Ein Jahr danach...

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Wiederaufbau nach dem Erdbeben in Yingxiu Trümmerlandschaften, auch heute noch, ein Jahr nach der Katastrophe. Wir sind unterwegs im Erdbebengebiet, auf dem Weg in die schwer getroffene Stadt Yingxiu. Gleich neben der Strasse, ein Gedenkstein: Hinter diesen Bergen, informieren uns die Schrifttafeln, lag das Epizentrum des Bebens. Hier geht inzwischen nichts mehr: Auf 20 Kilometern Länge stauen jetzt sich die Lastwagen, die Baumaterial und schwere Geräte in die zerstörten Gebiete bringen. Denn überall wird aufgebaut: Hier muss eine eingestürzte Brücke neu errichtet werden. Die Zeit drängt, die neue Autobahn im Nachbartal ist bald fertig und nur über diesen Fluss erreichbar. 400 Arbeiter sind im Einsatz, tag und nacht wird hier gearbeitet – und geschlafen auch. „Ursprünglich wurden uns für diese Brücke eineinhalb bis zwei Jahre gegeben“, erklärt der Ingenieur Liu Bo. „Jetzt heisst es, wir müssen es in acht Monaten schaffen. Das geht nur, wenn wir rund um die Uhr arbeiten. Der Zeitplan ist wirklich teuflisch eng.“

Zerstörungen nach dem Erdbeben in Yingxiu Yingxiu - die Stadt, die das Beben am härtesten getroffen hatte, ist noch immer eine Trümmerwüste. Und, so makaber das klingt, ein Hotspot für Erdbebentouristen. Schaulustige aus ganz China kommen hierher. Schnappschuss im Katastrophengebiet: Bizarr gekippte, wild durcheinander gewürfelte Ruinen. Yingxiu will Touristen anlocken, denn das Freilichtmuseum ist auch eine Einnahmequelle für die Überlebenden. Diese Rentner sind aus der südchinesischen Provinz Hunan angereist. Sie haben das zerstörte Yingxiu damals im Fernsehen gesehen und jetzt in der Zeitung gelesen, dass man hier viel zu sehen bekommt. „Das ist schon erschütternd“, meint ein Tourist. „Wissen Sie, ich war nur ein einfacher Soldat und dann Bauer, viel Geld habe ich nicht, aber wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich soviel spenden, wie ich kann.“

Zerstörungen nach dem Erdbeben in YingxiuSie sehen die Ruinen mit anderen Augen: Ma Daoyin und seine Frau Chunhua haben dort unten am 12. Mai ihre beiden Kinder verloren. Ihre Leichen in dieser bis auf den Erdboden zertrümmerten Grundschule wurden nie gefunden. „Als die Erde bebte, wurde es plötzlich schwarz wie die Nacht“, erinntert sich Luo Chunhua. „Überall schrien Leute um Hilfe und wir fingen an, sie aus den Trümmern zu ziehen. Dann ging ich zur Schule und wartete. Drei Tage lang. Es war grauenvoll. Ich sah, wie andere Kinder tot geborgen wurden und manchmal nur noch Körperteile. Als ich wusste, dass ich meine Kinder nie wiedersehen würde, habe ich nur noch geweint.“ Wie andernorts auch ist die Schule in Yingxiu eingestürzt wie ein Kartenhaus. Doch auf Zorn wegen schlampiger Billigbauten trifft man hier nicht. Schliesslich wurde in Yingxiu fast alles zerstört. Weil sie ihre Kinder nicht begraben konnten, sagen die Mas, ziehe es sie immer wieder hierher. Hier oben, wo sie sich ihnen nahe fühlen und doch Abstand halten zu dem unheimlichen Grab. „Trotz allem versuchen wir, nicht mehr ganz so traurig zu sein“, sagt Luo Chunhau.“Denn wenn wir so viel weinen, sind die beiden da unten bestimmt auch unglücklich. Neulich habe ich sogar geträumt, dass unsere Kleinen uns bitten, doch nicht mehr zu weinen, weil sie das so traurig macht.“

Zerstörungen nach dem Erdbeben in Yingxiu Die Überlebenden wohnen noch immer in Notunterkünften. Doch sie klagen nicht: Die Mas etwa sind einfache Leute. Früher, sagen sie, konnten sich kaum das Öl zum Kochen leisten, heute gibt die Regierung ihnen drei Mahlzeiten, Wohnraum und Taschengeld. Und allmählich beginnt man, das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen: In den Baracken sind ganze Einkaufszeilen entstanden. Doppelt gebratene Niere an grünem Pfeffer zum Beispiel ist ihre Spezialität: Zhang Xianzhen hat ihren Mann verloren, der im LKW unterwegs war, als die Erde bebte. Seine Leiche wurde nie gefunden. Frau Zhang will auf eigenen Füssen stehen. Und das Geschäft läuft. - Vor allem Touristen kommen hierher, aber auch Ingenieure, die in Yingxiu Aufbauarbeit leisten. „Das alles kann man nur durchstehen, wenn man tapfer ist“ meint die Restaurantbetreiberin Zhang Xianzhen. „Sich nur von der Partei oder der Regierung durchfüttern zu lassen, das ist doch kein Leben! Wir müssen von unserer eigenen Arbeit leben!“ Ihre Tochter Xiuling hilft im Restaurant, die ältere Schwester studiert in Chengdu. Ihre Mutter hat, wie alle hier in Yingxiu, viel durchgemacht. Umso bewundernswerter, wie sie und ihre Freundinnen das Leben mit typisch chinesischer Tüchtigkeit meistern. Mittagszeit: Ihre Tochter ist derweil mit einem sehr c h i n e s i s c h e n Streit beschäftigt: Jeder will unbedingt die Rechnung begleichen, das ist Ehrensache in China. „Ich habe nach dem Beben lange im Krankenhaus gelegen“, erzählt Zhang Xianzhen. „Als ich wieder gesund war, fing ich gleich an: In der nächst gelegenen Stadt, habe ich Kochgeräte, Geschirr, Tische und Stühle gekauft. Ich muss Geld verdienen, weil ich unsere beiden Töchter jetzt alleine durchbringen muss.“

Zerstörungen nach dem Erdbeben in Yingxiu Die Überlebenden von Yingxiu müssen noch warten, bis sie wieder in einer richtigen Stadt wohnen. Immerhin, die erste Fläche ist jetzt planiert. Die Regierung hat einen jungen Parteisekretär in die Trümmerwüste geschickt. Cai Dai Min soll die Stadt wieder aufbauen. Stunde Null in Yingxiu: Hier, auf diesem Feld, überschneiden sich Schmerz und Hoffnung. „In Zukunft brauchen wir keine Angst mehr vor der Natur mehr zu haben“, meint Parteisekretär Dai Min. „ Denn wir werden aus Yingxiu eine Welt-Modellstadt in Sachen Erdbebensicherheit machen. Wir werden ganz neue Konzepte entwickeln und Baumaterialien verwenden, die jedem Erdbeben widerstehen.“ Die Mas verbringen heute den letzten Tag gemeinsam in Yingxiu. Dao Yin ist Wanderarbeiter, morgen verlässt er die Stadt. Kein Abschied von seinen Kindern wie früher, nur Photos sind ihnen geblieben. Chun Hua ist, wie viele Mütter, die ihre Kinder verloren haben, wieder schwanger. Sie habe die Stille nicht mehr ertragen, sagt sie, und noch sei sie jung genug. „Jetzt hoffe ich, dass die neue Stadt bald fertig ist“ sagt Ma Daoyin. „Uns wurde gesagt, dass wir in einem zweistöckigen Haus wohnen werden, mit einem Vorgarten und Grünfläche nach hinten raus. Die wird ummauert, so dass wir einen eigenen, kleinen Hof haben.“ Wenn das Baby zur Welt kommt, sagen die Mas, werden sie jeden Tag als Geschenk betrachten. Weil sie nicht vergessen können, was sie von einer Minute auf die andere verloren haben, an jenem 12. Mai, um 14.28 Uhr.


(Quelle: daserste.de/werg)

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