Keine Furcht vor Piraten

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Mehrmals hatte er die Hoffnung auf Heimkehr aufgegeben. Jetzt ist Schiffskoch Roger Arroyo wieder bei seiner Familie in Manila. Auch er war in die Fängen von Piraten vor der Küste Somalias. Durch Lösegeld kam er schließlich frei. In zwei kleinen Booten hatten die Piraten den Tanker angegriffen.
Als wir sie neben uns bemerkten, dauerte es keine 30 Minuten, da waren sie an Bord und schossen in die Luft. Wir rannten auf die Brücke, sie kamen hinterher. Wir sollten keinen Widerstand leisten, sonst würden sie uns töten, riefen sie. Sie wollten sofort mit unserem Arbeitgeber über Lösegeld verhandeln. Immer wenn die Verhandlungen stockten, drohten sie, einen nach dem anderen zu erschießen.

Roger musste für die Entführer kochen, für die Crew blieb immer weniger übrig. Drei Monate dauerte seine Geiselhaft an Bord.

Der Hafen von Manila. Rund um die Containerschiffe, Elendsviertel, in denen viele von weniger als einem Euro am Tag leben müssen. Die Seefahrt ist für Filipinos ein Ausweg aus der Armut.
An dieser Strasse suchen Schifffahrtsunternehmen aus der ganzen Welt trotz Wirtschaftskrise täglich Crew-Mitglieder für Tanker, Container- oder Kreuzfahrtschiffe. Drei bis neun Monate dauern die Verträge. Agenten werben mit Gehältern von etwa 1000 Euro für untere Ränge bis 10.000 Euro für Chefingenieure pro Monat. An Land könnten die Seefahrer nicht annähernd so gut verdienen. Deshalb heuern sie auch auf Schiffen an, die Piratengewässer passieren. Die Regierung hat das zwar verboten, aber hält kaum einen davon ab: Sie brauchen die Arbeit.

Dionisio Sente
Schiffsingenieur
Wir Filipinos denken vor allem an unsere Familien, sagt dieser Schiffsingenieur. Wir fahren zur See und arbeiten im Ausland wegen der guten Gehälter. Wir wählen die Schiffe nicht nach ihren Routen aus, sondern nehmen das Risiko in Kauf.


Hochmotivierte Studenten. Der Nachwuchs für die globale Handelsschiffflotte. Die renommierteste der vielen Seefahrerschulen des Landes liegt zwei Stunden entfernt von Manila. Vor allem japanische und europäische Schiffseigner stellen gerne Filipinos ein: Sie sprechen Englisch, gelten als zuverlässig und sind gut ausgebildet.

Vorbei an der Freiheitsstatur, im Schiffssimulator durch den Hafen von New York. Filipinos besetzen längst nicht mehr nur die unteren Ränge, in Japan stellen sie schon komplette Crews. Die Akademie bildet Offiziere aus fürs Deck und den Maschinenraum. Trotz Gefahren und langer Trennungen von den Familien ist die Seefahrt für die Schüler ein Traumberuf.

Philip Adrian V. Inong
Student, Martime Academy of Asia and the South Pacific
An verschiedene Orte zu fahren, das wird eine tolle Sache. Ich selbst möchte an Bord Deckoffizier werden. Denn Steuern so ein Schiffes macht wirklich Spaß.

Piraterie ist nur eine von vielen Gefahren in ihrem späteren Berufsleben. Hier üben sie das Einsteigen in ein Rettungsboot. Bei Entführungen hängt die Rettung der Crew häufig davon ab, ob die betroffene Reederei die Lösegelder aufbringen kann. Die philippinische Regierung lehnt eigene Zahlungen an Piraten ab, um die Seeleute zu retten.

Die Akademie bereitet die Studenten auf die Berufsrisiken vor – auch auf einen Hubschrauberabsturz auf dem Weg zur Ölplattform. Nur Piratenangriffe stehen hier nicht auf dem Lehrplan. Verteidigung und Schutz der Schiffe liegen in der Verantwortung der Eigentümer. Die Studenten sind sich der Gefahren bewusst – aber niemand gibt deshalb die Ausbildung auf, die für sie die Chance ihren Lebens bedeutet.

Student
Es kommt überall zu Entführungen, auf See, aber auch an Land. Du musst schon wirklich Pech haben, wenn es ausgerechnet Dich trifft. Aber wir werden uns dem stellen.

Nicht weit entfernt der Schule. Eine andere Gefahr für die Seefahrer der Philippinen: Die Wirtschaftsflaute: Schiffe warten im Handelshafen Subic Bay seit Wochen auf Aufträge. Die meisten Eigentümer behalten noch alle Mann an Bord. Aber allein auf den krisengebeutelten japanischen Schiffen arbeiten 40.000 Filipinos. Wie sehr die Besatzungen bei anhaltender Krise schrumpfen werden, weiß niemand. Die Seefahrer bringen derweil die Schiffe auf Vordermann. Bei allen wächst die Sorge, dass sie nach Vertragsende lange auf einen neuen warten müssen. Vor allem untere Ränge werden nehmen müssen, was kommt, egal wohin es geht.

Trotz aller Alarmsignale aus der Weltwirtschaft – die Studenten haben beste Berufsaussichten: Weltweit fehlen über 30.000 Offiziere auf Handelsschiffen. Jeder hier hat daher schon an einen Vertrag bei einer internationalen Reederei, die auch die vierjährige Ausbildung bezahlt. Direktor Runacao will die Schülerzahl sogar verdoppeln. Mehrere 1000 neue Schiffe werden in den nächsten Jahren vom Stapel laufen, und in Japan und Europa, sagt er, würden viele Offiziere in Rente gehen oder lieber an Land arbeiten.

Hinter Mauern mit Sicherheitskontrollen: eine Seefahrersiedlung. Die Familien sind selten zusammen, aber sie können sich schöne Häuser, Autos und gute Schulen für die Kinder leisten – solange die Männer regelmäßig Arbeit auf See finden.

Hier wohnt auch Schiffskoch Roger mit seiner Familie. Die 1000 Euro Monatsgehalt haben den Arroyos zu bescheidenem Wohlstand verholfen. Die Familie braucht das Geld dringender denn je: die 15jaehrige Michelle hat eine schwere Form von Leukaemie. Während der Geiselhaft waren Rogers Gedanken vor allem bei der jüngsten Tochter – ihr Zustand verschlechtert sich von Woche zu Woche. Gerade jetzt möchte er bei ihr und der Familie sein, aber Roger muss bald zurück an Bord, um Geld für die Behandlung zu verdienen.

Roger Arroyo
Ehemalige Piratengeisel

Natürlich mache ich mir auch Sorgen wegen der Wirtschaftskrise. Aber meine Leistungen sind gut. Und ich arbeite schon lange für ein Unternehmen, das zwar schlechter zahlt. Aber sie haben mir versprochen, mich und Michelle jetzt nicht im Stich zu lassen.

Michelle braucht dringend eine Knochenmarkstransplantation. Aber dafür fehlen noch ein Spender und das Geld. Oft hat sie starke Schmerzen. Mindestens sechs Monate werden sie wieder getrennt sein. Roger hat keine Wahl – auch nicht, wenn der Kurs wieder Somalia heißt.

(Quelle: ws/werg)

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