Jugend ohne Krankenversicherung

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Fahrradkurier Manhattan, New York, Mittagszeit. Der Verkehr ist wie immer heftig und für manche richtig gefährlich: zum Beispiel für Alex, den Fahrradkurier. Er schlängelt sich irgendwie durch, Fahrradwege gibt´s hier nicht, die Autos sind so etwas wie sein natürlichen Feinde. Verletzungsgefahr? – Hoch. Alex, hat, wie zigtausende junger Leute in New York, keine Krankenversicherung. Er verdient zwar als Kurier nicht ganz schlecht, kann sich aber keine Krankenversicherung leisten. Er sitzt in der Falle. „Jeden Tag hab ich Angst davor mich zu verletzen. Wenn es passiert kann ich nicht zur Arbeit, kriege also kein Geld, muss dann aber Arztrechnungen bezahlen. Das ist eine Art Doppelbestrafung. Ein Desaster.“

Nächster Auftrag: drüben in Brooklyn. Am altehrwürdigen Brooklyn College, einer typisch amerikanischen Uni, studieren 16.000 junge Leute. Gebühr pro Semester 3000 Dollar. Fast umsonst für amerikanische Verhältnisse. Elizabeth hat sich grade ihren Kaffeebecher geholt und ist auf dem Weg ins nächste Seminar. Es geht um Anatomie, Elizabeth will mal Ärztin werden. So absurd es ist : mindestens jeder vierte hier hat keine Krankenversicherung, weil zu teuer. Auch Elizabeth. Zweimal landete sie wegen Infektionen als schwerer Notfall im Krankenhaus. Ergebnis : 11.000 Dollar Schulden, die sie nicht bezahlen kann. Sie kämpft gegen Depressionen, für Medikamente dagegen hat sie kein Geld. „Das treibt mich jeden Tag um,“ sagt sie. „Wenn mir irgendein blödsinniger Unfall passiert bin ich erst recht bankrott.“ Das amerikanische Gesundheitssystem und die Medizin sei vom Streben nach Profit, von Geldmacherei getrieben. Da geht es nicht um die Fürsorge für Menschen, sagt sie. Sie will darum kämpfen, dass sich das ändert.

Ärztin und Patientin Draußen auf dem Unihof, dem Campus, wie man hier sagt, stehen auch Juliana und Jasmin. An diesem Stand geht´s um Werbung für einen neuen Gesundheitsdrink. Aber was hier tatsächlich viele umtreibt ist eben das Leben ohne Krankenversicherung. Aus Angst vor Schulden zeigen viele Mitstudenten von Juliana und Jasmin das gleiche Verhalten. „Normalerweise warten sie bis zur letzten Minuten, wenn sie irgendeine Krankheit mit sich herumtragen“, sagt Juliana. „Und wenn sie sich dann doch behandeln lassen kann´s zu spät sein.“ Juliana hat beschlossen, sich als sogenannter student organizer einzumischen und dagegen zu kämpfen. Genauso Jasmin. „Die Leute haben begriffen, dass ist wichtig und beginnen zu handeln.“ Beide hoffen dabei auf Präsident Obama, dass er das wie versprochen im ganzen Land anpackt. „Wir fangen hier im kleinen an!“

Ärztin und Patientin Brooklyn, New York, ein paar U Bahn Haltestellen weiter. Weil sie regelmäßige medizinische Betreuung braucht, um halbwegs gesund zu bleiben, hat Elizabeth in ihrer Not in einer Praxis Hilfe gefunden, deren Ärztin sie nebenher fast umsonst mit durchzieht. Dr. Maggie Carpenter. Eine sozial engagierte Medizinerin. Sie kennt die Probleme von Elizabeth und vielen anderen jungen Leuten mit diesem Gesundheitssystem und weiß, dass es geändert werden muss. Es ist im Laufe der Jahre nicht besser, sondern noch schlechter geworden. „Als ich Medizin studiert habe vor 10 Jahren, haben wir es schon Krise genannt. Jetzt ist es noch schlechter.“ Dann sagt sie: „Vielleicht trägt ja die Wirtschaftskrise endlich dazu bei, dass sich was ändert.“ „Ich müsste ohne diese Ärztin um meine Versorgung noch mehr kämpfen“ sagt Elizabeth. „Wenn ich ehrlich bin wüsste ich nicht was ich tun sollte.“

Ein letztes Mal - Brooklyn, New York. Hier in diesem Haus wohnt Elizabeth zusammen mit ihrem Mann Alexandro in einer Einzimmerwohnung. Während sie studiert hält Alexandro sie mit 2 Jobs gleichzeitig als Koch über Wasser. Auch er hat keine Krankenversicherung, dafür reicht das Geld nicht. Beide hoffen auf Präsident Obama und dass er das Gesundheitssystem ändert. Dann sagt Alexandro einen bitteren Satz. „Wir schaffen es nicht zu sparen, sagt er. Und das Baby, von dem sie beide träumen? Ein Baby ohne Krankenversicherung, sagt er, das ist einfach nicht möglich.“ Es ist Abend geworden in New York City und unser Fahrradkurier Alex von heute Mittag hat den härtesten Teil des Tages hinter sich – und: er hat ihn unverletzt überstanden. Sein Traum übrigens: er will unbedingt Bibliothekar werden. Und so funkelt New York City verführerisch in der herein brechenden Nacht. Für manche aber kann New York wirklich hart sein. Und zwar auch dann, wenn sie jung sind.


(Quelle: daserste/werg)

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