Fischer mit "Knarre"

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Krabbenfischer Bei Sonnenaufgang verlassen die Krabbenfischer von Yeongpyeongdo den Hafen. Eine Stunde brauchen sie bis zu den Fanggründen. In Südkorea beneidet sie keiner um ihre Arbeit. Kapitän Park muss genau gucken, wo er entlang fährt. Denn die Seegrenze zum verfeindeten Nordkorea ist ganz nah. „Die Grenze dürfen wir nicht überschreiten“ erklärt der Krabbenfischer Seok-Jae Park, die Nordkoreaner würden uns verhaften. Unsere eigene Marine passt aber auch auf, dass wir nur hier unterhalb der roten Linie fangen.“ Die Eskorte der Fischer: Südkoreanische Kriegsschiffe fahren auf der Seegrenze auf und ab. Die Spannungen zwischen den Bruderstaaten haben sich hier schon öfter entladen: Vor sieben Jahren starben beim bislang letzten Gefecht sechs südkoreanische Soldaten und eine unbekannte Anzahl Nordkoreaner. „Damals waren Fischer Bang und Kollegen auch gerade beim Krabbenfang. Wir konnten das Gefecht hören“, erinnert sich Young-Soo Bang. Über Funk kam dann die Meldung: Ernstfall, alle sofort zurück in den Hafen. 15 Tage durften wir nicht rausfahren. Alle hatten Angst, vor weiteren Zusammenstößen.“

YeongpyeongdoYeongpyeongdo, malerische Küsten, aber auf den zweiten Blick ist die kleine Insel der Krabbenfischer eine Festung: Überall getarnte Aussichtsposten, und aus den Klippen schauen lange Kanonenrohre hervor. Auf jeden der 1600 Einwohner kommt etwa ein Soldat. Rund um die Insel: Stacheldraht. Zwischen den vielen Militäranlagen fallen die beiden Fischerdörfer kaum auf. Bis zum nächsten südkoreanischen Hafen sind es 70 Kilometer – Nordkorea ist hingegen mit bloßem Auge zu sehen. Vorne unbewohnte Inseln, dahinter im Dunst das Festland des von der Außenwelt abgeschotteten Staates. Dort hat Kwang-Sam You früher gelebt. Wie viele Bewohner von Yeonpyeongdo ist seine Familie im Korea-Krieg vor über 50 Jahren auf die Insel geflüchtet. Was heute im Norden passiert, weiß der ehemalige Fischer nur aus dem Fernsehen. Trotz der Nähe, bekommt er hier vom Alltag im stalinistischen Nachbarland wenig mit. Manchmal, sagt er, würden jedoch Leichen angeschwemmt. „Drei habe ich selbst gesehen, die letzte ist etwa fünf Jahre her. Eine Frau, sie hatte nur eine Unterhose an. Ich glaube, sie sind alle bei Fluchtversuchen verunglückt, oder sie wurden erwischt und erschossen. Einen Mann habe ich selbst beerdigt.“ Lebende Nordkoreaner bekommt Kwang-Sam You hier nie zu Gesicht. Sie dürfen wegen Fluchtgefahr nicht nah der Grenze fischen. Das übernehmen Boote aus China. Nordkoreas wichtigstem Verbündeten. Das ist ihre Flotte, auch sie fangen Blaukrabben für den heimischen Markt.

Kriegsschiff Wenige Kilometer entfernt beginnen die südkoreanischen Fischer mit der Arbeit. Der Blaukrabbenfang ist aufwendig. Mehrere Tage müssen die langen Netze ausliegen. Die Fischer schneiden sie dann jedes Mal kaputt, um die Krabben einsammeln zu können. Die Fangsaison dauert nur knapp fünf Monate. Der Verdienst muss bei den meisten für das ganze Jahr reichen. Kapitän Park legt auf der anderen Schiffseite gleich ein neues Netz aus. Die Tiere gelten als Delikatesse. In den Restaurants auf dem Festland kostet ein Gericht mit zwei großen Krabben 50 Euro. „Sie sind lecker und haben viel Fleisch“, erklärt Kapitän Park, der mit den Tieren nicht gerade zimperlich umgeht. Dann schimpft er über die Chinesen. „Wenn deren Flotte auftaucht, zerstören sie mit ihren Schleppnetzen den ganzen Boden und fangen auch die Jungtiere. Das tun wir nicht, damit sich die Bestände wieder erholen. Jahr für Jahr werden die Netze leerer.“ Die eigene Marine immer in Sichtweite. Nordkorea hat bis in die 90er Jahre weit über 100 südkoreanische Fischer in Grenzgewässern gekidnappt – viele kamen nie zurück. Die Männer sind daher dankbar für die Bewachung. Mittagspause an Bord. Die Fangsaison beginnt nicht gut: Wenige Krabben in den Netzen. Und das Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea ist so angespannt wie lange nicht mehr. Nordkorea hat mit Militärattacken gedroht. Und die Männer glauben, dass das neue Seegefechte vor Yeonpyeongdo bedeuten könnte. „Davor haben wir natürlich Angst“, sagt Seok-Jae Park. „Wir fühlen uns zwar gut beschützt, aber wir könnten dann wieder längere Zeit nicht rausfahren. Wir hoffen, dass unsere Regierung Wege finden wird, damit wir in Ruhe arbeiten können.“

FischkutterAn Land kommen viele Fischerfamilien gerade so über die Runden. Die Bevölkerungszahl hat sich über die Jahre halbiert. Die Bewohner nennen ihre Insel selbst Seniorenheim. Junge wandern ab, zu einsam, kaum Arbeit, außer Krabbenfischen. Und immer den unberechenbaren Norden vor Augen. Sogar die Strände sind verbaut mit Abwehrstangen gegen feindliche Schiffe. Kwang-Sam You fühlt sich hier trotzdem wohl. Nur dass er seine alte Heimat am gegenüberliegenden Ufer nicht einmal besuchen kann, macht den 78-jährigen traurig. Wegziehen kam für ihn nie in Frage. „Hier habe ich alles, was ich brauche. In den großen Städten würde man ohne Geld verhungern. Aber hier muss man nur Reis kaufen. Alles andere, Muscheln, Fisch, Gemüse finde ich hier umsonst.“ Bei Sonnenuntergang kommen die 32 Fischerboote wieder in den Hafen zurück. Großhändler bringen den Fang zu den Märkten ans Festland. Nur ein kleiner Teil bleibt auf der Insel für die Restaurants und die wenigen Touristen. Die Crew von Kapitän Park legt sich nach einem langen Tag manchmal selbst einige Blaukrabben in den Kochtopf, dort werden sie dann orange. Auf der Insel kennt jeder jeden. Rentner You und andere kommen dazu. Gemeinsam stoßen sie an auf dass die Saison gut wird und Nordkorea sie in Ruhe lässt.


(Quelle: ws/ard tokio/werg)

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