High-Tech aus der Wüste

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Nahaufnahme eines gelblichen Minerals.Auf den ersten Blick ist es ein Stück Glas, das goldgelb in der Sonne der Wüste schimmert. Doch es ist nicht von Menschenhand gemacht, sondern ein Mineral – eines der seltensten und rätselhaftesten auf der Erde. Mineralogen, Geochemiker und Astrophysiker stehen vor einem Rätsel: 1932 wurden in der ägyptischen Wüste die rätselhafte mineralischen Glasbrocken entdeckt. Bis heute findet man dieses Wüstenglas nur dort in einem eng begrenzten Gebiet an der Grenze zu Libyen. Zusammensetzung und Fundumstände deuten auf einen Meteoriteneinschlag vor vielen Millionen Jahren hin. Doch viele Details geben Rätsel auf.

Ein High-Tech-Glas aus dem Vulkan?

Grafik: Ein glühender Meteorit in der Erdatmosphäre. Im Dezember 1932 stieß eine Erkundungsmission des Egyptian Desert Survey in die westliche Wüste Ägyptens vor. Im Grenzgebiet zu Libyen entdeckte die Expedition in einem Gebiet von 20 mal 50 Kilometern Ausdehnung unzählige Brocken eines ihnen unbekannten, durchsichtigen Materials. Innerhalb kurzer Zeit sammelten sie über 100 Kilogramm des "Wüstenglases". Doch erst viele Jahrzehnte später erkannten Mineralogen die Einzigartigkeit der Steine. Sie bestehen zu fast 98 Prozent aus Silizium, sind extrem hitzebeständig und gleichen eher einem modernen High-Tech-Glas als einem natürlichen Gestein – und man findet es nur in dem relativ kleinen Areal an der libyschen Grenze.

In den folgenden Jahrzehnten wurden verschiedenen Theorien entworfen, wie das Wüstenglas entstanden sein könnte. Eine Möglichkeit ist die Schmelze in der Gluthitze eines Vulkans. Die Wissenschaft kennt etliche anderen Arten natürlicher Gläser, die so entstanden sind. Flüssige Lava erreicht Temperaturen bis zu 1200 Grad Celsius und kann bei richtiger Zusammensetzung des Ausgangsmaterials zu einem Glas werden, wenn sie erstarrt. Doch im Wüstenglas finden sich Indizien, die diese Theorie ausschließen. Unter dem Elektronenmikroskop werden im Wüstenglas Zirkone (ZrSiO4) sichtbar, kleine mineralische und in der Erdkruste häufig vorkommende Kristalle. Doch die Zirkone im Wüstenglas sind zum Teil zersetzt – ein Prozess der erst bei Temperaturen von über 1800 Grad Celsius stattfindet. Das ist viel zu heiß für die Entstehung in einem Vulkan.

Inferno aus dem All

Ein Mann steht vor den Vitrinen eines Museums. Ein weiteres Puzzleteil im Rätsel um die Herkunft des Wüstenglases liefert die Analyse auf seltene Elemente. Vor allem in dunklen Verunreinigungen, wie sie einige Brocken des Wüstenglases zeigen, finden sich unnatürlich hohe Konzentrationen seltener Platinmetalle wie Iridium und Osmium. Das Verhältnis ihrer Isotope spricht eine deutliche Sprache: die dunklen Verunreinigungen stammen nicht von der Erde. Zieht man die Information hinzu, dass das Wüstenglas zumindest kurzzeitig über 1800 Grad erhitzt wurde, liegt ein Schluss nahe: ein Meteoriteneinschlag könnte das Wüstenglas erzeugt haben.

So könnte es sich abgespielt haben: ein großer Felsbrocken, 100 Meter im Durchmesser, stürzt auf die Erde. Er ist 15.000 Stundenkilometer schnell. Sein Aufprall hat die Sprengkraft von mehreren hundert Atombomben und setzt so viel Energie frei, dass Sand und Gestein schmelzen: die Geburtsstunde des Wüstenglases. Die Wüstenglasforscher konnten sogar ermitteln, wann dieses gewaltige Ereignis stattgefunden haben muss: vor rund 30 Millionen Jahren. Aber ist das Rätsel des Wüstenglases damit gelöst?

Wo ist der Krater?

Bräunliches Mineral im Wüstensand.Ein solcher Meteoriteneinschlag sollte Spuren hinterlassen Auf Satellitenbildern könnten sie zu sehen sein. Mit Radar und Mikrowellen durchdringen die Späher aus dem All sogar den Sand bis zu einigen Metern Tiefe. Bis jetzt ist die Ausbeute der Wissenschaftler aber mager. Im weiteren Umfeld sind bis jetzt nur zwei Krater bekannt, doch sie sind über 100 Kilometer vom Fundort entfernt. Können sie es trotzdem gewesen sein? Die Wissenschaftler kennen andere Meteoriteneinschläge, bei denen Gesteinsbrocken mehrere Hundert Kilometer weit geschleudert wurden. Doch diese Steine, so genannte Tektite, unterscheiden sich vom Wüstenglas. Immer findet man unter ihnen auch längliche, fast tropfenförmige Exemplare - geschmolzenes Gestein, das im Flug erstarrt ist. Wüstenglas dieser Form gibt es nicht.

Die Krater, die bis jetzt gefunden wurden, kommen also nicht in Frage. Doch wo sind die Spuren des Einschlags? Gibt es am Ende vielleicht gar keinen Krater? Auch das ließe sich wissenschaftlich erklären: Der Meteorit könnte vor dem Aufschlag in viele kleine Stücke zerbrochen und in einem gewaltigen Feuerball in der Atmosphäre verglüht sein. Dieser Feuerstoß hätte die Erde erreichen und das Gestein schmelzen können. Doch wie erklärt sich dann die Verunreinigung durch die außerirdischen Metalle? Noch streiten die Forscher über die richtige Erklärung. Bis ein eindeutiger Beweis – also der Einschlagkrater – gefunden ist, wird das Wüstenglas einen Teil seines Geheimnisses für sich behalten.


(Quelle: wdr/AP)

Veröffentlicht in Startseite

Kommentiere diesen Post