Angelos Traum vom Fliegen

Veröffentlicht auf von Radio Sonnenschein

Angelo und der Kondor Drachenflieger Angelo D'Arrigo liebte die Extreme. Als erster Mensch flog er mit einem Drachen über den Mount Everest und spektakulär über den ausbrechenden Ätna. In einem neuen Projekt wollte er einen in Gefangenschaft geborenen Kondor aufziehen, behutsam auf sich prägen, ihm das Fliegen beibringen, und dann in den Anden, wo Kondore gefährdet sind, auswildern. W wie Wissen hatte ihn dabei begleitet.


Spektakuläre Aktionen getragen von Tierliebe

Angelo d'Arrigo sitzt mit dem Kondor auf einem Felsen Alles, was er über das Fliegen in extremer Höhe weiß, hat er von den Zugvögeln gelernt. Als mehrfacher Weltmeister im Drachenfliegen brach Angelo d’Arrigo sämtliche Rekorde. Was den Ausnahmesportler vorantreibt, ist die Vision, von den Instinkten der Vögel, ihrem Gespür für Thermik zu profitieren, eins zu werden mit der Natur.

Seine spektakulären Aktionen sind getragen von Tierliebe und einer ganz besonderen Mission: Mit einem Wanderfalken überfliegt er die Sahara bis nach Sizilien. Im Sommer 2003 zieht er mit einem Schwarm wilder Kraniche vom Polarkreis ins warme Winterquartier am Kaspischen Meer und sorgt so dafür, dass die vom Aussterben bedrohte Art eine Zukunft hat.

Und schließlich gelingt ihm, nach vierjähriger Vorbereitung, im Mai 2004 die Sensation: die Überwindung des Mount Everest, des höchsten Gipfels der Erde, im freien Flug, in 9000 m Höhe bei minus 50 Grad. Seine Lehrmeister: zwei nepalesische Steppenadler.


Vom Flug der Vögel lernen

Angelo d'Arrigo mit seinem Hängegleiter am Boden Jetzt hat er ein neues Projekt. Er möchte einen in Gefangenschaft geborenen Kondor aufziehen, behutsam auf sich prägen, ihm das Fliegen beibringen, und dann in den Anden, wo Kondore gefährdet sind, auswildern.

Angelo möchte so viel wie möglich vom Flug der Vögel lernen – und sieht sich damit in der Tradition Leonardo da Vincis. Der hat schon vor 500 Jahren nach sorgfältiger Beobachtung des Vogelflugs Flugapparate entworfen.

Mechanische Flügel waren Leonardos erste Idee. Aber sie waren viel zu schwer, um mit menschlicher Muskelkraft betrieben werden zu können. Leonardo war damit klar, dass Flügelschlagen für den Menschen kein gangbarer Weg zum Fliegen war.

Vielleicht aber könnte er sich durch Gleiten in die Lüfte erheben - so, wie es die großen Vögel tun. Ein einziger starrer Flügel könnte einen darunter hängenden Menschen tragen. Leonardo entwarf das Vorbild aller modernen Flugdrachen oder "Hängegleiter“, wie die Fachleute sagen.


500 Jahre alte Konstruktionszeichnungen werden in die Realität umgesetzt

Angelo d'Arrigo mit seinem Hängegleiter in der Luft Wäre Leonardos Konstruktion tatsächlich flugfähig gewesen? Angelo d’Arrigo will es wissen. Mit heutigen ultraleichten Materialien setzt er die 500 Jahren alten Konstruktionszeichnungen in die Realität um. Um sich nicht todesmutig mit dem auf den alten Plänen basierenden Modell einen Berg hinunterstürzen zu müssen, wird der Leonardo-Drachens im Windkanal getestet. Und tatsächlich: das wohl älteste Modell eines Hängegleiters fliegt.

Leonardo hatte Recht, und Angelo fühlt sich bestätigt: Aus der Beobachtung des Vogelflugs kann der Mensch fliegen lernen. Angelo hat sich nun als Lehrmeister den größten Gleitvogel der Erde gewählt – den Andenkondor, der über drei Meter Spannweite erreicht. Gemeinsam mit diesen Königen der Lüfte stundenlang in den Aufwinden zu kreisen, wäre sein Traum. Umsich diesen Traum zu erfüllen, macht er sich auf den Weg zur Greifvogel-Zuchtstation von Gerhard Kropf in der Nähe von Tulln in Niederösterreich.


"Vater" eines Kondors

Angelo d'Arrigo sitzt neben seinem Kondor Hier soll Angelo "Vater“ eines Kondors werden. Nach 65 Tagen im Brutkasten ist es jetzt fast soweit. Damit der Kondor später ohne Scheu mit Angelo fliegt, muss er das Küken auf sich prägen, und das funktioniert nur während einer speziellen sensiblen Phase wenige Stunden nach dem Schlüpfen Genau in dieser Phase muss Angelo da sein, um als Ersatzvater akzeptiert zu werden.

Bald ist das erste Loch in der Eihülle sichtbar. Für das Küken ist das Schlüpfen harte Arbeit. Drei Tage dauert es, bis es sich den Weg ins Leben freigepickt hat. Angelo nennt sein Ziehkind Inka.

Jetzt kommt der wichtige Auftritt des Ersatzvaters. Mit einer Kondor-Puppe bekommt Inka seine erste Mahlzeit. Die Kondor-Attrappe sorgt dafür, dass das Küken nicht nur auf Menschen geprägt wird, sondern später auch andere Kondore als seinesgleichen akzeptiert. Auch an Angelos Flugmaske soll sich Inka von klein auf gewöhnen. Schließlich wird der Vogel seinen Ersatzvater später so erleben, wenn sie gemeinsam in den Aufwinden kreisen.


Den Flugeigenschaften des Kondors möglichst nahe kommen

Anfangs muss Angelo zweimal am Tag füttern. Eine Rotlichtlampe spendet Nestwärme, die Attrappe ein wenig Geborgenheit. So wächst Inka schnell heran. Sein Kopf zeigt nun schon den typischen Kamm des männlichen Andenkondors. Kaum zu glauben, dass seine Stummel mal zu Flügeln mit über drei Meter Spannweite werden.

Anya, Inkas ältere Schwester, soll später Inkas Gefährtin sein. Doppelprägung nennt man es, wenn Vögel auf Menschen geprägt werden, aber trotzdem mit ihren Artgenossen aufwachsen. Inka darf nun zum ersten mal nach draußen. Damit er sich früh an den Hängegleiter gewöhnt, steht dieser schon mal mit im Gehege. Für Inka soll später ein vermummter Mensch, der unter einem Drachen hängt, die natürlichste Sache der Welt sein.

Und es soll nicht irgendein Drachen sein, sondern ein ganz neu konstruierter Hängegleiter, der den Flugeigenschaften des Kondors möglichst nahe kommen soll. Vor allem das Flügeldesign will Angelo den riesigen Schwingen des Kondors nachempfinden.


Der Hängegleiter wird kondorgerecht gebaut

Die führende Hängegleiter-Firma A.I.R. in Leonberg bei Stuttgart soll Angelos Vorstellungen umsetzen. Felix Rühle und sein Team verwenden modernste Materialien aus der Luft- und Raumfahrt für den maßgeschneiderten Hängegleiter. Spezielle Spoiler an den Tragflächen sollen die Flugeigenschaften verbessern, und auch das hier erfundene Leitwerk wird kondorgerecht angepasst.

"Wir benützen auch einen Schwanz, bei uns heißt das Leitwerk, wie aus dem Flugzeugbau bekannt“ erklärt Felix Rühle,"und das benützen wir zur Stabilität, einfach dass wir ruhiger in der Luft liegen bei Turbulenzen und dass wir auch schneller und langsamer fliegen können. Dazu ist das Leitwerk angesteuert. Es kann nach oben ausschlagen. Wir können so die Geschwindigkeit reduzieren um schnell zu steigen, und wir können es nach unten ausschlagen um mit höherer Geschwindigkeit irgendwo zu segeln.“
Beim Kondor wirken die Schwanzfedern als Leitwerk. Kleine Ausschläge bewirken Richtungsänderungen, ohne dass die Flügel dafür bewegt werden müssen.


Kann ein Mensch einem Vogel das Fliegen beibringen?

Mit 6 Monaten ist Inka ausgewachsen – und es geht, gemeinsam mit Anya, auf große Reise. Auch ein Vogel muss das Fliegen erst mal lernen. In seiner Heimat Sizilien will Angelo es dem jungen Kondor beibringen. Hier, am Fuße des Ätna, bläst immer ein kräftiger Wind. Eigentlich lieben Kondore solche Bedingungen. Doch Inka hat Schwierigkeiten, seine großen Flügel unter Kontrolle zu bekommen.

Auch Angelos Überzeugungsversuche beeindrucken Inka nicht. Es hilft alles nichts – Angelo muss Inka das Fliegen vormachen. Unzählige Male fliegt Angelo den Hang hinunter – und klettert mühsam wieder zurück – Inka jedoch bleibt skeptisch. Nach unzähligen Versuchen wachsen in Angelo wachsen Zweifel. Kann ein Mensch vielleicht doch nicht einem Vogel das Fliegen beibringen? Nach gutem Zureden ein letzter Versuch - und endlich klappt es doch noch – Inkas erster Flug. Und sie ist ein wahres Naturtalent.

Ob Angelos neu konstruierter Hängegleiter seinen ersten Flugtest genauso gut besteht? Mit 14 Metern Spannweite steht Angelo am Start. Entspricht das neue Fluggerät seinen Anforderungen? Der Start gelingt. Zunächst der Routine-Check aller Systeme. Gestell, Spoiler und Leitwerk. Dann die Flugeigenschaften. Wie reagiert der Drachen auf Lenkversuche, auf die Thermik, auf Windböen?

Angelo fühlt sich sofort wohl mit seinem neuen Drachen, der nicht nur die Eigenschaften, sondern sogar die Farbe eines Kondors hat. Beste Voraussetzungen also, um mit den majestätischen Gleitvögeln mithalten zu können. In wenigen Wochen will er mit seinen beiden Kondoren in den Anden, der Heimat ihrer Artgenossen, gemeinsam


(Quelle: www.a-i-r.de/greifvogelzuchtstation.at/swr/werg)

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