Aasfresser im Meer

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Dr. Craig SmithMeeresbiologen wollten mit Hilfe modernster Technologien etwas Außergewöhnliches erforschen: Was passiert mit Walkadavern in der Tiefsee? Mit einem unbemannten Spezialunterseeboot sollte in 2000 Meter Tiefe ein vor längerer Zeit versenkter Walkadaver genauer untersucht werden. W wie Wissen war dabei.


Ein Walkadaver sinkt im blauen Meer.Ein Forschungsschiff im Pazifik vor Kalifornien: Es fährt die Routen ab, die Wale bei ihren Wanderungen bevorzugen. An Bord: Meeresbiologen. Sie wollen in der Tiefsee mit Hilfe modernster Technologien etwas ganz Außergewöhnliches erforschen: Was passiert mit Walkadavern in der Tiefsee?

Die These

Eine rötliche Qualle. Chef des Unternehmens, Dr. Craig Smith, von der Universität Hawaii. Vor 20 Jahren stellte er die These auf: Walkadaver mit ihren vielen Tonnen Fleisch müssen großen Einfluss auf die Ökologie in der Tiefe haben.

Erst seit kurzem ist es Craig Smith möglich, seine These zu überprüfen. Ein unbemanntes Spezialunterseeboot soll in 2000 Meter Tiefe einen vor längerer Zeit versenkten Walkadaver genauer untersuchen. Die Mission ist äußerst kostspielig, wird deshalb auch bei rauer See so lange wie möglich fortgesetzt. Hauptsache, dem teuren Roboter passiert nichts beim Absetzen ins Wasser.

Für Craig Smith ist dies Erfüllung seines Traumes: Mit eigenen Augen sehen, was er bisher nur theoretisch erarbeitet hatte: "Wir machen jetzt unsere erste Tauchfahrt, sinken senkrecht ab in die Tiefe. Dabei begleitet uns ein ganz spezieller Niederschlag, der Meeresschnee (abgestorbenes Plankton, Anm. d. Red.). Das ist die Hauptnahrungsquelle in den Tiefen des Ozeans. Praktisch alle organischen Stoffe, die auf den Meeresboden gelangen, kommen von der Oberfläche. Sie sinken durch diese riesige Wassersäule langsam ab nach unten."

Eine unbekannte Welt

Blasser Tintenfisch mit 'Eselsohren' am KörperAuf ihrem Weg in die Tiefe sehen die Forscher viele ungewöhnlich aussehende Kreaturen. Es wirkt wie ein Wunder, dass es unter den extremen Bedingungen hier überhaupt Leben gibt: Es herrscht ein gewaltiger Druck, die Temperaturen liegen nur zwischen zwei und vier Grad. Der Meeresboden selbst ist eine Wüste - ohne Licht und Pflanzen, die Nahrung ist knapp. Entsprechend sind Stoffwechsel und Wachstum der Tiere äußerst langsam, sie können lange Hungerphasen überstehen.

Etwas auf dem Meeresgrund wieder zu finden, ist mühselig. In dieser Sedimentwüste gibt es ja keine Orientierungspunkte. Aber das Team hat Glück, das Sonargerät des U-Bootes ortet den Walkadaver schon nach recht kurzer Zeit. Und auf ihm wimmelt es von Lebewesen.

Craig Smith ist fasziniert: "Dieser Wal befindet sich im ersten Stadium des Verwesungsprozesses. Man nennt es das Stadium der mobilen Aasfresser. Denn es zieht Scharen von Aasfressern an, die irgendwie perfekt an diese Art von Nahrung angepasst sind."

Aasfresser sind überall

Rötlicher Tintenfisch mit hellen Armen.Gruselfilm: Der Walkadaver ist übersät von tausenden Schleimaalen. Sie haben weder Augen noch Kiefer, saugen relativ große Fleischstücke aus dem Kadaver heraus.

Die große Frage lautet nun: wie finden diese Aasfresser ihre seltene Beute in den unendlichen Weiten des Ozeans? Auch für Craig Smith ist diese Frage noch nicht vollständig geklärt: "Es gibt verschiedene Theorien: Eine geht davon aus, dass der Wal in dem Moment, wenn er auf den Meeresgrund prallt, eine Schockwelle auslöst, die die Tiere im Umkreis von mehreren hundert Kilometern anlockt. Eine wichtige Rolle spielt sicher auch der Geruchssinn. Nehmen wir zum Beispiel den toten Wal: Sein Kadaver setzt eine Duftwolke frei, die sich mit der Strömung trichterförmig ausbreitet. Die Aasfresser, die sich irgendwo auf dem Meeresgrund aufhalten, nehmen diese Duftwolke war und verfolgen ihre Spur, in dem sie sie von rechts nach links durchqueren, bis sich die Spur verliert. Dann kehren sie wieder in die Duftwolke zurück, bis sie schließlich auf den Kadaver stoßen."

Große Aasräuber

Zahlreiche dunkle Aale an einem blassen Walkadaver.Der Walkadaver lockt auch größere Räuber an. Der Schlafhai, der nur in Tiefen unter 100 Meter lebt, findet hier Gelegenheit, sich richtig satt zu fressen.

Und noch eine Art von Aasfressern finden die Forscher, allerdings erst bei näherem Hinschauen: es sind Millionen winziger Flohkrebse mit einer perfekten Strategie für die Tiefsee. Sie können fressen, bis sie das Dreifache ihrer normalen Größe erreicht haben. So haben sie einen Nahrungsspeicher, der bis zu zwei Jahren ausreicht.

Craig Smith vermutet, dass sie und andere Tierarten ohne Walkadaver in der Tiefe längst ausgestorben wären: "Niemand konnte sich vorstellen, dass wir auf den Walkadavern eine ganz eigenständige Fauna entdecken würden, die es nirgendwo sonst gibt. Die Verbindung zwischen den auf dem Meeresgrund lebenden Tiergemeinschaften und den Walen ahnte wirklich niemand."

Das Unten lebt von Oben

Das Ökosystem in der Tiefsee ist insgesamt noch weitgehend unerforscht, und die wundersame Tierwelt lässt uns immer wieder staunen. Aber immerhin ist das Rätsel um den Verbleib der Walkadaver jetzt gelöst.


(Quelle: ndr/werg)

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post