch etwas weit überraschenderes herauskommen. „Eine der Möglichkeiten ist, dass man Avastin seltener injizieren muss als Lucentis, weil es länger im Auge verbleibt als das eben kleinere Molekül“, sagt Prof. Mühlbauer. „Das würde bedeuten, dass man mit weniger Injektionen zum gleichen therapeutischen Erfolg käme. Und zwei oder drei eingesparte Injektionen - Sie haben ja verfolgen können, dass das durchaus ein erheblicher Eingriff ist – er muss in einem OP stattfinden, hat Infektionsrisiko, hat Blutungsrisiko, das heißt: je weniger solcher Eingriffe man braucht, desto besser ist es. Und dann wäre natürlich auch das Medikament überlegen.“

Das wären gute Nachrichten für Johann H. Aber sogar wenn Avastin besser ist – der Hersteller will die Zulassung für die Anwendung im Auge nicht beantragen, und niemand kann ihn dazu zwingen. Johan H. und seine Mitpatienten müssen ihr Avastin also noch lange „off-label“ bekommen – wohl bis an ihr Lebensende. Bei ihren regelmäßigen „Spritz-Touren“ in die Klinik.

(Quelle: swr/werg)

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