Zwangsheirat..

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Najat und Sohn Najat kommt in das Haus, an dem ihr zweites Leben begann. Ein geheimer Ort in Marokko. So fröhlich wie heute war sie nicht, als sie vor einem Jahr zum ersten Mal hierhin kam. Die jungen Frauen hier haben alle eins gemeinsam: Sie sind vor Männern geflohen, mit denen sie als Minderjährige zwangsweise verheiratet wurden. So wie Najat die mit 14 Jahren verkauft wurde. „Ich habe zu meiner Mutter gesagt: Ich will nicht. Ich bin zu jung. Ich will nicht heiraten, ich will in die Schule gehen. Aber wir waren arm, und meine Mutter war krank, sie hatte Angst, dass sie bald stirbt. Sie sagte zu mir: Wenn ich sterbe, bist Du allein, und was wird dann aus Dir? Dann haben die Eltern des Mannes meiner Mutter Geld gegeben, damit sie mich an ihn verheiratet.“ Fouzia Assouli hat ehrenamtlich diese Zuflucht aufgebaut für die Opfer von Zwangsheiraten. Viele der Mädchen hier sind erst sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Sie haben als Kinder nicht lesen und schreiben gelernt, das holen sie jetzt nach. Sie alle haben traurige Geschichten zu erzählen. Auch für Najat sind solche Gespräche wichtig, um ihre Leiden zu verarbeiten. „Ich fühlte mich wie im Gefängnis, solange ich bei meinem Mann leben musste. Einmal wollte ich in ein Krankenhaus gehen. Es gibt doch diese Medikamente, die verhindern dass man schwanger wird. Ich wolle mich danach erkundigen. Er hat mir das verboten. Er sagte, wenn ich Dich dort jemals antreffe, dann breche ich Dir die Beine. Ich habe damals überhaupt viele Schläge bekommen, immer Schläge.“

Najat und SohnEin Kind als Braut und Ware. Das ist zwar verboten, aber immer wieder erlebt Fouzia Assouli, dass viele Familien sich um das Verbot nicht scheren. Sie war die erste in Marokko, die sich um Opfer wie Najat gekümmert hat – und um deren Kinder: Najats Sohn Mohammed kam zur Welt, als seine Mutter 16 war. Mit 20 lief sie weg. Vom Staat hat es für diese Kinder und ihre Mütter noch nie Unterstützung gegeben. „Ich habe irgendwann erkannt, dass die Hilfe nur von uns kommen kann, aus der Gesellschaft“ erklärt Fouzia Assouli, die Gründerin des Frauenschutzzentrum. „Anfangs habe ich die Frauen mit zu mir nach Hause genommen, in meine eigene Wohnung. Das Zentrum hier gab es noch nicht. Bis vor kurzem war so etwas sogar selbst per Gesetz verboten: Man durfte keine verheiratete Frau aufnehmen, die vor ihrem Mann geflohen war, oder ihr bei der Flucht helfen.“ Raus aus dem Versteck. Najat hat ihren Zufluchtsort inzwischen verlassen. Einkauf mit Tochter Najma und Sohn Mohammed. Sie ist jetzt 21, und nach einem Jahr im Frauenzentrum muss sie ihren Alltag jetzt allein meistern. Viel Geld kann sie beim Bummel nicht ausgeben, und die Kinder sind manchmal anstrengend. Aber alles ist besser als ihr früheres Leben.

Najat mit dem Ex-Ehemann Um von diesem Leben eine Vorstellung zu bekommen reisen wir mit Najat in ihr Heimatdorf, wo immer noch der Mann lebt, den sie heiraten musste. Es wird die erste Wiederbegegnung, gut ein Jahr nach der Flucht. Eine Betreuerin aus dem Frauenzentrum ist dabei – als Schutz. Aber Abdelkebir, ihr Mann hat nur Augen für die Kinder. Er ignoriert Najat einfach. Sie will die Scheidung, darum ist sie gekommen. Aber ein Gespräch kommt nicht in Gang. Wir wollen von ihm wissen, ob er das durfte: Eine 14jährige, damals halb so alt wie er selbst, gegen ihren Willen heiraten? „Natürlich ist die Frau mit 14 reif. Was denkst Du denn? Mit 15 ist man nicht mehr jung. Hier bei uns auf dem Land, da gibt es welche, die werden noch viel früher verheiratet. Mit zwölf Jahren. So eine kenne ich auch. Und der geht’s sogar gut damit.“ Najat hat sich beherrscht und geschwiegen – wie während ihrer Ehe, aber jetzt geht das nicht mehr. „Hast Du vergessen, was Du mir angetan hast?“, fragt sie. „Und die Schläge? Ich habe es nicht vergessen“. - Er wiegelt ab, nennt sie eine Lügnerin. – Aber Najat ist jetzt nicht zu stoppen: „Ich habe mir geschworen“, sagt sie, „dass ich niemals zu Dir zurückkehre. Niemals. Es reicht.“

Najat bei der Ausbildung als Weberin Dass sie sich heute traut, so zu sprechen, ist vielleicht Najats größter Sieg. Nur wenigen Frauen in Marokko gelingt es, sich so zu befreien. Vor Gericht ziehen wird sie kaum gegen ihren Mann – die Aussicht auf Erfolg ist gering, das Vertrauen in die Justiz noch geringer. Am nächsten Tag: Najat zurück in ihrem neuen Leben. Sie macht eine Ausbildung als Weberin. Das Frauenzentrum hat ihr die Stelle besorgt – bei einer Hilfsorganisation. Auf dem normalen Arbeitsmarkt hätte sie Schwierigkeiten, Arbeit zu finden. Denn eine Frau ohne Mann, aber mit Kindern gilt vielen in Marokko als ehrlos. Andere junge Mädchen aus dem Zentrum lernen: Makeup und Frisur. Auch hier sind ehrenamltiche Lehrerinnen am Werk. Aber das ist noch keine Berufsausbildung. Die kommt später. Hier geht es um etwas anderes: Sie sollen lernen, sich selbst wertzuschätzen.

Fouzia Assouli„Diese jungen Frauen sind, wenn sie hier bei uns ankommen, fast alle Opfer von Gewalt geworden“ sagt Fouzia Assouli. „Und das führt dazu, dass sie sich selbst nicht schön finden und nicht lieben. Dass sie überhaupt keine Beziehung zu sich selbst haben. Es geht darum, dass sie ihren Körper mögen, dass sie sich selbst nicht mehr ablehnen.“ Das hat Najat schon gelernt – und inzwischen sogar ein eigenes Zimmer bezogen. Das Fenster – nur ein Loch in der Wand. Aber den Stolz auf ihre fünf Quadratmeter lässt sie sich trotzdem nicht nehmen. „Klar ist es ziemlich eng hier. Und warmes Wasser gibt es auch nicht. Zum Duschen muss ich in ein öffentliches Bad gehen. Aber es ist das was ich mir leisten kann, und es ist mein eigenes Heim. Natürlich hätte ich gerne mehr Platz. Ich träume von einem großen Haus. Aber das wichtigste ist, ich will frei und glücklich sein mit den Kindern.“ Sonst hat sie für die Zukunft noch keine großen Pläne. Sicher sei nur eins, sagt Najat: Von Männern habe sie ein für alle mal genug.


(Quelle: ard madrid/swr)

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